Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1888)
- Date
- 1888-06-14
- Page
- Seite 382 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Jeuii Die palästinerin. Aus einem Feuilletonartikel der „Franks. Ztg." von Sacher Masoch. Feuilletonartikel haben das Vorrecht, sich über alle Dinge und einige mehr auszulassen und dabei die Verantwortliche feit des Erzählten nicht zu tragen. Denn das Feuilleton verlangt auch eine angenehme Form, einen ästhetischen Anflug. In einer der jüngsten Nummern der „Frkft. Ztg." giebt der bekannte Novellist, Herr Sacher-Masoch, einen sehr interessanten Artikel über russische Damen in Paris. Selbstverständlich fehlt auch eine Jüdin nicht, deren Silhouette wir aus dem Bilde herausschneiden. Es wird von ihr erzählt: „Und wieder einmal traf ich in demselben Restaurant ein Mädchen, nicht minder schön und vornehm wie Danitza, aber ein Wesen ganz anderer Art. Sie kam ernst und leise herein, mit dem edlen Kopf einer Sultanin und der Gestalt einer Bajadere, wie eine polnische Bäuerin, jedoch in schlichte, dunkle Farben gekleidet. Alle Herren standen auf und grüßten sie mit besonderer Achtung. Während sie an einem entfernten Tische Platz genommen hatte, fragte ich einen polnischen Emigranten, der neben mir saß: „Wer ist diese seltsame Erscheinung?" „Das ist Fräulein Esther Rabiuowitsch, eine Jüdin aus Südrußland, welche in Paris studirt. Sie gehört zu der Sekte der Palästiner, von der sie wohl gehört haben." Als ich meine Zeche bezahlte, erhob sich auch die schöne Jüdin, sie stand vor dem Hause als ich heraustrat und begrüßte mich. „Ich kenne Sie", sagte sie, ich habe viel von Ihnen gelesen. Wenn sie erlauben, werde ich sie begleiten." „Im Gegentheil, ich bitte um die Erlaubniß, Sie begleiten zu dürfen." „Nun, dann schlage ich Ihnen vor, in den Luxemburggarten zu gehen, dort ist es jetzt am Abend ruhig. Man kann ungestört sprechen." Wir gingen in den Luxemburggarten, und nachdem wir die verschiedensten Dinge und Fragen berührt hatten, sagte ich endlich: „Sie sind eine Palästinerin?" .Ja". „Wenn Sie es nicht unerlaubt finden, einen, der nicht Ihres Glaubens ist, in denselben einzuweihen, so würde ich Sie bitten, mir einige Aufschlüsse über die Grundsätze und Ziele ihrer Sekte zu geben." „Wir haben keine Geheimlehre — wie die Chassidim", l e t o n. sprach sie. „Sie können Alles wissen. Wir sind Juden, aber wir befolgen nur jene Vorschriften des Ritus, die mit unserem Klima und unserer heutigen Kultur nicht im Widerspruche stehen." „Also eine resormatorische Sekte?" „Ja, aber zugleich gehen wir auf das ursprüngliche Judenihum zurück, wie es in Palästina war. Wir haben uns vor allem das Ziel gesteckt, unser Volk vom Handel abzuwenden und zur Handarbeit, vorzüglich zur Feldarbeit zu erziehen." „Ich habe gelesen, daß diese Versuche in Südrußland viel Erfolg gehabt haben." „So ist es. Unsere Moral hat zwei große Gesichtspunkte : Die Nächstenliebe und das Recht eines Jeden auf Wohlbefinden. Dieser zweite Grundsatz findet sich ja in dem ganzen jüdischen Gesetz verkörpert, das weniger eine Religion als eine Staatsverfassung ist und sich nur nebenher mit dem Jenseits beschäftigt, vor allem aber bedacht ist, dem Menschen auf Erden ein möglichst menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Jeder hat ein Recht, sich satt zu essen und nicht zu frieren; so lange also Menschen auf offener Straße Hungers sterben, wie man es in Paris und London oft genug sehen kann, haben wir kein Recht, mehr für uns in Anspruch zu nehmen, als das Nothwendige." „Sie predigen also den Kommunismus?" „Nein, wir theilen nicht mit dein Müßiggänger, wir helfen nur jenem, der arbeiten will, aber auch diesem geben wir kein Almosen, wir geben ihm Arbeit." Ein russischer Maler, dessen Frau Esther Rabinowitsch näher kannte, erzählte mir, daß sie die Tochter sehr reicher Eltern sei, welche ihrem Entschlüsse uachgegeben hatten, und sic in die Welt ziehen ließen, um zu studiren. Esther beschäftigte sich ausschließlich mit Landwirthschaft. Sie hatte ein Jahr in Deutschland, ein zweites in England zugebracht und war seit einigen Monaten in Frankreich. Sie bekam 500 Fr. monatlich, lebte jedoch so spartanisch, daß sie mit 100 Fr. Alles bestritt und den Rest ihren armen Landsleuten gab, aber nicht als Almosen. Sie war, indem sie half, darauf bedacht, nach zwei Seiten Gutes zu thun. Sie gab minder Bemittelten russischen Familien einen Lehrer oder eine Lehrerin und bezahlte diese, ohne daß sie es wußten, indem sie ihnen monatlich das Honorar durch die Familie, in der sie unterrichteten, zukommen ließ. :j-, -I- * An einem Samstag Abend schlug plötzlich, in de» Champs Elysöes, eine bekannte, Helle, freundliche Stimme an mein Ohr. Ich wendete mich um und erblickte meine Palästinerin, welche von einem Dutzend Kinder umgeben, auf einer Bank