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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-28 · Heft 26 (28.6.1888) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 26 (28.6.1888)
Date
1888-06-28
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
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403 Dies aber ist noch weit von der Anmaßung, von der Selbstüberschätzung entfernt, welche sich dünkt, allein die Wahrheit zu besitzen, das Recht zu üben, das Richtige zu kennen, und deshalb Alle niederschmettern zu dürfen oder zu sollen, die sich zu anderen Meinungen bekennen. Es giebt vielmehr einen höheren Standpunkt, den des Ganzen, der Gesammtheit, sei sie groß oder klein, auf welchem erkannt wird, daß für den Bestand dieser Gesammtheit mehrere, sich widerstrebende Parteien nothwendig sind. Eine conservative Partei im Staate oder was es sonst sei, welche die Entwickelung des staatlichen und des Volkslebens zurückhalten oder gar in die Vergangenheit zurückschrauben, den unbefriedigten oder neu erstandenen Bedürfnissen des Volkes keine Rechnung tragen will, macht eine fortschrittliche Partei unentbehrlich, welche dem Vorwärtsgange der Menschen zu folgen und für die zeitgemäßen Rechte des Volkes einzutreten strebt. Aber diese wiederum, da sie in ihrem Drange nach vorwärts sich selbst allzu leicht j überbietet, ins Extreme" verfällt und das Gefährte des Staates aus dem Rollen ins Hinabrollen zu stürzen vermag, läßt wiederum die conservative Partei als Bedürfniß erscheinen, und so kommt schließlich auch eine gemäßigte Mittelpartei wie von selbst zu Stande, um das Gleichgewicht zu erhalten. Diese Erscheinung wiederholt sich auch in kleineren Kreisen, und es kommt dabei auf die Größe und Weite einer Gemeinschaft nicht an. So haben wir vom Beginne unserer Thätigkeit an in der jüdischen Gemeinde die Nothwendigkeit einer reformistischen, aber auch einer orthodoxen Partei anerkannt, und deshalb diese Zeitung als ein „unparteiisches Organ", eintretend für die Gesammtheit des Jndenthums, begründet. Die reformistische Partei sollte das Judenthum aus der Stagnation der letzten Jahrhunderte wecken, Licht in die Vcrivorrenheit bringen, Mißbräuche und Veraltetes beseitigen, und, wo es nöthig, selbst neugestalten, um nicht in schreiendem Contraste hinter der fortschreitenden Civilisation zu bleiben. Aber auch die orthodoxe Partei hat ihre volle Berechtigung, nicht etwa blos, weil sie das Bestehende repräsentirte, sondern weil sie jedem extremen Beseitigen entgegentreten, das Verlassen des historischen Bodens, in welchem jede positive Religion ihr sie sicherndes Fundament hat, verhindern sott. Anfangs in ihrem Zwiespalt sich schroff gegenüberstehend, hatten sie naturgemäß eine gemäßigte Mittelpartei zur Folge, die gegenwärtig in der breiten Mehrheit unserer Glaubensgenossen besteht. — Diese Erkenutniß von der Bedeutung der verschiedenen Parteien für die Existenz und richtige Fortbildung der Gesammtheit giebt auch den rechten Maßstab für die Beurtheilung sowie für die Würdigung der Ereignisse. Sie hält sich fern von jener Einseitigkeit, welche sich allein in das Parteileben versenkt, von jener Beschränktheit, welche das Heil des Vaterlandes oder der Genossenschaft in der Alleinherrschaft einer bestimmten Parteirichtung erblickt. Sie ist nicht etwa eine Mantelträgerin, ein Hineindrücken in jede Ecke, wo Interesse und Vortheil zu finden wäre — sie ist der echte Patriotismus und schließt nun durchaus nicht aus, sich eine eigene Meinung zu bilden, dieser getreu einer bestimmten Partei beizutreten uud für dieselbe zu wirken. Ja, dies letztere wird um so uothwendiger erscheinen, als sonst die Gegenpartei ein nachtheiliges Uebergewicht erlangen würde. Es ergiebt sich, daß in einer aufgeregten, von vielfachen Motiven zur Parteiung und Parteileidenschaft getriebenen Zeit jenes fanatische Wort: „Wer nicht für mich ist, ist wider mich", in den.Geistern Platz greift und ihre Handlungsweise bestimmt, auch wenn sie sich nicht offen dazu bekennen. Aber nicht minder erkennen wir, daß es der Maßstab wahrer Cul» tur und fortschreitender Civilisation ist, je mehr dieser Grundsatz in der allgemeinen Meinung verurtheilt und von allen höher gestimmten Seelen vermieden wird. Ist es bei diesem Grundsatz gewöhnlich, daß er sich mehr in der That als im Worte äußert, so ist die Folgerung, daß der Gedanke der Gerechtigkeit und der Duldsamkeit immer herrschender werde, und dadurch auch die That, die thatsächliche Richtung durchdringe. Thun wir unsererseits Alles, was zu gegenseitiger Achtung und Würdigung auch bei Verschiedenheit der Meinungen, bei entgegengesetzter Ueberzeugung hinführt und sie bewährt. Wohlthiitige Werke. v. Herr Rabbiner Dr. Jaulus in Aachen hat einen „Bericht über das Armenwesen der Synagogen-Gemeinde zu Aachen" veröffentlicht. So viele Jahresberichte gegenwärtig von einzelnen Wohlthätigkeits - Anstalten und -Vereinen bekannt gegeben werden, so fehlt es — mit geringen Ausnahmen — noch an Gesammtberichten über alle desfallsigen Institute der Gemeinden, und wir sind deshalb Herrn Dr. Jaulus für seine treffliche Arbeit zu Dank verpflichtet, die, wie wir hoffen, zur Nacheiferung anregen wird. Wir geben die Hauptstellen des „Vorwortes" wieder, da sie allgemeine Interessen und Fragen berühren. Es heißt da: „Der Beschluß der Vorstände der verschiedenen in hiesiger Synagogen-Gemeinde bestehenden Wohlthätigkeits-Vereine und Stiftungen, den Schreiber dieser Zeilen mit der Darstellung des Armenwesens unserer Gemeinde während der beiden verflossenen Jahre zu beauftragen, bezweckt in erster Reihe jedem Gemeindenntglied einen genauen Einblick in die Thätigkeit der einzelnen Wohlthätigkeitsanstalten, wie einen Gesammtüberblick auf das ganze Armenwesen zu gewähren und dadurch das Interesse für die Humanitären Bestrebungen und Arbeiten unseres Gemeinwesens zu erhöhen. Die all- 26*

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