Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1888)
- Date
- 1888-06-28
- Page
- Seite 407 (sequence 7)
- Language
- German
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407 für umfangreiches Eindringen der Juden in das Handwerk, die Landwirthschaft und die technischen Gewerbe die Verbreitung des Handarbeitsunterrichts für Knaben (hauptsächlich in der Tischlerei). Eine nach pädagogischen Gesichtspunkten geregelte manuelle Beschäftigung muß von bedeutendem Einfluß auf die Entwickelung der Schuljugend werden. Dieselbe kräftigt, gleich dem Turnen, aber doch in einer anderen Richtung, den Körper, verschafft diejenige Handgeschicklichkeit, welche in jeder Lebenslage wünschenswerth ist und die Selbstständigkeit erhöht; sie gewährt dem Kinde die mit jedem practischen Schaffen verbundene Freudigkeit, weckt die in vielen Kindern ruhenden, aber durch einseitige geistige Ausbildung latent bleibenden Fähigkeiten und Neigungen zu Berufen, mit welchen körperliche Thätigkeit verbunden ist, und lehrt Achtung vor diesen Berufen. Die Wichtigkeit des Handarbeitsunterrichts wird denn auch immer mehr anerkannt. In Frankreich, Finnland und zum Theil in Belgien ist er obligatorisch, in Schweden und Norwegen mit staatlicher Unterstützung allgemein eingeführt. Auch in Deutschland wird er an den verschiedensten Orten ertheilt, insbesondere in Posen, Schlesien (Görlitz), Hannover, den Hansestädten, vor allem aber im Königreich Sachsen, welches im Leipziger Lehrerseminar dm Handarbeitsunterricht eingeführt hat. Auch der preußische Nnterrichtsminister hat die Wichtigkeit des Handarbeitsunterrichts anerkannt und in einer Denkschrift vom Februar 18S3 darauf hingewieseu, daß die Vereinsthätigkeit hier „unendlich großen Nutzen" stiften könnte, und durch die Gunst der Regierung und die Begründung eines Centralvereins für Deutschland und eines Hanptvereins für Berlin hat die Sache neuerdings einen besonderen Aufschwung genommen. Für die jüdischen Schüler erscheint die Handfertigkeit von besonderer Wichtigkeit. Sie ist geeignet, dieselben von einseitiger Neigung zu materieller oder geistiger Speeulation abzulenken und ihnen Liebe zu unmittelbarer productiver Thätigkeit einzuflößen. Die Telegirten werden dafür Sorge zu tragen haben, daß überall da, wo Handarbeitscurse existiren, dieselben in ausgedehntem Maße von jüdischen Schülern besucht werden. Allgemeine Bestrebungen zur Einführung des Handarbeitsunterrichtes sind demgemäß auch in jeder möglichen Weise zu unterstützen. Der T.-J. G.-B. hat bereits mehrere jüdische Lehrer im Handarbeitsunterricht ausbilden lassen; es ist sein Bestreben, denselben auf den jüdischen Lehrerserninarien heimisch zu machen und die jüdischen Schulen für den Unterricht zu gewinnen. Bevor in dieser Beziehung mit weiteren organisatorischen Vorschlägen vorgegangen werden kann, ist es nothwendig für die Idee selbst Propaganda zu machen. Der Ausschuß wird auf Wunsch gern den Delegirten durch Zusendung literarischen Materials zur Hand gehen und, soweit notwendig und angängig, bei der Ausführung auch materielle Unterstützungen gewähren. Er wird insbesondere dahin zu wirken bestrebt sein, daß für den Handarbeitsunterricht ausgebildete Lehrer den einzelnen Gemeinden sich gegen angemessene Vergütung zur Verfügung stellen. Förderung des Kranken- und Armenpflegewesens, namentlich Beseitigung der Wanderbettelei. a) Der Ausschuß ist bestrebt, die Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen, für welche in einigen Provinzen ein Bedürfniß vorhanden zu sein scheint, zu fördern und stellt den Delegirten anheim, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, wenn sich Damen der Krankenpflege widmen wollen. b) Maßregeln zur Beseitigung der Wanderbettelei sind zwar auf Anregung des D.-J. G.-B. mehrfach getroffen worden, aber es hat bisher ein allgemeines Zusammengehen der Gemeinden nicht erzielt werden können. Sowohl der zweite als auch der vierte Gemeindetag haben Resolutionen dahin gefaßt, daß nur durch die Bildung von Bezirksvereinen, in welchen die Unterstützungswürdigkeit geprüft und eventuell Unterstützung nach bestimmten Normen gewährt wird, eine Besserung erzielt werden kann. Leider sind derartige Be zirksvereine noch nicht in ausreichendem Maße in das Leben gerufen worden; sie finden sich nur in Bayern, Frankfurt a. M. und in Westfalen. Im November 1879 versuchte der verewigte Nachod einen mitteldeutschen Bezirksverband in das Leben zu rufen; das Project scheiterte aber theils an der Theiluahmslosigkeit der Gemeinden, theils wohl auch daran, daß der Bezirk zu umfangreich projectirt war. Es wird rathsam sein, den Bezirk nicht größer als eine preußische Provinz zu fassen. Die Begründung derartiger Bezirksvereine kann erst dann die volle Wirksamkeit haben, wenn solche durch das ganze deutsche Reich errichtet werden. Inzwischen werden aber die Einzelverbände durch das Fernhalten der gewerbsmäßigen Bettelei, wie die bisherigen Erfolge beweisen, einen erheblichen Vortheil haben. Die Delegirten werden es sich zur besonderen Aufgabe machen müssen, das Jnslebentreten derartiger Bezirksvereine zu befördern, die betheiligten Gemeinden zum Zusammentritt zu veranlassen und einzelne Gemeindemitglieder zu thätiger Mitwirkung anzuspornen. Der Ausschuß wird Musterstatuten auf Wunsch übersenden, auch auf Mittheilung der Delegirten solche Gemeinden, welche den Beitritt verweigern, zur Theilnahme zu bewegen suchen. Bei Arbeitsscheuen, Ausländern, insbesondere Russen, welche fast die Hälfte der gewerbsmäßigen Bettler ausmachen, wird die Hilfe der Verwaltungsbehörde in Anspruch zu netz« men sein. Bezüglich der arbeitsfähigen Bettler wird es sich empfehlen, mit der politischen Gemeindebehörde behufs Unterbringung in Arbeitercolonien in Verbindung zu treten; iu! den Colonien Wilhelmsdorf, Kicklingen und Friedrichswille haben bereits jüdische Arme Aufnahme gefunden."