Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-21 · Heft 25 (21.6.1888) · p. Seite 391

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 25 (21.6.1888)
Date
1888-06-21
Page
Seite 391 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227743--45397-3264908
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

391 prophezeit, so mag uns das komisch Vorkommen, aber es war doch eine Wahrnehmung seelsorgerischer Interessen, die zu jener Zeit jedermann als Recht und Pflicht des Rabbiners betrachtete. Man komme uns daher nicht mit solchen Sophismen, sondern gestehe offen, daß man bei sich fühlt, das; die Vorstände, verwöhnt hauptsächlich durch die orthodoxen Rabbiner der Uebergangsperiode, welche alle fünfe gerade sein ließen, wenn man sie nur nicht in der persönlichen Bethätigung ihrer Ueberzeugung behinderte, von dem neuen Gesetze eine Beschränkung ihrer Willkür fürchten und, daß man, uni ihnen gefällig zu sein, diese unberechtigte Forderung ganz in Ordnung findet, weil man die persönlichen Interessen den sachlichen vorzieht, getreu dem Spruche König Chiskiahus, wenn nur Friede herrscht in meinen Tagen oder wie ein moderner Tyrann sagte: nxrös nous le deluge. Diese Herren aber, die so sehr das Hergebrachte zu ehren scheinen, vergessen den trefflichen Ausspruch des Talmuds (Sabbath 159 n):„ Immer muß sich der Mensch wacker annehmen einer gerechten Sache, denn wenn er sie nicht braucht, braucht sie sein Sohn, und wenn sie sein Sohn nicht braucht, braucht sie seines Sohnes Sohn." Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund. Diese Vereinigung verdient gewiß alle mögliche Pflege. Auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes und des Gemeinde- und Wohlthätigkeitswesens vertritt der Bund gewissermaßen die gesammte deutsche Judenheit, und seine Bestrebungen, wenn sie eine allseitige Unterstützung finden, werden im Ganzen und im Einzelnen segensreich wirken. Im Jahre 1869 bei Gelegenheit der Leipziger Synode wurde der Grund gelegt; unter Kohner und Nachod wuchs der Bund auf. Nach dem Tode des letzteren übersiedelte er von Leipzig nach Berlin, wo er unter der eifngen Leitung des Geheimrathes Dr. Kristeller von Jahr zu Jahr an Bedeutung und Wirksamkeit sichtlich gewinnt. Wenn wir hierüber an dieser Stelle sprechen, während doch bei den deutschen Juden der Bund hinlänglich bekannt ist, so geschieht es aus dem doppelten Grunde, daß er doch der Stärkung und Ausdehnung noch bedarf, und daß unsere Zeitung die Kunde auch nach anderen Ländern verbreite, wo derselbe als Vorbild dienen könnte. Um seine Wirksamkeit fruchtbarer zu machen, hat der Bund die Institution der Delegirten hergestellt, d. h. er hat angesehene Vertreter und Agenten in allen Theilen des deutschen Landes ernannt, um ihm als Förderer und Rathgeber zu dienen. Hierbei wollen wir eine Bemerkung nicht unterlassen, die allerdings schon von einigen Seiten gemacht worden. So wichtig diese Einrichtung der Delegirten ist, so scheint sie uns doch nicht auszureichen, um die Gedanken und Zwecke des Bundes zu nachhaltiger Ausführung zu bringen. Vielmehr scheint es uns nothwendig, daß in den einzelnen Provinzen Verbände der Gemeinden errichtet werden, welche in ihrem Bezirke auf die Durchführung der Absichten und Pläne des Bundes hinwirken. Delegirte sind einzelne Persönlichkeiten, die, so viel Ansehen sie auch besitzen, doch eben nur in ihrer Wirksamkeit beschränkt sind. Provinzielle Gemeindeverbände aber würden an sich schon die Ausführung in viel größerem Maße verbürgen. Ein schönes Beispiel hat hierfür der „Ostpreußische Gemeindeverband" gegeben, über welchen wir bereits mehrere Male berichteten. Er entstand aus freiwilliger Bewegung, fügte sich aber später dem Gemeiudebunde ein. Wir hoffen, daß dieser Gedanke vom Ausschüsse des Bundes weiter verfolgt und dessen Verwirklichung gefördert werden wird. — Am 19. Februar fand, wie wir berichtet, eine Versammlung der Delegirten statt, in welcher neue Instructionen für die Delegirten berathen und beschlossen wurden. Da diese Instructionen allgemein interessante Gegenstände betreffen und zugleich die Ziele des Bundes durch sie offen gelegt werden, wollen wir an dieser Stelle näher darauf eingehen. Zuerst wird den Delegirten die Propaganda durch den Bund zur Pflicht gemacht, sowohl um Gemeinden zum Eintritt in den Bund als auch Einzelpersonen zum Beitritt als Mitglieder zu bewegen. Hierauf wird die „Fürsorge für Religionsunterricht und Ausbildung von Religionslehrern" besprochen. Hier heißt es: „Dieser Punkt enthält die wichtigste Aufgabe des D.-J. G.-B. In einer übergroßen Zahl jüdischer Gemeinden wächst leider die jüdische Jugend heran, ohne den hinreichenden Religionsunterricht zu erhalten. Ein wirklich befriedigender Thatbestand liegt in dieser Hinsicht fast nirgends vor. Diese Sachlage bietet für die Zukunft um so größere Gefahren, als die religiöse Erziehung, welche das jüdische Haus und die jüdische Familie früher gewährte, jetzt vielfach fortfällt, und der frühere innige Zusammenhalt durch den gemeinschaftlichen und häufigen Gottesdienst gleichfalls meistens ausscheidet. In fast allen Staaten des deutschen Reiches besteht eine gesetzliche Verpflichtung der Sorge für den jüdischen Religionsunterricht, welcher indessen vielfach keine oder doch nur ungenügende Folge geleistet wird. In den acht (jetzt neun) altpreußischen Provinzen ist der Synagogengemeinde durch das Gesetz vom 23. Juli 1847 die Pflicht auferlegt, dafür zu sorgen, daß es keinem jüdischen Kinde während des schulpflichtigen Alters an dem erforderlichen Religionsunterrichte fehle. Es muß nun das Bestreben der in diesen Provinzen wohnenden Delegirten dahin gerichtet sein, in solchen zu ihrer Kenntniß kommenden Fällen, in denen dieser Verpflichtung nicht genügt wird, die Gemeindevorstände hierzu anzuhalten oder äußersten Falls selbst durch die Staatsbehörde hierzu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.