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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-14 · Heft 24 (14.6.1888) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 24 (14.6.1888)
Date
1888-06-14
Page
Seite 383 (sequence 15)
Language
German
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383 saß. Sie hatte die Schürze voll Aepfel, von denen sie eben einen schälte, während die kleinen Knaben und Mädchen um sie ruhig, aber mit leuchtenden Augen die Bertheilung erwarteten. Nachdem ich Esther mit jener Hochachtung begrüßt hatte, welche ihr gebührt, fragte ich scherzend: „Was üben Sie heute wieder für eine milde Pflicht?" „Das sind Kinder," erwiderte sie, „deren Eltern krank sind oder trotz des Sabbaths arbeiten müssen; da führe ich denn die Kleinen hinaus, denn die Kinder haben ein Recht vor uns voraus, das Recht an Freude." „Als wenn Sie, mein Fräulein, in diesem Augenblick nicht selbst die größte, reinste Freude empfinden würden." „Ja, ich bin glücklich, wenn ich andere glücklich sehe." Sie war mit ihrer Aufgabe fertig und begann nun das Obst zu vertheilen. Ich stand vor ihr und betrachtete mit einer gewissen Rührung dieses zugleich so kindliche und so strenge Profil. „Was denken Sie von mir?" fragte Esther plötzlich. „Daß sie ein braves Mädchen sind", erwiderte ich und gab ihr die Hand, mit derselben Empfindung, mit der ich sie einem braven Pompier beim Brande der komischen Oper gegeben hatte. Die Sonne ging unter dem Triumphbogen unter, als wir uns trennten. Esther schritt stolz und schön in der Mitte ihrer Kinderschaar, und ich blickte ihr nach wie einer Vision. War es nicht ein Wunder, mitten in dem glänzenden, rauschenden Babel, unter den exotischen Prinzessinnen und Gräfinnen, den Pariser Schauspielerinnen und Koketten dieses Mädchen, diese ernste, edle, jungfräuliche Erscheinung? Als sie vor dem Triumphbogen angekommen war, schien es, er sei für sie erbaut und der letzte Abendschimmer umgab sie mit einer Glorie." Wir zweifeln nicht an der Wahrheit dieser Zeichnung; daß aber diese Erscheinung sofort zu einer „Sekte" erhoben, und dieser auch gleich ein Name gegeben wird, flößt uns gerechtes Bedenken ein. Äus der Predigt eines Rabbiners. Drei Juden saßen im Eisenbahnwagen und sprachen über die Rabbinerwahl ihres Ortes. Der eine freute sich besonders der getroffenen Wahl, weil der Rabbiner das Gesetz vortrefflich auszulegen wisse. „Hört nur, was er uns am letzten Schabbes (Sabbath) sagte! Es lebten einst — so ungefähr erzählte er — 7 Brüder beisammen. Sechs gingen auf die Arbeit, der siebente aber hielt Haus. Und wenn die sechs Brüder matt und müde von der Arbeit heimkehrten, so *) Aus dem „Pilger", ein resormirtes Volksblatt! fanden sie das Haus geschmückt und geordnet, das Mahl bereitet und das Licht angezündet. Darüber freuten sie sich und lobten den siebenten Bruder. Aber es war einer unter ihnen, der wollte klüger sein als sie Alle und schalten den siebenten Bruder einen Faullenzer und Tagedieb, der auch mit zur Arbeit gehen und sein Brod verdienen sollte. Das böse Wort fand leider bei den Andern Eingang, und sie uöthigten den Bruder, daß er Axt und Karst nahm gleich wie sie und mit ihnen früh am Morgen an die Arbeit ging. Abends traten sie den Heimweg an. Kein freundlicher Lichtschein winkte ihnen von ferne, keine fürsorgende Hand hatte das Hauswesen geordnet und den Tisch gedeckt, kein Bruder empfing sie mit freundlichem Händedruck und herzlichem Wort. Sie merkten jetzt, wie thöricht sie gehandelt und fühlten sich, weil ihre Schuld war, doppelt elend und verlassen. Forthin blieb darum auch der siebente Bruder wieder im Hause und das verlorene Glück des Bruderkreises kehrte zurück. Also, sagte der Rabbiner, ist der Sabbath unter seinen Brüdern der Tag, der den 6 Wochentagen Licht, Heil und Segen bringt. Ihr Kinder Israel, wenn Leute kommen, die klug sein wollen und diesen Bruder Faullenzer und Tagedieb schelten, ihn auch zur Arbeit zwingen und sein heilig Recht ihm nehmen wollen, traut ihnen nicht, glaubt ihnen nicht! Ihr schadet euch selbst am meisten, ihr raubt Euch den Segen, Ihr verliert Eures Hauses Licht und Ordnung, Freude und Frieden." — So sprach der Jude, und mau sah es ihm an, wie tief die Worte des Rabbiners ihn ergriffen. Die „innere Mission". Wir brauchen unfern Lesern nicht in die Erinnerung zu bringen, wie oft in lügenhaftester Weise dem Judenthum, insbesondere dem Talmud verderbte Morallehren untergeschoben werden, die, so oft als falsch und erfunden nachgewiesen, von unseren Feinden immer wiederholt und — von Vielen geglaubt werden. Mau kann es uns deshalb nicht verdenken, wenn wir auch einmal das gegnerische Lager besuchen. Wir dringen aber allein nicht hinein, sondern folgen einem christlichen Führer. In der „Boss. Ztg." ließt man: „Für das Wirken der unter dem Namen „innere Mission" arbeitenden Kräfte sind die Traktätchen bezeichnend, die diese Gesellschaft zur Förderung ihrer Zwecke verbreiten läßt. Eins dieser Blättchen, das auf offener Straße und sogar vor Schulgebäuden an Schüler vertheilt wird (verlegt von der Deutschen evangelischen Buch- und Traktatgesellfchaft in Berlin) redet die Jugend folgendermaßen an: „Lasset euch nicht verführen", heißt es an einer Stelle, „weder die H. . ., noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge (Verderber ihrer selbst, Unzüchtige), noch die Knabenschänder, noch

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