Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-28 · Heft 26 (28.6.1888) · p. Seite 402

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 26 (28.6.1888)
Date
1888-06-28
Page
Seite 402 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227744--45409-3264921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

402 gereicht zum Segen!" Dieser Segen, ausströmend vom verklärten Bilde Friedrich HI., wird sich auch für uns bewähren! Bonn, 24. Juni. Schlagwörter unserer Zeit. XVIII. „Wer nicht für mich ist, ist wider mich!" Es gilt, dem Jahrhundert den Puls zu fühlen. Es wird in unserer Zeit nicht viele Personen geben, welche sich zu diesem Worte offen bekennen. Blicken wir jedoch auf die Parteien, welche auf allen Gebieten schroff einander gegenüberstehen, auf dem politischen und socialen, auf dem religiösen und kirchlichen, auf dem wissenschaftlichen und künstlerischen, auf dem industriellen und finanziellen, Parteien, die sich aufs heftigste bekämpfen, und aus die Kampfmittel, die sie anwende»: so muß man eingestehen, daß thatsächlich jenes Wort in der Gegenwart mehr noch als in mancher früheren Zeit sich knndgiebt. Wir sehen es nur allzu oft, daß jede Partei darauf sinnt und danach strebt, ihre Gegner völlig zu vernichten, ihnen jede Berechtigung abzusprechen, jede Wirksamkeit, ja die Existenz abzuschneiden und hierzu keine Mittel und Wege scheut, mögen sie auch jedes sittlichen Charakters entbehren. Jede Persönlichkeit, jede Confession, jede Meinung, welche energisch nach der Alleinherrschaft strebt, macht sich jenes Wort zu eigen und handelt danach, bewußt oder unbewußt. Tie Geschichte giebt uns hierfür Beispiele übergenug. Jeder asiatische Despot und dann ein Alexander, dem die Erde zu klein schien für seine Herrschsucht, ein Cäsar,, ein Ludwig XIV., ein Napoleon stellen uns jenen inhumanen Grundsatz in vollster Energie dar; der Islam, das römische Papstthum, das griechische Patriarchat, der Cäsaropapismus, die von der Idee einer Universalherrschaft Besessenen, die extreme revolutionäre Partei, die Commune u. s. w. haben zu ihrer Zeit nach diesem Grundsatz gehandelt. Sie standen unter seiner Herrschaft wie unter einer Naturgewalt, die aus ihren Zielen unwiderstehlich erfloß. Wie viele Schlachtfelder haben sie mit Leichen bedeckt, wie viele Scheiterhaufen gezündet, wie viele Menschenleben vergiftet und vernichtet, um aus dem Wege zu räumen, was „nicht für sie war", weil es ihnen „wider sie" erschien! Pessimisten werden achsclzuckend sagen: es sei dies mit der Natur des Menschen verwachsen und deshalb immer so gewesen. Dies ist aber falsch. Der Geist, der im englischen Parlamente die Opposition als „Seiner Majestät Opposition" bezeichnen konnte, widerlegt diese Behauptung. Bei allen Schwächen muß man dem Buddhismus nachrühmen, daß er, mit späterer sehr geringer Ausnahme, seine gewaltige Ausbreitung über viele hunderte von Millionen Menschen nicht durch brutale Gewalt, sondern auf dem friedlichsten Wege erreichte, weil seine Lehre dem Bedürfnisse der damaligen Menschen im südlichen und östlichen Asien entsprach. Ja, es haben Parteien genug bestanden, welche, ihr Bestehen vertheidigend. doch auch anderen Ansichten und Gesinnungen den Raum frei ließen, Vereine, welche niemals angriffsweise vorgingen, z. B. die Freimaurer, odschon ihre Grundsätze herrschenden Anschauungen widersprachen. Zahllose Menschen sind über die Erde gegangen, die, obschon ganz entschieden in ihrer Ueberzeugung, doch Gerechtigkeit und Sanftmuth genug besaßen, um sich bescheidend, den Sieg ihrer Anschauungen der Zukunft anvertrauten, und feindliche Handlungen strengstens vermieden. Gab und giebt es doch Charaktere, die hierin zu weit gehen, dem Gegensätze zu viel nachgeben und sich der herrschenden Meinung, soweit es ohne Verleugnung der von ihnen bekannten Wahrheit geht, anzubequemen suchen. Erst auf dem Todtenbette hatte Kopernikus die ersten Bogen seines Werkes in der Hand, welches eine so unübersehbare Wirkung auf die Geister haben sollte. Für das Gegentheil sind allerdings die Beispiele auch nicht allzu selten. Obschon das Judenthum seit dem zweiten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung den Kampf gegen das siegreiche Christenthum selbst mit geistigen Waffen aufgegeben, jede Proselytenmacherei seinen Bekennern untersagt oder doch durch bestimmte Vorschriften erschwert hatte, war die bloße Existenz desselben der christlichen Kirche wie dem Islam widerwärtig; sein bloßes Dasein schien ihnen eine Verletzung ihres Glaubens, eine Gegnerschaft, die sie aus dem Wege räumen müßten, und nur die außerordentliche Zerstreuung der Bekenner des Judenthums schützte sie vor Ausrottung. Es galt hier eben: wer nicht für mich ist, ist wider mich. Niemals kann der Freund der Gerechtigkeit und wahrer Sittlichkeit zugeben, daß „der Zweck die Mittel heilige." Selbst vorausgesetzt, daß der Zweck ein lobenswerther, ein nützlicher sei, dürfen die Mittel die Gerechtigkeit und die Humanität nicht verletzen. Je mehr sie dies thun, desto verwerflicher ist das Treiben dieser Streber. In Wirklichkeit schaden sie ihrem Zwecke am meisten durch diese Verwendung schlechter Mittel. So hat jede Religionsverfolgung Märtyrer geschaffen, deren Vorbild die Gegner, und wären sie noch so geringzählig, um so mehr stärkte und sie alle Katastrophen überleben ließ; die Verfolger aber schändeten sich vor dem Richterstuhle des Rechts und der Vernunft und brachten ihre eigene Sache zum Untergang. Nicht minder auf dem politischen Gebiete, Ivo die Vergeltung strafwürdiger Handlungen niemals ausbleibt, wenn sie auch bisweilen erst schuldlosere Enkel trifft. — Ja, ein Jeder muß „den Muth seiner Ueberzeugung" haben, eine solche sich erwerben, sie offen bekennen, für sie eintreten und kämpfen. Schon Plato sagt, jeder Bürger, der in Zeiten der Unruhe und des Kampfes keine Partei ergreift, macht sich schuldig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.