Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1888)
- Date
- 1888-06-14
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
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372 folg forschen, desto weniger achten sie die Geschichte ihrer eigenen Wissenschaft, zucken schon über die Männer in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die Achseln, und schreiben ihre Geschichte erst von Darwin her, gerade wie die heutigen Aerzte, welche, während ihre ganze Wissenschaft doch nur auf der Erfahrung ruht, alle früheren Heroen ihrer Kunst mißachten, weder die Geschichte der wechselnden Constitutionen, noch die der medicinischen Systeme schätzen, Alles für veraltet erklären und sich an die neuesten Systeme halten, die selbst so viele Varianten zeigen und am nächsten Tage verdrängt sein können. Hier also, wo die Geschichte allein einen sicheren Faden bieten könnte, stößt man sie zurück. — Und die Philosophie? Diese hat freilich in der Gegenwart viel Schuld an der Mißachtung, der sie unterliegt. Sie mißachtet sich selbst, sie hat sich aufgegeben und ihre Jünger erlahmen. Dies ist jedoch nur eine zeitweise Erscheinung, die sich in der Geschichte der Philosophie schon mehrfach wiederholt hat. Sie bewegt sich in einem Kreislauf von Dogmatismus und Skepticismus, bis sie plötzlich von Neuem mit glänzenden Sternen in der Denkwelt ersieht und ein neues Licht über die Region ihrer Thätigkeit verbreitet. Die Philosophie und die Naturwissenschaften sind verschieden in ihren Objecten und in ihren Methoden. Jene zieht die übersinnliche Welt in den Kreis ihrer Betrachtung und sucht sie aus ihren Voraussetzungen zu construiren; die Naturwissenschaft beschäftigt sich nur mit dem Sinnlich-Wahrnehmbaren und will durch Beobachtung und Experiment zur Erkenntniß des Gesetzes kommen, wie es in der materiellen Welt vorhanden. Beide also sind für die menschliche Erkenntniß unentbehrlich; aber sie lassen sich verleiten, gegenseitig in ihre Gebiete hinüberzugreifen und sie nach ihren Prämissen zu gestalten — und dies ist ihr eigener Schaden, die Verkennung ihrer Grenzen. Immer wieder hat die Philosophie die Natur, die gesammte Schöpfung auf dialectischem Wege zu construiren versucht, wobei stein um so gröbereJrrthümer verfiel, je schwächer und irrtümlicher der naturwissenschaftliche Standpunkt ihrer Zeit war. Sobald aber die Naturwissenschaft in das Metaphy' fische und Psychologische übergreift, widerspricht sie nicht allein ihrem eigenen Wesen, ihrer Methode und ihren Mitteln, sondern wird der menschlichen Erkenntniß geradezu gefährlich. Wer die Natur des Materiellen in die des Geistigen hinüberträgt, geräth in noch gröbere Jrrthümer, als der, welcher die Materie von dem Jntettect ablöst. Vor dem Menschengeiste steht nun einmal der Dualismus, und so wenig der Geist der Materie, kann diese jenes entbehren. Wir stehen hier zugleich an der Grenze der Religion und der Ethik. Der unbefangene Forscher weiß, daß die Naturwissenschaft die wesentlichsten Probleme des materiellen Daseins selbst noch nicht zu lösen vermag, wie uns z. B. jüngst Neumayer in der „Geschichte der Erde" innerhalb der Geologie gezeigt hat. Ist sie überhaupt im Stande, über das Wesen irgend einer großen Erscheinung, z. B. der Elektricität, des Magnetismus u. s. w. Ausschluß zu geben? Und wenn sie die organischen Erscheinungen bis zur Urzelle verfolgt — bis wohin sie freilich nur durch weite Sprünge gelangt — weiß sie zu sagen, wie diese Urzelle entstanden, wie die Bewegung in diese hineingekommen und wie sie eine organische Gestalt herzustellen vermochte? Am schlimmsten wirthschafteten die Naturwissenschaftler auf dem Gebiete der Psychologie. Sie selbst strengen in hohem Maße den Geist an, um die Ordnungen der Materie zu erkennen, leugnen aber diesen Geist selbst, setzen ihn als eine Bewegung von Gehirnfasern und sprechen ihm die Freiheit ab, die sie doch selbst, oft in glänzender Weise, bethätigeu. Was haben sie uns über die Welt unsrer Empfindungen, über die Entfaltung unsrer Einbildungskraft, über die Kraft oder die Schwäche unsres Willensvermögens zu sagen? Nichts als todtes und tödtendes Geschwätz. Und endlich die Religion. Was das Menschengeschlecht in seinen Jahrtausenden bekannt und entwickelt hat, was Geschlechter nach Geschlechtern zum Trost, zur Aufrichtung und zu geistiger und sittlicher Erleuchtung gedient hat, das soll mit einem Male verdrängt, erdrückt werden. Und was kann seitens der Naturwissenschaftler an die Stelle gesetzt werden? Nichts als die deutlichere Anschauung jener Ordnung und Gesetzmäßigkeit, die im Universum vorhanden — ja, in diesem Universum, in welchem hier ein Weltkörper aus Gasen sich verdichtet, dort ein anderer erkaltet und zerspringt, daß seine Stücke durch den Weltraum fliegen, dieses Universum ewigen Werdens und Vergehens, in welchem wir ein Atom eines Sandkorns sind — was vermag es uns in unsrer Sehnsucht, in unsren Wünschen und Nöthen, in unsren Freuden und Leiden, für unser inneres Leben, ja selbst für unsre Gedankenwelt zu geben? Und diese Ordnung, sie ist kein sittliches Motiv, sie bietet keinen sittlichen Impuls, sie ist kalt, streng, unerbittlich, opfert tausendfältiges Dasein für ein einziges Wesen, und wer sie erst recht nachahmt, ist ebenso viel Verbrecher wie Tugendheld. Wir begnügen uns hiermit, denn wir überschritten schon den Rahmen eines Artikels. Der Leier, der sich an diesen Fragen betheiligt, wird schon von selbst unsre Andeutungen weiter ausführen. Für uns sind die Naturwissenschaften für das materielle und geistige Leben des Menschen von höchstem Werthe; aber wenn man diesen übertreibt, wenn man ihm eine Alleinherrschaft erobern und alle anderen Disciplinen verächtlich bei Seite schieben will, insbesondere wenn man mit ihnen der Religion, der Sittlichkeit, der Philosophie, der Geschichte und dem Studium der Humaniora den Krieg erklärt, so müssen wir den Kampf aufnehmen und diese gefährlichen Anmaßungen zurückweisen.