Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1888)
- Date
- 1888-06-21
- Page
- Seite 399 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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39S ben Kopfputz verborgen» durch welchen sich ein hellgrünes Seitentuch windet, das dann über Hinterhaupt und Nacken bis auf den Rücken in Gestalt eines handbreiten, flachwulstigen Schopfes mit ornamentaler Goldstickerei in einer dem Grün eingewirkten schwarzen Patrone herabhängt. Man mag daheim noch so eifrig gegen den Mißbrauch und gegen die Sünden des Corsets kämpfen, — hier beim Anblick der Jüdinnen Salonichis, welche das vielgeschmähte verschmähen und aus ihrer Tracht verbannen, ist man versucht, ihm alle üble Nachrede und alle Anklagen wieder abzubitten. Hier wird die Brustpartie einzig von dem leichten, dünnen brochirten, weißen Baumwollenstoff des Hemdes umhüllt und gehalten, das erst unterhalb derselben von dem gurtartigen, seidenen oder wollenen Leibchen umspannt und von der farbigen Jacke nicht bedeckt, sondern nur zu beiden Seiten der Brust eingefaßt wird. Entweder ist die Schwäche: weibliche Eitelkeit noch nicht bis zu den hiesigen jüdischen Frauen — d. h. denen, die noch nicht die fränkischen Modetrachten angenommen haben, vorgedrungen, oder ihre und der thessalonischen Männer Begriffe von der Schönheit sind gänzlich andere, als die unseren. Aber diese Kinder, diese kleinen Mädchen! AuchBenedig's und Chioggia's Volk hat nichts Herrlicheres, Holderes, Süßeres und wieder Wildschöneres an jungen Mädchengesichtern- und Gestalten aufzuweisen, als es hier sich nicht etwa vereinzelt zeigt, sondern überall gleich in Schaaren auftritt» hier wäre eine Ausbeute für einen Maler wie Passini zu machen! Auch hier bilden die Rothblonden und Goldhaarigen zwischen den Schwarzen und Braunen durchaus keine besonders seltenen Ausnahmen. Fast Allen gemeinsam aber sind die wunderbaren, großen, sanft glänzenden, von langen Wimpelschleiern beschatteten, meist tiesdunklen Augen, die bald scheu, düster und wild, bald zutraulich fromm und sanft, bald schalkhaft, klug, munter und Lbermüthig lachend auf die fremden Männer blickten. Wo sich einer oder mehrere von unserer Gesellschaft auch in den Straßen zeigen mochten, zu Wagen oder zu Fuß — immer waren sie umschwärmt und bei jedem Halt in der nächsten Minute völlig umringt von dichten Gruppen von Kindern wie von Erwachsenen, welche sie mit naiv zudringlicher Neugier anstarrten und anlachten, wie ehedem unser Berliner Straßenvolk die zuerst dort in der deutschen Hauptstadt angesiedelten Chinesen. Das erschien uns um so wunderlicher, als wir uns in der Tracht — und sehr viele aus der Gesellschaft auch in Race, Gesichtsschnitt, religiösem Bekenntniß und sonstigen körperlichen und seelischen Eigenschaften — nicht im Mindesten von den zahlreich in Salonichi lebenden Stammes- und Glaubensgenossen unterschieden welche den farbigen, pelzbesetzten Kaftan, das buntgestreifte Untergewand, die Pluderhosen und den Fez längst mit dem färb- und phhsiognomielosen abendländischen Herrenkostüm vertauscht haben. Vielleicht wäre uns der Ruf vorausgeeilt, ein ganzer Zug mit Millionären aus Paris und Frankfurt, Berlin und Wien käme zum Besuch der thessalonischen Brüder in Israel; und diese glaubten nun in etwa in jedem von uns, wenn auch gänzlich ohne sein Verdienst und Würdigkeit, einen solchen „Gebenschten des Herrn" zu sehen. Das Gemisch aus Ehrfurcht und Neugierde in dem Ausdruck der Gesichter und im Verhalten der uns auf Schritt und Tritt Umdrängenden gab dieser Erklärung für mich große Wahrscheinlichkeit. Wenn die Juden in Salonichi auch den Werth des Goldes so gut zu schätzen wissen und „all' idea di quell’ metallo“ alle ihre Fähigkeiten und Begierden so lebhaft sich regen fühlen wie ihre Stammesbrüder in Polen, Halbasien und anderswo, so gehören sie doch im Gegensatz zu diesen zu den Bevorzugten, welche selbst vor Heinrich von Treitschke's Äugen Gnade finden. Sie sind „Spaniolen", Abkömmlinge jener durch die frommen und „heiligen" allerchristlichsten Könige Spaniens zu verschiedenen Zeiten von der pyrenäischen Halbinsel ausgetriebenen Juden, welche besonders in den Küsten- und Biunenstädten des europäischen Orients in damals türkischen Landen gastliche Ausnahme, Duldung und freies Feld zur Entfaltung ihrer Lieblingsthätigkeiten gefunden haben. Jenes vornehmere Gepräge der Erscheinung und des Auftretens, welches die spanischen Juden vor den polnischen voraus haben, tritt bei den meisten der hier ansässigen um so entschiedener hervor, als sie die Knechtschaft, die Unterdrückung, die Demuthsstellung jener nicht kennen, sondern sich vielmehr durchaus als Herren des Platzes und der Situation fühle». Nicht wenige von ihnen sind durch ihre Handels- und Fabrikunternehmungen zu fürstlichem Reichthum gelangt. Bor Allem nannte man uns die Mitglieder der Familie dal'Latini als die größten Finanzkönige der Stadt und ganz Macedoniens. Mehreren der hervorragendsten Theilnehmer dieser Pfingstfahrt waren für die Zeit des Aufenthalts in Salonichi Wohnungen in den Häusern des Chefs dieser Fainilie und der ihm nahe verwandten Modianos angewiesen worden. Sie schilderten und priesen mit Begeisterung den Luxus dieser Häuser, die Großartigkeit des ganzen Lebensstils darin und der den Gästen bereiteten Aufnahme. Auf einer Spazierfahrt während des Nachmittags in Gesellschaft mehrerer dieser Reisegenossen in offenen Wagen, auf deren Bock neben jedem Kutscher ein Kawaß in reichstem Arnautenkostüm, ganz mit Goldstickerei bedeckter lichtblauer oder rother Jacke mit Hängeärmeln und schneeweißer Fustanella saß, machte ich die Bekanntschaft mit dem Oberhaupt und einigen jüngeren Mitgliedern dieser großen levantinischen Finanzmacht, deren Namen man übrigens in der Stadt und im Lande überallmehr mit