Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1888)
- Date
- 1888-06-21
- Page
- Seite 398 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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398 Werth jedoch erscheint der jüdische Kalender, dessen Brauchbarkeit in dem eben angedeuteten Umfange davon abhängt, daß er in der leichtesten Weise und der einfachsten Form zugleich die Umwandlung der jüdischen Zeitrechnung in die bürgerliche (christliche) und umgekehrt angiebt. Je handgreiflicher dies geschieht, je schneller und sicherer auch der Laie in seinen Angelegenheiten sich daraus Raths erholt, je größer endlich der Zeitraum ist, über welchen er sich vor- und rückwärts Gewißheit verschaffen kann, desto zweckmäßiger ist der Kalender angelegt und desto mehr zu empfehlen. Bon diesem Gesichtspunkte aus verdient der oben bezeichnet Hundertundzwanzigjährige Doppel-Kalender von vr. Max Simon in der Reihe der verwandten Erscheinungen eine sehr beachtenswerthe Stelle. Derselbe reicht von 5541 bis 5660 — 1781 bis 1900 und ist fortgeführt bis zum Jahre 2000; er ist ferner mit Angaben der Jahres- und Monatsformen des immerwährenden christlichen und jüdischen Kalenders versehen und zur leichten Umwandlung des einen Datums in das andere übersichtlich dargestellt. Der Verfasser, Lehrer der Mathematik am jüdischen Lehrer-Seminar in Berlin, ist bereits auf dem Gebiet der Kalenderbearbeitung vortheilhaft bekannt. vr. Tobias Cohn. Ieuit Zn Salonichi. Wie wir schon bemerkt, ist durch die Eröffnung der Eisenbahn, die bis Salonichi führt, die Aufmerksamkeit neuerdings auf diese interessante Stadt gelenkt worden. Eine stattliche Anzahl von Finanzmännern, Ingenieuren und Zeitungsberichterstattern legten die erste Fahrt auf der neuen Bahn, die mit vielen Feierlichkeiten verbunden war, zurück. Unter ihnen auch der bekannte Feuilletonist L. P. (Ludwig Pietsch), der einige Tage in Salonichi verweilte und eine ausführliche Beschreibung jener Fahrt, sowie Mittheilungen über seine Beobachtungen in der Stadt in der „Boss. Ztg." gab, woraus wir folgenden, an dieser Stelle interessirenden Passus wiedergeben: Wenn Salonichi das „Königreich der Juden" genannt wird,* *) so hat das seinen guten Grund. Von den rund 100,000 Einwohnern der Stadt sind mindestens 60000 Juden, von seinen Gotteshäusern — 30. — Aber sie herrschen nicht nur durch ihre Masse, den Reichthum Vieler unter ihnen, ihre geschäftliche Klugheit und Betriebsamkeit. Ihre Stammes- und Glaubensgenossen sind es gleichzeitig auch, die hier jede Art von Dienstleistungen verrichten, von Handwerken ausüben. Weit entfernt, das Wasser um seiner „Balkenlosigkeit" willen zu scheuen, vertrauen sie sich hier wie jenes Fischermädchen täglich furchtlos dem wilden Meer an und bewähren sich als Schiffer und Barkenfahrer nicht schlechter als die Griechen und Türken. Auch die Gilde der Lastträger soll sich fast ausschließlich aus Juden rekrutiren, welche oft so riesige Körperkräfte dabei entwickeln, wie unsre *) Napoleon nannte die russische Stadt Berditschew „das neue Jerusalem", weil die große Mehrzahl der Einwohner Juden sind, was übrigens in vielen Städten der Länder, welche zum ehemaligen Polen gehörten, der Fall ist. Redakt. t e 1 o n. braven Danziger „Sackträger". Bor dem Fußfassen des praktischen Antisemitismus der That, wie man ihn heute in Wien betreibt, aber auch schon vor dem theoretischeren des beredten Wortes nach dem Berliner Recept*) dürfte unter diesen Umständen Salonichi ziemlich gesichert sein. Die Berechtigung des Rufes der eigentlichen Handwerks- und Arbeitstüchtigkeit, welchen das jüdische Volk dieser Stadt beansprucht, wollten unsere deutschen Bahningenieure nicht recht gelten lassen. Die Versuche, mit diesen Kräften zu arbeiten, seien meist sehr unglücklich ausgefallen. Desto vortrefflicher hätten sich die Arnauten aus Albanien überall erprobt. Unbestritten aber läßt man den jüdischen Geschäftsmännern, kleinen Maklern und Kommissionären den Rubm einer großen Zuverlässigkeit in der Einhaltung aller ob auch durch nichts verbrieften, von ihnen übernommenen Verpflichtungen und Aufträge. Und noch einen ander Ruhm muß ich ihnen zuerkennen. Die Beobachtungen und Erfahrung eines einzigen Tages genügten, um den vollsten Anspruch dieser in Salonichi herrschenden Race darauf nachzuweisen: sie erfreut sich eines kaum glaublichen Reichthums an den schönsten Kindern, besonders unter den kleinen Mädchen bis zu 10 oder 12 Jahren. Wie sich dieselben dann nach ihrer frühen Heirath bald schon in jene nichts weniger als reizvollen Frauen und Mütter verwandeln können, bleibt mir ziemlich räthselhaft. In wenigen Jahren sind die Spuren jener kindlichen Mädchenschönheit gründlich aus deren Gesichtern ausgetilgt. Die Nationaltracht der Frauen ist zudem nicht von der Art, daß sie den Schein eines Restes dieser Anmuth zu bewahren hülfe. Das Haar wird bei ihnen gänzlich unter einem enganschließenü *) Ter Herr L. P. vergißt, daß in Pommern und Preußen der Berliner Antisemitismus weit mehr zur verbrecherischen „That" wurde, als er bis jetzt in Wien erreichte. Redakt.