Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1888)
- Date
- 1888-06-28
- Page
- Seite 410 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Mannheim, 14. Juni. (Privatmitth.) Zur Erinnerung an den 12. Juni — Geburtstag des verstorbenen Prinzen Ludwig — übersandte die Frau Großherzogin der Frau Oberrath Millstätter in Karlsruhe für den israel. Frauenverein die Summe von 300 Mark. Seesen, 15. Juni. (Privatmitth.). Der schon seit Frühjahr 1387 für die Jacobsvhn'sche Anstalt geplante große Neubau des Alumnats wird in den nächsten Tagen begonnen werden. Ein Berliner Architekt (Regierungs-Baumeister Friedeberg) hat den Bauplan, ganz den Wünschen und dem Bauprogramm des jetzigen Direktors und des Curatoriums entsprechend, auf das Zweckmäßigste und Ansprechendste entworfen und im Herbste 1889 hofft man mit der jungen Schaar in die neuen Räume übersiedeln zu können. Von der Großartigkeit des Baues kann man sich einen Begriff machen, wenn wir mittheilen, daß er mit der erforderlichen inneren Einrichtung ca. 300,000 Mk.' kosten wird (ohne den Bauplatz, den die Schule von ihrem Grundbesitz hergiebt), daß er ca. 900 Qm bedeckt und daß eine Höhe von ca. 18 m in 3 Etagen erreicht. Rödelheim, 17. Juni. Die israelitische Kultusgemeinde zu Rödelheim begeht heute das fünfzigjährige Jubiläum der Eröffnung ihrer Synagoge. Die verschiedenen Festlichkeiten, welche in Aussicht genommen waren, sind nach der eingelaufenen betrübenden Nachricht abgesagt worden und der Erinnerungstag beschränkt sich auf die religiöse Feier im Gotteshause. Bei der Vorfeier, die gestern Abend stattfand, gedachte Herr Rabbiner Dr. Kotek in ergreifender Rede des geliebten Kaisers, um den alle Herzen trauern und ein lautes Schluchzen ging bei diesen Worten durch die ganze Zuhörerschaft. Das rituelle Gebet für den Landesherrn, welches gewöhnlich am Samstag Vormittag gesprochen wird, war bei dieser speziellen Feier für Freitag Abend vorgesehen und wurde nun von Herrn Rabbiner Dr. Kotek für den Kaiser Wilhelm II. verlesen. Vielleicht ist Rödelheim der erste Platz, wo in einer Religionsgemeinschaft schon Gebete für den entschlafenen und für den neuen Kaiser gesprochen wurden. Oesterreich-Ungarn. Wien, 19. Juni. (Privatmitth.) Es kann uns wohl nicht verdacht werden, wenn wir an dieser Stelle hervorheben, daß ein alter bewährter Glaubensgenosse die Bemühung, in den Nationalzwist, der gegenwärtig das österreichische Kaiserreich durchwüthet, Frieden zu bringen oder doch zu demselben anzufeuern, immer wieder versucht. Wir meinen die eben erschienene Schrift des Or. Adolf Fischhof: „Der österreichische Sprachenzwist." Schon vor einigen Jahren hat er versucht, die streitenden Bolksparteien auf dem Wege der Gleichberechtigung zu einer Versöhnung zu bringen; der Versuch scheiterte. Nichtsdestoweniger erneuert er denselben, und wünschen wir von Herzen, daß er diesmal einen besseren Erfolg erlange. Näher darauf einzugehen ist hier nicht der Platz. Der Hauptschauplatz des Kampfes ist Böhmen, wo durch die ministerielle Sprachenverordnung vom 19. April 1880 die deutsche Sprache in die zweite Linie gedrängt worden. Der Mittelweg, welchen Fischhof anräth, wäre leicht auszuführen, wenn es nicht im Interesse der Agitation läge, den Zwist zu nähren und die Erbitterung immer von Neuem zu entzünden. Uns aber gilt es vor Allem, darauf hinzuweisen, daß gerade von jüdischer Seite die gegenseitige Achtung der Gleichberechtigung gepredigt wird. — In dem Wiener Gemeinderath setzen die Antisemiten Vetter und Lüger ihr Bestreben, Skandale zu bewirken, fort. Näheres darüber zu berichten, ist nicht der Mühe werth. Es wäre zu beklagen, wenn der Wiener Stadtgemeinderath keine Mittel fände, diese ihn so demüthigenden stürmischen Scenen zu verhindern. Frankreich. Paris, 17. Juni. (Privatmitth.) Frankreich und dessen Vertretung leidet jetzt unter dem Joche garnicht mehr zu übersehender Parteien und ihrer leidenschaftlichen Wuth gegen einander: Royalisten, Bonapartisten, Boulangisten, Opportunisten, gemäßigte Linke, Radikale, Sozialisten, Communarden und wie sie noch alle heißen mögen. Die meisten dieser Parteien leben nur von der Gnade eines Volksanhanges, den zu mehren sie sich alle Mühe geben und alle möglichen Mittel in Bewegung setzen. Es kann da nicht fehlen, daß sie auch antisemitische Mittelchen bei Gelegenheit verwenden. So z. B. eben jetzt, wo der Ingenieur Weiller (Jude) dem berüchtigten Deroulöde zur Deputirtenwahl gegenüber steht. Namentlich sind es die Bonapartisten, Boulangisten und Radikale, die sich hierzu gern verstehen. In einer der letzten Sitzungen der Deputirtenkammer wurde über die Arbeitsverhältnisse der Frauen und Kinder verhandelt. Dabei brachte einer aus diesen Fractionen zur Sprache, daß die Juden, die am Sabbath feiern, am Sonntag ihre christlichen Arbeiter arbeiten lassen — als ob die Juden dem Staatsgesetze nicht unterworfen wären, wenn dieses die Sonntagsruhe befiehlt. Dabei fügte er hinzu, daß es in England keinen einzigen jüdischen Arbeiter gebe, vielmehr alle dortigen Juden Handel trieben. Dies ist eine notorische Unwahrheit; es giebt sogar in London mehrere jüdische Arbeiter-Associationen, sogar eine allerdings harmlose sozialistische, und von 2000 jüdischen Gesellen in Leeds berichteten erst vor Kurzem die Zeitungen. Nun verwundert sich Niemand über Franzosen, welche über die Zustände in anderen Ländern unwissend sind, und man wird französischen Deputirten es nicht verargen, wenn sie über die Juden in England keine Kunde besitzen.