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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-21 · Heft 25 (21.6.1888) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 25 (21.6.1888)
Date
1888-06-21
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 halb müssen wir jetzt auf dieselbe zurückkommen, immerhin auf unsre oben angeführten Artikel zurückweisend, wo wir bereits einige kleinere Jrrthümer Döllingers besprochen haben. Unser Redner ist in seiner Ausdrucksweise stets einfach, bündig und Präzise. Keine verwickelten Sätze, keine Bilder und Vergleiche, jedes Wort von thatsächlicher Bedeutung, jeder Satz mit geschichtlichen Beweisen versehen, jeder Schritt nach sorgfältiger Prüfung gethan. Wie viele, fast möchten wir sagen zahllose Broschüren, Flugblätter, Bücher sind damals und die Jahre vorher und nachher über die sogenannte „Judenfrage" für und wider erschienen — mit äußerst geringer Ausnahme sind sie vergessen und werden kaum dem Geschichtsschreiber dieser zeitlichen Episode der Aufmerksamkeit werth erscheinen. Der akademische Vortrag Döllingers aber ragt an Gesinnung und Inhalt hoch daraus hervor. Was Döllinger auszeichnet, ist einerseits, daß er alle Gegenstände vom geschichtlichen Standpunkte aus betrachtet und zwar auf Grund von Quellenstudium, andrerseits seine Vorurtheilslosigkeit, indem er überall mit größtem Offenmuth der Wahrheit huldigt, wie sie sich aus der Forschung ergiebt.Gewiß ') So tief D. von den Lehren des Christenthums erfüllt ist, so steht er doch nicht an, da, wo dasselbe im Laufe seiner Entwickelung in schwere Verirrungen verfiel, dies unumwunden auszusprechen und ihm niemals zuzuschreiben, was sich geschichtlich nicht erweisen ließe. Vor Kurzem hat der gegenwärtige Papst in einer Allocution seine Freude vorüber ausgesprochen, daß die Regierung und die Kammern von Brasilien die unbedingte Abschaffung der Sklaverei votirt haben, und sägte hinzu, daß das Christenthum von Beginn an die Sklaverei verurtheilt und aus dem Wege geschafft habe. Ueber diesen Gegenstand, natürlich nicht mit Rücksicht auf diese, die ganze Geschichte ignorirende Aeußerung des Papstes, bemerkt D. in dem driten Vortrage (S. 72.) Folgendes: „Es kann nun auch nicht befremden, daß die Stadt Rom bis in's 16. Jahrhundert hinein die Sklaverei hegte; es war natürlich, daß das übrige Italien dem Beispiel der Metropole der Christenheit folgte. Die Päpste pflegten Sklaverei als Strafe über ganze Städte oder Provinzen zu verhängen, wie Bonifacius VIII. mit den Unterthanen der Colonna's, Clemens V. mit den Venetianern, Sixtus IV. mit den Florentinern, Julius II. mit den Botognesern und den Venetianern that: so nämlich , daß sie Jedermann ausforderten, die, deren er habhaft werden konnte, zu Knechten zu machen. Nach diesem Beispiel ward in ganz Italien, vorzüglich von Venedig aus, der Handel mit fremden Sklaven und noch mehr mit Sklavinnen schwunghaft betrieben. Das einige Jahre in Rom bestandene Privilegium,'wonach ein aus das Capüol flüchtender Sklave frei werden konnte, hob Papst Paul Ilt., auf die Vorstellung des Senats hin, bald wieder auf — im Jahre 1548. Unter den Großstädten Europas hat Rom die Sklaverei am längsten festgehalten. Da nun die Scholastik des 13. Jahrhunderts sich die Aufgabe gestellt hatte, die bestehenden Gebräuche zu rechtfertigen, so ward auch die Sklaverei theologisch gerechtfertigt; Aegidius von Rom erklärte sie, nach dem Vorgang des Thomas von Aquin, für ein christliches Institut, weil der „Mensch seit der Erbsünde auf Freiheit keinen Anspruch mehr habe." Es ist dies der Aeußerung