Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1888)
- Date
- 1888-06-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. U5) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. GspeSition: Leipzig, Woßpkach 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) find gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 28. Juni 1888. Nr. 26. lakslt. Leitende Artikel: Kaiser Friedrich f. — Schlagwörter unserer Zeit. XVIU. — Wohlthätige Werke. V. — Der Deutsch- Israelitische Gemeindebund. (Schluß.) — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Leipzig, Bonn, Berlin, Mannheim, Seesen, Rödelheim. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Rußland: Warschau. — Rumänien: Bukarest. — Feuilleton: Gegensätze. — Correspondenz. £e i {~<? n 6 c <£K z t'i U c (. Bonn, den 15. Jnni. Kaiser Friedrich ist aus dem irdischen Leben geschieden. Der Schmerz, der im Herzen jedes Deutschen, die Theilnahme, die i» allen civilisirten Nationen über den Heimgang dieses ebenso durch einen erleuchteten Geist, wie durch hochherzige Gesinnung ausgezeichneten Monarchen empfunden wird, kann mit Worten nicht ansgesprochen werden. Welches tragische Geschick! Ein Prinz, der von Jugend au die schönsten Hoffnungen erweckte, durch seine Leutseligkeit und Menschenliebe alle an sich fesselte, die mit ihm in Berührung zu kommen das Glück hatten, mit reichem Wissen und dem Gefühl für Wahrheit, Gerechtigkeit und Schönheit ausgerüstet, der sein Feldherrntalent und seinen Kriegermuth bei Königgrätz, bei Weißenburg und Wörth bewährt und zu den siegreichen Erfolgen der Feldzüge von 1866 und 1870 so wesentlich beigetragen hatte, doch aber den Frieden über Alles liebte, dieser Prinz stand bis in sein 57. Lebensjahr an den Stufen des Thrones, und als er ihn bestiegen, mußte er nach 14 wöchentlicher Regierung in das Grab sinken! Welchen Heldenmuth erwies er in der schweren, langsam, aber sicher tödtlichen Krankheit, bethätigte er, indem er den Tod in der Brust, nach dem rauhen Norden eilte, um seiner Regentenpflicht zu genügen, der er bis zum letzten Athemzuge sich mit gewaltiger Willenskraft widmete. Und doch gehört diese kurze Regierung nicht blos der Chronologie, sondern der Geschichte an, die ihm einen Ehrenplatz in der Reihe aller Völkerbeherrscher anweisen wird. Seine Ansprache an das Volk, sein Erlaß an den Reichskanzler mit jenen denkwürdigen Worten, welche die Gleichachtung und Gleichberechtigung aller Nationalitäten und Confessionen als Grundsatz seiner Regierung erklärten, denn sie alle wären seinem Herzen gleich nahe, wie sie in gleicher Weise Leben und Gut im Kampfe für das Vaterland geopfert, jenes Eintreten für das Recht des Volkes auf Wahlfreiheit sind leuchtende Thaten, mit welchen er seine Grundsätze und Gesinnungen offenbarte. So schnell nun diese Regierung vorübergegangen, so wirksam wird sie dennoch sein und bleiben. Gerade die Kürze ihrer Dauer wird ihr einen Hellen Glanz für alle Zukunft bereiten. Nein, sie wird nicht dem schnell erscheinenden und schnell erlöschenden Meteor gleichen, sondern Licht und Wärme für lange Zeiten ausstrahlen. Sie hat im Volke wieder lebhaft das Bewußtsein des wahren Rechtes und der ihm zukommenden gesetzlichen Freiheit geweckt, und dies ist eine Thatsache, mit welcher gerechnet werden muß. Ja, die jüdische Glaubensgenossenschaft hat allen Grund, en dieser Grust zu trauern und unvergessen zu erhalten, daß der Verklärte es war, der in der Zeit heftigen Ansturmes an sie den Antisemitismus brandmarkte als „die Schmach des Jahrhunderts!" Das-'lhat er, während er sonst in politische Parteikämpfe sich niemals mischte und seit 1863 nur Zuschauer an der Entwickelung des politischen und socialen Lebens war. Gewiß, an seiner Bahre können wir mit ganzem Herzen das altjüdische Wort aussprechen und beherzigen: „Das Andenken des Gerechten