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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-21 · Heft 25 (21.6.1888) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 25 (21.6.1888)
Date
1888-06-21
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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3Ö4 recht zu erhalten. Nun, so befriedige man dieses Verlangen auch uns gegenüber, damit die vorurtheilslosen Menschen nicht meinen, man rufe nach dem Frieden, wenn man unter dessen Bruch leidet, störe ihn aber frisch weg, wenn man eine schwächere Partei gegenüber hat. Der confessionelle Friede ist wie die Gleichstellung ein Grundsatz, der irgend eine Beschränkung, eine Verletzung auch nur in einem kleinen Theile nicht verträgt, ohne daß das Nebel nicht weiter fresse. Mißachtet ihr ihn gegen die Juden, so kehrt sich der Friedensbruch bald auch gegen euch. Dies hat man ja seit 1878 hinlänglich erfahren. Mein kleiner Correspondenzartikel über den Lne Ltzi'itd-Oräen hat bei den Anhängern desselben große Entrüstung erregt, und ist gegen denselben eine sehr lange Epistel erflossen. Hätte ich in dieser auch nur das geringste Argument gegen meine Aeußerungen gefunden, so würde ich dasselbe zu widerlegen versuchen. So aber lasse ich jede Entgegnung fallen. Phrasen blenden auf den Augenblick, halten aber nicht lange Strich. Gefreut habe ich mich, daß der Verfasser jener Epistel eine so tüchtige Bekanntschaft mit Ihren Schriften, Herr Redakteur, beweist; nur daß mir die angeführten Stellen nicht für ihn, sondern gegen ihn zu sprechen schienen. Nun, der ganze Orden ist Geschmackssache, und Jeder verfährt nach seinem Geschmacke. — In diesen Tagen wurde der Beleidigungsprozeß des Reichstagsabg. Paul Singer gegen einen Redakteur und einen Stadtverordneten wegen der Behauptung der Ausbeutung der Arbeiterinnen durch dieSinger'sche Firma entschieden. Die Firma wurde für alle diese Behauptungen schuldlos erklärt, während die Beleidiger zu resp. 400 und 200 Mark verurtheilt wurden. Es liegt mir der 55. Jahresbericht der Baruch- Auerbach'schen Waisenerziehungs-Anstalten für jüdische Knaben und Mädchen vor, erstattet von vr. A. Strelitz. Derselbe bezeugt abermals, daß jenes Mißgeschick, welches die Anstalt bekanntlich durch ihren früheren Direktor, den Sohn des Begründers, erlitten hat, ihr in keiner Beziehung Schaden gebracht. Die Theilnahme des Publikums bewährt sich dauernd durch Beiträge, Geschenke, Legate und Stiftungen, so daß auch die Fonds in beständigem Wachsthnm sind. Die Anstalt befaßt gegenwärtig 51 Knaben und 26 Mädchen, vier Zöglinge mehr als im Vorjahre. Bemerkenswerth ist, daß die Mehrzahl der Zöglinge höhere Lehranstalten, wie Gymnasien, Realgymnasien und höhere Bürgerschule sowie höhere Töchterschulen besuchen. Von den Knaben, die im Laufe des Jahres ausschieden, wandten sich zwei dem Studium der Medizin, 5 dem Kaufmannsstande und 1 dem Tapeziergewerke zu (1 Knabe ist gestorben). Daß dieses Resultat, so rühmlich es an sich ist, doch den allgemeinen Wünschen und der eigentlichen Zielgemäßheit für Waisen, sich dem Handwerke zu widmen, nicht entspricht, brauche ich nicht hervorzuheben. Erfreulich ist, daß der „Baruch Auerbach - Verein", welcher die ehemaligen Zöglinge zu gegenseitiger Unterstützung und zur Beförderung der Geselligkeit unter einander gebildet haben, blüht und gegenwärtig 105 Mitglieder zählt. Das Knabenwaisenhaus besitzt einen Fond von Mk. 706,772, das Mädchenwaisenhaus von Mk. 355,046. Außerdem sind noch Spezialfonds von Mk. 232,000 und Mk. 87,545 vorhanden. Die Ausgaben für den Bedarf der Anstalt betrugen Summa Mk. 47,128 im Jahre 1887 — somit Mk. 612 für den Zögling. Stuttgart, 10. Juni. Die „Schwab. Kronik" enthält folgenden Artikel: „Von einem Freunde der nationalen Parteien in unserer engeren Heimath erhalten wir folgendes Eingesandt: Wie die Zeitungen, auch der Merkur vom 5. Juni berichtet und seither unwidersprochen gelassen haben, hat I. Maj. die Kaiserin Viktoria ihre Anwesenheit in Lüneburg unter Anderem auch dazu benützt, bei dem Oberbürgermeister Lauenstein über die kirchlichen Verhältnisse der Stadt Erkundigung einzuziehen. Die Auskunft, daß daselbst die Anhänger der verschiedensten Glaubensbekenntnisse in vollem Frieden und ungestörter Eintracht beisammen wohnen, habe Ihre Majestät sichtlich befriedigt und sie habe ihrem Glückwünsche an den Oberbürgermeister die denkwürdigen Worte beigefügt: „Glauben Sie, das antisemitische Treiben ist mir und meinem Gemahl in der Seele zuwider." Das ist ein goldenes, ein wahres Kaiserwort! Es verdient, daß es von jedem Deutschen gelesen und beherzigt werde. Aus so hobem Munde gekommen, schlägt es nach zwei Seiten. Es ruft den im Uebereifer rasenden Saulus zur Besinnung und giebt dem in unserer Zeit der Unduldsamkeit schwer bekümmerten Gemüthe von neuem Hoffnung, daß die blinden Mächte nicht allzu sehr anwachsen. Namentlich in Süddeutschland wird man der hohen Frau dieses Wort danken. Denn man hat bei uns nie begriffen, wie es möglich war, daß der Sonnenglanz des neuen deutschen Reiches von dem schwarzen Schatten der Judenhetzen befleckt wurde. Im katholischen Bayern, im evangelischen Württemberg, im aufgeklärten Baden ist nie an eine Judenhetze gedacht worden, und wenn sich je ein Gedanke davon geregt hätte, wäre er sofort unterdrückt worden. Es mag sein, daß die Judenfrage im Norden eine andere Bedeutung hat. Vielleicht hat auch der Culturkampf dazu beizetragen, die Geister zu erhitzen und in falsche Bahnen zu drängen. Aber wer trägt denn dann die Schuld, daß die Juden dort so aufgekommen sind? Als König Wilhelm von Württemberg bei einem Besuch in einer früheren schwäb. Reichsstadt sich erkundigte, ob auch Israeliten in der Stadt seien, antwortete ein Stadtrath ganz treuherzig: „Nein, Majestät, das besorgen wir selber." Und noch heute haben sich die Israeliten in jener Stadt keine Stellung erringen können. Könnte Berlin nicht an der kleinen Reichsstadt ein

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