des Papstes gegenüber genug, und wir brauchen kaum hinzuzufügen, daß erst vor 24 Jahren der blutige Bürgerkrieg in Nordamerika wegen der Sklaverei in den Südstaaten geführt ward, in welchem die orthodoxe Geistlichkeit, die katholische wie die protestantische, auf Seiten der Sklavenhalter stand, und daß es also beinahe 19 Jahrhunderte kostete, um die Sklaverei in den christlichen Staaten zu beseitigen. Es ist eine jetzt allzugangbare Methode, die Geschichte völlig zu ignoriren und Behauptungen aufzustellen, die den geschichtlichen Thatsachen geradezu widersprechen. Dieser unheilvollen Methode, die dem „wissenschastlichen" Jahrhundert nicht wird das vorliegende Buch auf den „Index der verbotenen Bücher" kommen, dies aber nicht verhindern, die allgemeine Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Die Grundansicht spricht Döllinger folgendermaßen aus: „Das Schicksal des jüdischen Volkes ist vielleicht das erschütterndste Drama der Weltgeschichte." Auf diesem Volke lastete während des Mittelalters jener „Mißbrauch der Gewalt" (Hybris), gemischt aus religiösem Fanatismus, gemeiner Habgier und instinktartiger Racenabneigung. Dies war das Ergebniß jenes sittlichen und intellectuellen Gebrechens, welches viele Jahrhunderte lang auf den Höhen der Menschheit, wie unten in der Menge, gleichmäßig geherrscht hat, zum Theil noch in weiten Kreisen vorhanden ist, wenn auch jetzt durch Sitte, Furcht und öffentliche Meinung gebändigt. Dieses Gebrechen war und ist, kurz ausgedrückt, der Mangel des Gerechtigkeitssinnes. Wir kennen sie, jene Mächte und ihre Werkzeuge, welche auch heute noch in allen ersinnlichen Wendungen und Verhüllungen stets den einen Gedanken wiederholen: wir allein sind im Besitz der vollen, Rettung bringenden Wahrheit, und darum muß uns auch Alles gewährt werden und Alles uns erlaubt sein, was zur Verbreitung und Geltendmachung dieser Wahrheit nothwendig oder dienlich ist. Wo dieses Prinzip herrscht, wie es denn in dem ganzen Jahrtausend von 500 bis 1500 herrschte und heute noch von denen vertreten wird, welche die mittelalterliche Weltanschauung festhalten, da muß selbst der Begriff der Gerechtigkeit als verdammlicher Wahn erscheinen — jener Gerechtigkeit nämlich, welche den Menschen nach seiner Erziehung, seinen Neigungen und Borurtheilen zu verstehen, sich in seinen Gedanken- und Sympathienkreis zu versetzen und ihn demgemäß zu behandeln, zu entschuldigen, sein Abweichen von unseren Bahnen des Denkens, Glaubens und Handelns zu ertragen, sein Recht der Selbstbestimmung zu achten vermag." — Döllinger äußert auch: „Das ist leicht zu erkenilen, daß eine Nation um so viel höher steht als Trägerin der Cultur, je größer in ihr die Zahl der von dieser höheren Gerechtigkeit durchdrungenen Personen ist und je besser ihre Institutionen dieselbe zu schirmen und zu bethätigen geeignet sind". — Mit diesem Maßstabe durchwandert nun der große Kenner der Geschichte die Schicksale des jüdischen Volkes und entrollt, überall aus den Quellen schöpfend, das Bild des langen und schweren Martyriums, welches dieser Stamm zu erleiden gehabt. Er beginnt mit jener Auswanderung, welche bereits Jahrhunderte vor dem Falle Jerusalems angefangen Welches ist das Resultat seiner geschichtlichen Forschungen? Schritt vor Schritt führt er uns dasselbe vor, nämlich daß in den heidnischen Zeiten die unter zur Ehre gereicht, muß Jeder mit Ernst entgegentreten. Das Papstthum hatte zu Zeiten Macht genug, die Sklaverei zu verbieten, wie z. B. das Zinsnehmen, aber es that dies niemals.

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