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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-14 · Heft 24 (14.6.1888) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 24 (14.6.1888)
Date
1888-06-14
Page
Seite 380 (sequence 12)
Language
German
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380 In der That, die europäischen Staaten scheinen chinesische Mauern um sich aufbauen zu wollen! Großbritannien. London, 5. Juni. Wir berichteten vor Kurzem, daß in Leeds 2060 jüdische Schneidergesellen strikten, um höhere Arbeitslöhne zu erlangen. Sie gaben aber ihren Strike bald auf, ohne ihren Zweck erreicht zu haben, selbstverständlich weil sie die Conkurrenz anderer Gehilfen zu fürchten hatten. Um so angemessener erscheint es uns, auch an dieser Stelle eine Warnung wiederzugeben, welche jüngst von London aus erlassen worden. Sie ist allerdings ganz allgemein an die Einwanderungslustigen gerichtet, hat aber ihre Anwendung auch auf die jüdischen, da die Kräfte der jüdischen Hilfscomitös erschöpft sind. Sie lautet: Der Vorstand der „Gesellschaft zur Unterstützung nothleidender Ausländer" erläßt so eben eine öffentliche Warnung gegen die Auswanderung nach England. Er verweist auf die wesentlich ungünstigere Gestaltung der Verhältnisse im ganzen Wirthschaftsleben dieses Landes und auf den schweren Kampf, den in Folge dessen namentlich der neu eingewanderte Fremdling hier um sein Dasein zu führen hat. Die Hilfsgesellschaften, auf die man sich allzusehr verlasse, ständen der von Jahr zu Jahr wachsenden Noth mehr und mehr machtlos gegenüber und nur ein kleiner Theil der erhobenen Ansprüche könnte nothdürftig befriedigt werden. Frisch Zugereisten könne dabei nur in den seltensten Fällen eine Unterstützung gewährt werden, weshalb die Gesellschaft es als ihre heiligste Pflicht betrachte, dem auswanderungslustigen deutschen Landsmann die Mahnung zuzurufen: „Bleib' im Land und nähr' dich redlich!" Es ist nur zu gerechtfertigt, wenn die Gesellschaft es einen unverzeihlichen Leichtsinn nennt, im Vertrauen auf die Unterstützungsgesellschaften mittellos und ohne vorher gesicherte Stelle nach London resp. England zu kommen. Wer diese Warnung nicht beachtet, der wird sich nicht beklagen dürfen, wenn er die große Zahl thatkräftiger, aber hungernder und leidender Ausländer um einen vermehrt hat. Ueber alle Maßen ungünstig ist es zur Zeit hier für mittellose deutsche Kommis. Kellner müssen, wenn sie nicht dem Elend verfallen wollen, der Landessprache kundig sein, wenn sie Herkommen. Der deutsche Lehrer hat selbst im „günstigen" Falle wenig Aussicht, hier mehr als ein kümmerliches Dasein zu fristen; eine Ausnahme macht allenfalls der des Englischen mächtige Musiklehrer. Sehr ungünstig steht es um alle Arten des Handwerks, besonders für Buchdrucker, Lithographen, Barbiere, Schuhmacher, Schneider, Tischler u. s. w. Die Tischler haben hier gute Zeiten verlebt, aber die sind vorüber. Geübte Schneider finden im Westend zeitweise sehr lohnende Arbeit, indessen aber nur zeitweise; den größten Theil des Jahres sind sie beschäftigungslos. In der guten Zeit beträgt der Lohn der Schneider für eine normale Arbeitswoche nicht mehr als 2 Lstr.; diejenigen, welche mehr verdienen (ausnahmsweise bis zu 6 Lstr. die Woche), arbeiten im Akkord und 16, 17 bis 18 Stunden täglich. Aber das ist in der Regel nur auf wenige Wochen, denen dann meist Monate des Arbeitsmangels folgen, während welcher sie froh sein müssen, dann und wann einmal auf einige Stunden Beschäftigung zu erhalten. In Folge des beständig wachsenden Mitbewerbes von Seiten neu ankommender Landsleute arbeiten die Bäckergehilfen übermäßig lang und gegen geringe Bezahlung; viele von ihnen sind brodlos. An Schlossern wie überhaupt an Eisenarbeitern ist ebenfalls Ueberfluß vorhanden. Dasselbe gilt von den Zigarrenmachern. Kurzum, wohin man auch schauen mag, ist keine Berufsart, in welchen es eine Nachfrage zu befriedigen gäbe; überall ein übergroßes, die Arbeitsbedingungen verschlechterndes Angebot von Beschäftigung suchenden „Händen". Türkei. Haifa, 3. Mai. (Schwäb. M.) Schon der Febr. schien unsere bescheidenen Erwartungen auf eine gute Ernte nicht unterstützen zu wollen, und der März brachte statt des nothwendigen Regens wiederholt die austrocknenden Ostwinde, so daß viele Saaten anfingen, fahl zu werden und abzusterben, indem in den Kelchen der Halme sich Raupen bildeten, und zu alledem sandten auch die Heuschrecken ihren Bortrab. Kein Wunder, daß unter diesen Umständen die Getreidepreise in wenigen Tagen um 20 pCt. in die Höhe gingen, weil die Ebene Saron (mit Jaffa) und die Philisterebcne mit Gaza und ihren Töchtern, die am meisten von der Dürre betroffen sind, bedeutende Aufträge nach dem Norden Palästinas sandten. Endlich, nachdem auch die Osterfeiertage unter diesem traurigen Bewußtsein der kommenden Noth vorübergegangen, öffnete am 7. April der Himmel seine Schleusen in so ausgiebiger Weise, daß sich alles erfrischte und ain nächsten Tag (Sonntag) die Natur wie in einem Festgewand erschien. Bald hörten wir, daß auch andere Landestheile die Freude und den Dank mit uns theilen durften, namentlich die Stadt Jerusalem, die vor einer schweren Noth um das Wasser die düstersten Aussichten hatte und jetzt noch ihre Cisternen füllen konnte, während die schon erwähnten Ebenen einer Erquickung ihrer Winterfrüchte nicht mehr theilhaftig wurden. Die Wendung in der Witterung hat nun bis heute angedauert. Sonnenschein, mittelmäßige Niederschläge streben um die Wette, uns zu erfreuen. Während im März das Thermometer bis 24° R. stieg, zeigt es heute zur gleichen Tagesstunde 15° R. und oft glaubt man sich in einen Maienmonat des schönen Württemberg versetzt. Wenn eine solche Witterung zur Regel würde, dann müßte auch der Ungläubigste

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