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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-14 · Heft 24 (14.6.1888) · p. Seite 379

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 24 (14.6.1888)
Date
1888-06-14
Page
Seite 379 (sequence 11)
Language
German
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379 handelt es sich doch für sie nur um Skandal, groben Unfug und Schein!) Wien, 4. Juni. (Privatmitth.) Ihre hiesigen Correspondenten haben bis jetzt in Sachen des Antisemitismus einen Umstand mit Stillschweigen übergangen, der doch ein recht wesentlicher ist. Es giebt nämlich hier zwei Arten Antisemiten, die eine besteht aus den Klerikalen, die andere aus den fanatischen Deutsch-Nationalen. Letztere haben Schönerer an der Spitze, sind nichts weniger als klerikal und werden deshalb von jenen perhorreszirt. Die Klerikalen bekämpfen die Anhänger Schönerers, welcher letzterer jüngst durch Anklagen den Pfarrer auf seinem Gute Rosenau zum Selbstmord getrieben hat. Er wird zugleich als antidynastisch verschrieen, während die Klerikalen sich als Kaisertreue aufspielen. Was nun den Antisemitismus der Klerikalen betrifft, so arbeiten sie ganz nach altem Muster. Es ist immer dasselbe Spiel der ehemahligen „Wiener Kirchenzeitung" und des Redakteurs derselben, Sebastian Brunner, sowie des „Vaterland", in welchem Blatte sie noch heute wie früher rumoren. Man kennt dies ja auch in Deutschland aus den sogenannten Kaplanhetzblättern, und noch heute stehen sie in Verbindung mit derartigen deutschen Blättern, z. B. der deutschen Reichszeitung; sie liefern sich gegenseitig Stoff zu den gehässigsten Artikeln. Alles nämlich, was nicht klerikal, also für sie liberal ist, bezeichnen sie als jüdisch. Die gesammte liberale Presse, wozu ihnen auch die offiziöse gehört, heißt bei ihnen „Judenpresse"; die liberalen Abgeordneten „Judenknechte", und so suchen sie jeden freien Athemzug des Volkes dadurch zu brandmarken, daß sie ihn als von den Juden hervorgerufen und beherrscht bezeichnen. Liegt hierin schon eine unbegrenzte und dabei ihnen wohlbewußte Heuchelei, so werden noch andere Mittelchen als probat für ihre Zwecke verwendet, namentlich indem sie unaufhörlich die Juden der Verletzungen des Christenthums, der Feindschaft gegen die Kirche zeihen. Jede Aeußerung in irgend einem Blatte oder Buche, die den Klerikalen mißfällt, schreiben sie den Juden zu. Sie wollen hierdurch den Haß aller Christen gegen die Juden aufs Aeußerste schärfen, und scheuen sich zu diesem Zwecke vor keiner Lüge und Uebertreibung. Auch hierin ist ihnen noch heute Sebastian Brunner ein Bannerträger, der ja erst vor wenigen Monden Ihnen, Herr Redakteur, einen Satz imputirte, den Sie niemals geschrieben, und auf die Aufforderung, die Stelle anzugeben, wo sich jener Ausspruch befände, ruhig schwieg, weil er schweigen mußte. Der Mann hat nicht so viel Achtung vor seinem eigene» grauen Haare, um sich die Schmach eines solchen Vorgangs zu ersparen. Meiner Meinung nach ist dieser unverlöschliche Haß der Klerikalen viel gefährlicher als der aller Schönerer und Genossen. Diese in ihrer Brutalität bringen es bis zum Strafrichter und machen sich allmählich selbst unmöglich. Aber die Klerikalen stehen in einer festen Burg, habe» einen sicheren Anhang, in welchem alle ihre Diatriben Glauben finden, und sterben nicht aus. Allerdings taucht von Zeit zu Zeit der Bericht über einen Akt oder eine Aeußerung der Toleranz seitens eines höheren kirchlichen Würdenträgers auf und wir heißen diesen stets willkommen; aber entschädigen kann er uns nicht für die Wunden, die der untere Klerus uns schlägt, der bekanntlich seine Wege verfolgt, auch wenn diese vom Bischof nicht gebilligt werden. Wien, 5. Juni. Die Antisemiten fahren fort mit ihren Versuchen, auf die Gesetzgebung einzuwirke», jedoch ohne geringsten Erfolg. Sie wissen dies recht wohl, aber sie wollen ja nur Lärm machen und ihre Personen Herausstellen. Im Abgeordnctenhause beantragten sie die Verstaatlichung der Gewinnung und des Großhandels der Kohlen, ferner die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung der schädlichen Thätigkeit der Juden im Geschästsleben und in der Presse. Letzterer Antrag fand nicht die genügende Unterstützung. Prag, 4. Juni. Im hiesigen Armenverein, der einen streng katholischen Charakter hat und unter dem Protektorate des jeweiligen Erzbischofs steht, wurde die Ausschließung der Juden und Altkatholiken von den Lieferungen von Biktualien beantragt. Der Antrag wurde jedoch verworfen mit Hinweis auf die Bethätigung der Juden bei der Wohlthätigkeitspflege und die tolerante Gesinnung des verstorbenen Fürsterzbischofs Schwarzenberg, welcher selbst Mitglied eines jüdischen Nächstenliebevereins gewesen. Rußland. Lemberg, 5. Juni. Dem in Lemberg erscheinenden „Przeglond" telegraphirt man aus Kamieniec-Podolsk, die dortige Stadtvertreiung Hütte eine Deputation nach Petersburg entsendet, um die Regierung zu bitten, dieselbe möge den gegen die Juden gerichteten Ausweisungsbefehl rückgängig machen, da in Folge der Judenausweisungen die Immobilien derart entwerthet wurden, daß die Bürger von Kamieniec außer Stande sind, ihren Verpflichtungen gegen den Staat nachzukommen und ihre sonstigen Zahlungsverbindlichkeiten zu erfüllen. Von der russischen Grenze, 3. Juni. Unsere schon einmal ausgesprochene Ansicht, daß es durchaus nicht die Juden allein sind, welche aus Rußland ausgewiesen werden, bestätigt sich immer mehr. So wird jetzt berichtet: Die in den russisch-polnischen Grenzorten wohnenden österreichischen und preußischen Fabrikbesitzer und Spediteure erhielten die Weisung', unverzüglich das russische Gebiet zu verlassen, da hierfür der letzte Termin abgelaufen sei. Mehrere Ausgewiesene sind gestern in Krakau angekommen, ohne daß es ihnen möglich gewesen wäre, ihre Geschäfte abzuwickeln. S4

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