Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1888)
- Date
- 1888-06-28
- Page
- Seite 412 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Schrift, abgesehen von anderen Motiven, vollen Grund: „Sie sollen es hören und sich fürchten, daß das Böse schwindet von der Erde." Rußland. Warschau, 16. Juli. Am 11. d. M. ist fast ganz Nowy-Dwor bei Warschau den Flammen zum Opfer gefallen. 30U0 Personen, wovon zwei Drittel Juden, sind obdachlos und dem größten Elend preisgegeben. Gleichzeitig mit obigem Brande wurde ein großes Feuer in Sokolka im Gouvernement Grodno gemeldet; auch hier sind 3000 Familien obdachlos. Rumänien. Bukarest, im Juni. Es ist aus den öffentlichen Blättern bekannt, daß endlich auch das Regiment des Johann Bratiano sein Ende erreicht hat, dieses sog. nationalliberale Element, welches einen wahren Despotismus übte. Es mußte vor dem Volkswillen fallen, der sich aus seiner Apathie emporgerafft hatte. Abgesehen von den nicht zu billigenden! Volkstumulten waren es die Wahlen zum Abgeordnetenhause, welche Bratiano und seinen Helfern ein Ende ihrer Herrschaft bereiteten. Auch die jüngsten Gemeinderathswahlen brachten die Partei des Bratiano zu einer geringfügigen Minorität. Zum Ministerpräsidenten ist Rosetti ernannt, und die Juden knüpfen an diese Ernennung neue Hoffnungen. Rosetti hat sich öfters gegen die grausame Mißhandlung der Israeliten in Rumänien geäußert und unter der neuen Regierung sind bereits einige kleine Vorgänge vorgekommen, welche eine mildere Behandlung unsrer Glaubensgenossen und eine etwas! größere Achtung vor dem Rechte, das allen Staatsangehörigen zukommt, verräth. Indessen müssen wir weitere Thalsachen abwarten, ehe sich bestimmtere Meinungen fassen lassen. — Die Leser werden sich erinnern, daß im vorigen Jahre das Ministerium Bratiano drei jüdische Journalisten unter dem Vorwände, sie hätten die Petition der Londoner Judenschaft an das Parlament wegen der Mißhandlungen der rumänischen Juden und die Agitation der Alliance isr. univ. unterstützt, ausgewiesen hat. Das neue Ministerium Rosetti-Earp hat die Ausweisung zurückgenominen, indem es I die Schuldigkeit der drei Journalisten und die Integrität der Tendenzen der Alliance anerkannte. Auch scholl Etwas! Jeuil Gegensätze. Im menschlichen Leben stoßen wir aller Orten auf Gegensätze. In keiner anderen Wesengattung giebt es eine solche Mannigfaltigkeit der Einzelnen, so viele Eigenart in den Individuen. Es ist dies natürlich, weil eben die Seelenkräfte und Geislesgaben in ihrer Entfaltung in den verschiedensten Richtungen auseinander laufen. Hierzu kommt die Mannigfaltigkeit der Verhältnisse und der Situationen. Die Menschen gehen dahervielmehr auseinander,als miteinander,und selbst zwischen denen, welche sich am nächsten stehen, kommen in Ansichten und Wünschen sehr leicht und oft Verschiedenheiten, ja Gegensätze zu Tage. Die echte Liebe überwindet diese stets, gleicht sie aus und läßt Zwietracht und eine dauernde Trennung der Gemüther nicht zu. Aber wir müssen diese Gegensätze stets im Auge haben, damit wir billig urtheilen und richtig handeln. — Unseren Weisen entgingen solche Gegensätze in den Lagen des Lebens nicht. Das traditionelle Gesetz beschäftigt sich z. B. mit der Frage: wenn sich ein Leichenzug mit einem Brautzuge begegnet, wer muß weichen? Die Antwort lautet: der erstere muß vor dem anderen ausweichen. (Eb. liaes. 65, 4). An einem anderen Orte (Jor. Dea Abschn. 342) wird bestimmt: „Hat Jemand l e 1 o n. alle Vorbereitung zur Hochzeit gemacht und der Vater des Bräutigams starb, oder die Mutter der Braut, so bringt man den Todten in etu anderes Zimmer und den Bräutigam und die Braut unter den Trauhimmel. Sind nicht so viele Menschen da, um sich mit beiden Theilen beschäftigen zu können, so muß man erst die Braut unter den Trauhimmel führen und nachher den Todten bestatten" u. s. w. Wenn auch diese Sätze und ihre weitere Ausführung mit nüchterner Logik behandelt werden, so liegt doch ein tiefes und zartes Empfinden dabei zu Grunde. Der Hochzeitstag ist ein Freudentag nicht blos für das Brautpaar, sondern auch für dessen Verwandte und Freunde, oft der höchste Freudentag des ganzen Lebens. Es ist gewiß ein edles, menschliches Gefühl des Gesetzgebers, das der Trauung eines Paares den Vorrang vor dem Leide eines Verstorbenen gewährt. Giebt es doch des Leides so viel im Leben und der Freuden so wenige und so kurze! Solches Zusammentreffen ereignet sich öfter und ich erlebte es selbst, daß in der Nacht vor der Hochzeit ein theures Glied einer Familie verschied und ich so den einen Tag die Trau-, den anderen Tag die Trauerrede halten mußte. Man wird es deshalb wohl nicht für ungerechtfertigt finden, wenn ich folgende kleine Beobachtungen mittheile.