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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-14 · Heft 24 (14.6.1888) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 24 (14.6.1888)
Date
1888-06-14
Page
Seite 381 (sequence 13)
Language
German
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381 schließlich einräumen, daß Palästina den Namen „gelobtes Land" mit Recht trägt. Bonn, 10. Juni. (Notizen.) Man schreibt dem „UlmerTagbl." aus Wippingen O. A. Blaubeuren, 29. Mai; In den hiesigen Ort kommt allwöchentlich ein jüdischer Handelsmann von Buttenhausen, Namens Leopold Levi, der ein seltenes Beispiel von körperlicher Kraft und Rüstigkeit bei sehr hohem Alter ist. Derselbe steht nahe am 90. Lebensjahre, hausirt aber noch stramm mit schlverbeladenem Waarenbündel und macht jede Woche den steilen Weg von Buttenhausen zur Station Schelklingen, etwa drei Stunden mit seinem Waarensack zu Fuß. Der Mann ist hier in der Umgegend durch seine Biederkeit beliebt. — Am 22. Juli, so wird uns geschrieben, feiert vr. Goldschmidt, Rabbiner zu Colberg, sein 25 jähriges Amtsjubiläum. — Man schreibt uns: Aus einer Notiz in einer der letzten Nummern! Ihres Blattes könnte man schließen, daß der, an der Erfindung des Telephon betheiligte verstorbene Reis jüdischer Religion gewesen — das war er nicht, wie ich aus persönlicher Bekanntschaft weiß. Um Jrrthum zu vermeiden, sei dies hier bemerkt. — Aus Köln wird geschrieben: Der Cassirer der israelitischen Gemeinde A.Hamburger ist flüchtig geworden; er soll einen Cassendefect von etwa 30,000 Mk. hinterlassen haben. Dem Bernehmen nach befindet sich Hamburger auf der Reise nach Newyork, wo dessen Frau schon eingetroffen ist. Die genannte Gemeinde soll eine Verfolgung des Flüchtigen nicht beubsichtigen. (Wie wir uns erinnern, hat schon einmal ein Beamter dieser Gemeinde ein solches Verbrechen begangen.) — Man schreibt aus Wien vom 29. Mai: Ein Mann, der eine Zeit hindurch die antisemitische Bewegung durch ein Hetzblättchen „Tie Sonntagsruhe" förderte, ist heute nach vielfach verübten Betrügereien flüchtig geworden. Joseph Seidel, zuerst Papierhändler im zehnten Wiener Bezirk, dann wie gesagt Zeitungsherausgeber, später Eigenthümer und Redakteur einer sogenannten „Wiener Jllustrirten Gewerbezeitung", ein Unternehmen, das auf Täuschung und Ausbeutung des Publikums berechnet war, dem Seidel Beiträge entlockte, dann wieder Arrangeur von Wohlthätigkeitsfesten für die eigene Tasche, hatte schließlich den ingenieusen Plan, einen Militär-Veteranen- und Landsturmverein zu gründen. Die Statthalterei wies die Statuten zurück, doch das genirte den Ehrenmann nicht: er fälschte den Erlaß und ging flott an die Gründung; er warb Mitglieder, sammelte Gründerbeiträge und solche von Ehrenmitgliedern. Die Sache kam znr polizeilichen Anzeige; es wurde eine Revision angeordnet; unterdeß war der Mann der „Sonntagsruhe" geflüchtet. Die durch Seidel entlockte Summe erreichte über zweitausend Gulden. — Man berichtet aus Paris-. Die „National-Gesellschaft für Aufmunterung zum Guten" (Societe nationale d’Encouragement an Bien) hat dem Herrn unb der Frau Julius Beer eine Bürgerkrone wegen Stiftung einer Waisenanstalt für 50 Waisenkinder und goldene Medaillen Herrn Eugen Manuel für seine „Dichtungen für Schule und Haus", und der jüdischen Gesellschaft zur Förderung der Handwerke und Künste im Bayonne ertheilt. Paris, 6. Juni. (Literarische Notiz.) Die folgende Notiz hat sicherlich auch für die Leser dieser Zeitung Interesse, sowohl der Sache wegen, als auch da der eifrige Verfechter des Judenthums, der emer. Prof. A. Franck an der Spitze des neuen Unternehmens steht, und Jules Simon seinen Ruf durch sein Werk über die Freiheit des Gewissens begründet hat. Es wird hier „Religion" im reinsten Sinne, fern oder vielmehr feindlich allen hierarchischen Tendenzen, gebraucht. Wir entnehmen die Notiz der „Frkf. Ztg." die, ihrer Tendenz gemäß, dem Unternehmen nicht sehr hold ist, deren Bemerkungen wir deshalb, da sie ganz vager Art sind, übergehen. Die nationale Liga gegen den Atheismus, deren Ehrenpräsident der Senator Jules Simon, deren Präsident Herr Ad. Franck vom Institut Fran^ais ist, läßt soeben die erste Numeiner Wochenschrift erscheinen, welche bestimmt ist, gegen den Atheismus und den Skepticismus zu kämpfen, welchem das moderne Frankreich zu verfallen scheine. Die Zeitung führt den stolzen Titel „La paix sociale“, sie will die soziale Frage durch die Religion lösen, sie will das Elend dieser Welt durch den Hinweis auf die Glückseligkeit in einer anderen Welt mildern. Ein Brief Jules Simones an den Redakteur dieser jeden Freitag erscheinenden Zeitschrift spricht die Hoffnung aus, daß die französische Jugend zur Religion zurückkehren werde und daß noch nicht ganz Frankreich dem entsittlichenden Materialismus verfallen sei. Ec weist darauf hin, daß die größten Geister Frankreichs, ein Rousseau, ein Voltaire Theisten waren, daß es im Pantheon Frankreichs keinen einzigen Atheisten gebe, daß jener „Kultus der Vernunft", den die Revolution an Stelle der Religion setzte, nur 5 Tage gedauert hat. Er erklärt das Verlangen, Gott zu suchen, für eine uns angeborene Eigenschaft. „Die Natur selbst", so ruft er aus, „treibt uns dazu, zu träumen, zu verlangen nnd die unsichtbare Wett zu suchen." Herr Franck bezeichnet in einem Leitartikel nicht nur die Verherrlichung der Religion als die Aufgabe der Zeitung, sondern auch die rücksichtsloseste Polemik gegen den Atheismus. Eine Rubrik der Zeitung ist Citaten großer Männer gewidmet, welche die Ideen vertreten haben, die auch die Liga vertritt. Voltaire und Victor Hugo figuriren in dieser Rubrik als Veriheidiger des Religionsunterrichts.

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