Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1888)
- Date
- 1888-06-21
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227743--45393-3264904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
387 den Völkern zerstreuten Juden in völliger Freiheit und Gerechtsame lebten, die späteren west- und oströmischen christlichen Kaiser einige Beschränkungen auferlegten, daß aber jenes grausame Geschick während des Mittelalters von den Päpsten, Conzilien und Synoden ausging, durch Verordnungen anbefohlen und diese so lange wiederholt wurden, bis die Anfangs widerstrebenden Fürsten und Völker sich ihnen fügten. Diese historische Erkenntniß hat noch Niemand in so urkundlicher Weise demonstrirt wie Döllinger. Er zeigt, wie die ältere christliche Kirche nicht aufgehört hatte, die Juden als „Brüder" zu betrachten, die zwar „verirrt" wären, aber jedenfalls dereinst sich mit den Heiden im Glauben vereinigen und den Primat unter ihnen wieder einnehmen würden. Je weiter sich die Herrschaft der Päpste ausbreitete, desto härter wurden die Dekrete gegen die Juden, bis sie von Seiten des Klerus für „Sklaven" erklärt wurden. Den Reigen eröffnete Stephan VI (885—891). Hierdurch wird jener Einwand widerlegt, den man wiederholt geäußert, daß die Päpste den Juden günstig gewesen und sie geschützt hätten. Allerdings bemerkt Döllinger: „Gelang es wohl den Juden nicht selten, päpstliche Schutzbriefe zu erwirken. Aber während sonst auch in geringfügigen Dingen Bann, Jnterdiet, Bervehmung und andere drastische Mittel angedroht und verhängt wurden, blieb es in diesen Bullen bei der allgemeinen Mahnung; die Pönalsanction fehlte (eine Ausnahme macht die Bulle Jnnocenz IV von 1247)." Solche günstige Bullen wurden nicht befolgt, während die gegentheiligen immer mehr Anwendung fanden und die Verwilderung der Fürsten und Völker gegen die Juden mehrten. So wurde z. B. bis heute noch immer „als kirchliche Forderung" aufrecht erhalten, daß Judenkinder, sobald sie getauft worden, ihren Eltern nicht wieder zurückgegeben werden dürfen — was bekanntlich auch Pius IX zwei Male mit äußerster Härte beobachtete. Döllinger findet nach genauer geschichtlicher Prüfung, daß die Juden an diesem ihrem Schicksale nicht Schuld gewesen. Er sagt (S. 422): „Ein arbeitsames Volk waren die Juden immer. So lange sie einen eigenen Staat bildeten, waren Feldbau, Gartenbau und Handwerk ihre vorherrschende Beschäftigung. Unter ihren Händen war Palästina eines der am besten bebauten und fruchtbarsten Länder der Erde geworden. War doch auch das Mosaische Gesetz auf die Bodenkultur, auf die Förderung von Getreide-, Wein- und Ackerbau gerichtet. Auch in den ersten Jahrhunderten nach Christus und nach der Zerstreuung des Volkes blieb dieses seinen alten Sitten getreu. Josephus rühmt noch im Anfang des zweiten Jahrhunderts den Fleiß seiner Volksgenossen in Handwerk und Feldbau. In der römischen Literatur und den Gesetzen der Kaiser findet sich keine Spur, daß die Juden dem Schacher und Kleinhandel sich ergeben hätten oder überhaupt?Th Kaufmannsvolk geworden wären. Die zahlreichen in Rom lebenden Juden scheinen arm gewesen zu sein. Auch die gewaltigen und äußerst blutigen Empörungen der Juden in Aegypten, Cyrene und auf den Inseln zeigen, daß sie keine Handel oder Trödel treibende Bevölkerung bildeten, denn diese pflegt nicht zu den Waffen zu greifen. Noch bis ins zehnte Jahrhundert hinein hatten sie in Spanien und Süd-Frankreich, auch in Deutschland eine seßhafte Bevölkerung gebildet; diese Lage war aber durch die Feindschaft der Kirche und des Volkes unhaltbar geworden. Seit dem Aufblühen der italienischen See- und Handelsstädte, mit ihren Flotten, waren sie auch von dem Zwischenhandel zwischen dem Westen und dem Orient weggedrängt worden. Das Zunftwesen und die Untersagung des Verkehrs gestatteten ihnen nicht, ein Handwerk zu treiben. Ebenso wenig konnten sie vom Feldbau leben, da ihnen Bodenbesitz fast allenthalben verwehrt war. Der Cardinal Jakob von Vitry, der den Orient gut kannte, bemerkte um das Jahr 1244: unter den Muhamedanern trieben die Juden Handarbeit, freilich seien es nur die niedrigeren und mißachteten Gewerbe, die sie trieben, unter den Christen aber lebten sie vom Zinsgeschäft. — Da drängt sich der Gedanke auf, welch eine Wohlthat es für die Welt, die christliche und die jüdische, hätte werden können, wenn damals ein Cardinal oder ein Papst über diesen Contrast zwischen den Juden unter dem Koran und den Juden unter dem Kreuz nachgedacht, und die so nahe liegenden praktischen Schlüsse daraus gezogen hätte!" — Die Fabeln, welche mau aufbrachte, um die Juden zu verfolgen, und den Vorwand des Wuchers führt Döllinger auf ihre wirklichen Ursachen und Zwecke zurück. Ausführlich behandelt ec das Kapitel, „welche Verwirrung das päpstliche, kanonisch gewordene Verbot des Zinsnehmens in alle sozialen Verhältnisse brachte, und wie man die von jedem anderen Erwerbe ausgeschlossenen Juden zwang, das Geldverleihen als einziges Erwerbs- und Schutzmittel zu betreiben, so daß sie für finanzielle Gebahrung, mit Ausnahme der christlichen italienischen Geldhäuser und Geldbanken, die einzigen Aushelfer in allen Gelduöthen wurden, ein Zustand, der ebenso zu ihrer Erhaltung, wie zu ihrem Verderben gereichte". So durchwandert Döllinger die Geschichte der Juden in Italien, Frankreich. England, Spanien, Portugal und Deutschland, und wir bedauern nur, daß er nicht in gleichem Maße die Zufluchtsstätten der Juden im ehemaligen Reiche der Polen in Betracht gezogen hat, womit das Schicksal der Hälfte des ganzen jüdischen Stammes noch in der Gegenwart zusammenhängt. Auch über das Loos getaufter Juden, das durchaus nicht beneidenswerth war, giebt er Aufschluß, und wie die Spanier „während sie Israel aus der Halbinsel auszurotten trachteten, sich selbst die furchtbarste Geißel flochten, unter deren Streichen sie Jahrhunderte lang bluten sollten" — die Inquisition. „Dennoch fällt in 25*