Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1888)
- Date
- 1888-06-28
- Page
- Seite 413 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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413 Wir gehen die lange und breite Straße einer Vorstadt der großen Stadt D. hinunter. Wie dies an allen solchen Plätzen geschah, streckten sich solche Straßen von der eigentlichen Stadt allmählich in die freie Flur hinaus, zuerst bauten sich da kleine Leute kleine Häuser an, mit einem kleinen Gartenstück versehen. Dann aber fanden reiche Leute, daß es sich da draußen nahe den Wiesen und Wäldern gut leben lasse und Grund und Boden viel wohlfeiler sei, als inmitten der zusammengedrängten Stadt. Man erwarb größere Terrains und baute mehr oder weniger prächtige, mehr oder weniger geschmackvolle Villen. Fast am Ende der Straße, die wir eben durchwandeln, erblicken wir rechts und links zwei Baulichkeiten, die einen recht auffallenden Gegensatz bilden. Auf der rechten Seite der Straße steht ein kleines Haus, das nur ein Parterre enthält von zwei Zimmern und einer Küche und auf dem Boden einige Kammern hat. Es ist weiß getüncht und sieht sauber aus, aber dürftig erscheint es genug. Desto mehr hat sich das gegenüberliegende Landhaus architectonisch geschmückt. Eine schöne Fa^ade bietet dem Auge einen imponirenden und doch angenehmen Anblick; Seulptur und Stückwerk sind nicht gespart, Portal uud Fenster hoch und elegant. Die Villa steht etwas zurück auf einer kleinen Anhöhe und vor ihr breiten sich Blumenrabatten mit einem hochsteigenden Springbrunnen aus, und hinter dem Bauwerk blickt man in einen schattigen Park. Man kann voranssetzen, daß in jener Hütte arme Leute, in dem Landhanse ein Reicher Wohnstätte gefunden. In der ersteren wohnt die Wittwe eines jüdischen Lehrers mit zwei Töchtern. Ihr Mann hatte wacker gearbeitet in seinem Berufe und durch emsigen Fleiß nicht blos in seiner Schule, sondern in Privatstunden die Mittel erworben, sich dieses Häuschen zu bauen. Es war ein Freudenfest für ihn und seine treue Lebensgefährtin, als sie das Häuschen bezogen, das Gärtchen betraten und sich auf eigenem Grund und Boden fühlten. Dieses Glück währte leider nicht lange, der Mann erkrankte und starb. Doch hatte er seine Theuren nicht ganz unver-- sorgt verlassen. Er war einer der Begründer einer Unterstützungseasse für jüdische Lehrerwittwen und -Waisen, und hatte dieses segensreiche Institut mit vieler Anstrengung groß ziehen helfen. Jetzt bezog die Wittwe für sich und ihre beiden Kinder eine kleine Rente, und was zum Unterhalte fehlte, erwarb sie durch Feinnähen und Sticken, wodurch sie schon bei Lebzeiten ihres Mannes nicht wenig zum Erwerbe beigetragen hatte. Sie überwand zwar ihren Schmerz bei dem Hinblick auf die beiden geliebten Kinder, für deren Pflege unb Erziehung sie verantwortlich war; aber die Trauer wich nicht aus ihrem Herzen und nagte an ihrer Gesundheit. Auch mochte wohl das Häuschen nicht ganz gesund sein, denn es stand auf der Seite, wohin das Wasser von der gegenüberliegenden Höhe und von der Straße hinunterfloß. Das schwerste Geschick traf die Arme: sie wurde contrakt und bettlägerig; nur mit der größten Mühe vertnochte sie noch die früher so rührigen Finger zur Arbeit zu gebrauchen. Aber der Herr verbindet ja die Wunden, die sein Geschick geschlagen und träufelt Balsam in sie hinein. Da war ihre älteste Tochter, ein Mädchen von 14 Jahren, glücklicherweise kräftig gebaut und kerngesund, mit ihren rosigen Wangen und leuchtenden Augen. Welch ein Herz hatte dieses Kind! Sie hielt nicht blos den kleinen Haushalt in gewohnter Weise aufrecht, pflegte die Mutter mit unermüdlicher Geduld, nahm sich der jüngeren Schwester von zehn Jahren mütterlich an, sondern suchte auch noch einen Theil des Erwerbes nicht zu verlieren, den ihre Mutter so eifrig betrieben hatte — kurz, mit einem wahren Heldenmuthe stemmte sie sich dem schweren Mißgeschicke entgegen, welches die Familie betroffen uud machte es der leidenden Mutter erträglich, ja : schaffte ihr Augenblicke glücklicher E.ttpfindungett, wenn sie!die Tochter so beschäftigt, so pflichterfüllt, so liebevoll wirthschaften und arbeiten sah. Oft kam ihr freilich der Gedanke, daß ihr Kind ihre Jugend so wenig genießen könnte, daß ihm keine der Freuden zu Thell werde, welche so viele Blumen auf den Weg der Jugend streuen. Aeußerte sie aber solche Gedanken, so wurde Leah beinah zornig und erklärte, daß sie in der Pflege ihrer Mutter und Schwester so viel Freude, in der Zufriedenheit der ersteren und in der Fröhlichkeit der letzteren soviel Glück fände, daß sie sich gar fein anderes denken könne. In dem prachtvollen Gegenüber lvohnte ebenfalls eine jüdische Familie. Dies und daß auch hier zwei Töchter vorhanden waren, bot aber die einzige Aehnlichkeit dar. Beide Gatten lebten noch. Der Mann, einst ein Schulkamerad jenes Lehrers, hatte sich aus dürftigen Verhältnissen zu bedeutendem Reichthum hinaufgearbeitet. Das Glück war ihm günstig gewesen, und er hatte es stets mit großer Gewandtheit zu benutzen verstanden. Nur der Neid konnte ihm etwas Nachtheiliges im Handel und Wandel nachsagen. Dagegen lobte Niemand seinen Charakter. Ec war hochmüthig, prunkliebend und — was incm bei Inden nicht allzu j häufig findet — hartherzig, mitleidstos. Selbst der Ehrgeiz! konnte ihn kaum bewegen, etwas Gutes zu thun, was einige : Geldopfer kostete. Jetzt hatte er sich vom Geschäfte znrnck-! gezogen, dieses prächtige Landhaus gebaut uud luxuriös ausgestattet. Er bewohnte dasselbe also mit Frau und zwei : Töchtern. Hier aber zeigten sich allzu viele Gegensätze.; Mann und Frau vertrugen sich nicht, ihre Neigungen gingen auseinander. Er wollte Gastnähler und Gesellschaften, sie! war kränklich und verdrossen; er wollte sie stets in den kostbarsten Gewändern sehen, sie liebte das Einfache. So lagen sie in stetem Streit mit einander, ihre Herzen halten sich längst von einander abgewendet und nicht selten standen sie schon