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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-14 · Heft 24 (14.6.1888) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 24 (14.6.1888)
Date
1888-06-14
Page
Seite 371 (sequence 3)
Language
German
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371 durch die Naturwissenschaften entwickelt. Wir geben dies zu, müssen aber bemerken, daß diese Beobachtung und Wahrnehmung sich doch nur auf äußere Dinge und Merkmale bezieht, während intellectuelle und ästhetische Wahrnehmung, wie sie die Humaniora zu wecken im Stande sind, ungeübt bleiben — wir sprechen natürlich nur von der großen Mehrzahl der Schüler. Die Combination der einzelnen Wahrnehmungen zu einer allgemeinen Erkenntniß, d. h. eines Gesetzes, ist doch nur Sache der Meister. Leidet ferner der grammatische Unterricht an Nüchternheit, so bleibt diese bei dem naturwissenschaftlichen Unterrichte auch nicht aus, und z. B. Botanik und Zoologie sind in der Naturbeschreibung für den Schüler höchst gleichgiltig und das Interesse erwacht erst, wenn man zur Physiologie kommt. Endlich wendet man ein, daß durch die Spitzfindigkeiten der Grammatik der Geist nicht genährt, sondern ertödtet werde, während die lebendige Auffassung der Ausdrucksformen und des geistigen Inhalts ausbleibe. Hieran ist allerdings viel Wahres, aber es trifft nur die Unterrichtsmethode, welche verbessert werden kann, und an deren Verbesserung auch schön Hand gelegt worden. Kommt es doch gauz ebenso bei dem naturwissenschaftlichen Unterrichte auf die richtige Methode an. Man erinnere sich, wie viel bei dem Unterricht in der Mathematik, dieser für die Geistesbildung so nützlichen Disciplin, gesündigt wird, und doch ist man beiderseits von der Nothwendigkeit derselben überzeugt. — Was nun unser specielles Gebiet betrifft, so müssen wir anerkennen, wie viel die moderne Entfaltung des Judenthums den Humaniora schuldig ist. In den letzten Jahrhunderten war das Studium der talmudisch-rabbinischen Literatur zu einem wahren Distelfelde geworden, und Geist und Geschmack kamen in die Bearbeitung des Judenthums erst mit dem Studium der klassischen Literaturen durch dessen Jünger wieder. Mendelssohn stützte sich nicht bloß auf Mai monides, sondern auch auf Plato (Phädon). Seine Nachfolger genossen Gymnasial- und Universitätsbildung. — Nein! Ein solches plötzliches Verschütten bewährter Bahnen für allgemeine Bildung und Cultur und ein Aufschütten neuer Kieswege, die nur zu einseitigen Zielen führen, könnte nur die nachtheiligsten Folgen haben. Jedem Unbefangenen muß es einleuchten, daß der Unterricht in den Humaniora die Vorbereitung, gewissermaßen die Dressur des Geistes für alle höheren Lebensberufe bietet, der Unterricht in den Naturwissenschaften nur für diese und deren benachbarte Disciplinen. Gewiß ist es nothwendig, daß in den Gymnasien dem naturwissenschaftlichen Unterrichte eine größere Aufmerksamkeit und Stundenzahl gewidmet werde, indeß, nach unsrer Meinung, weniger den uaturbeschreibenden Disciplinen, als der Kenntniß der Gesetze der Physik, der organischen Schöpfung und der Geologie in ihren Umrissen. — Aber die Eiferer für die Naturwissenschaften versteigen sich noch höher. Sie wollen die Geschichte für nutzlos, die Philosophie jeder Bedeutung baar, die Religion der Existenz verlustig und für die Sittlichkeit eine neue Ordnung erforderlich erklären. Beleuchten wir uns diese Momente etwas genauer. Wenn wir mit den Naturwissenschaften rechten wollten, so müßten wir sagen, daß sie zur Eultur und Civilisation der Menschheit nichts beigetragen, vielmehr eher nachtheilig wirkten, selbstverständlich bis zur neuesten Zeit, wo sie ein so wichtiger Factor des gesammten menschlichen Lebens geworden. Das Studium der Natur ist so alt wie der Mensch, denn dieser war von Anfang an aus die Beobachtung der Natur angewiesen. Die alten Egypter stützten ihr ganzes Wissen und Denken, esoterisches und exoterisches, auf Beobachtungen der Naturerscheinungen; von Salomon rühmte man, daß er von allen Gegenständen aus allen Naturreichen zu sprechen gewußt, was also jedenfalls auf den Werth hinweist, den man auch in Israel auf Kenntniß der Natur legte (I.Kön. 4,33); die Griechen und Römer haben eine lange Reihe ausgezeichneter Naturforscher aufzuweisen, von welchen auch viele feine Beobachtungen gemacht wurden, wie z. B. die aristotelischen Problemata reich daran sind; in der arabischen Literatur nehmen die Naturwissenschaften einen großen Raum ein, und die spanischen Juden arbeiteten fleißig daran mit. Dennoch zog die Civilisation und Aufklärung geringen Nutzen daraus; Plinius und der Talmud beweisen die Anhäufung von Fabeln, welche diese Naturbeobachter dem menschlichen Wissen anhafteten. Man bewegte sich vorzugsweise in der Astrologie und Alchemie — ließ sich doch selbst ein Kepler herbei, Horoskope zu stellen — und nicht einmal die Entdeckung Amerikas verdankt man der Naturwissenschaft, da Columbus seiner Profession nach ein Wollenweber war und seinen großen Gedanken nur aus praktischen Beobachtungen ableitete. Um so weniger glauben wir, daß die Naturwissenschaften im Stande seien, selbst bei ihrer großen Entwickelung jene wirksamen Motoren der menschlichen Intelligenz und des menschlichen Seelenlebens überhaupt zu ersetzen. Die Geschichte, welche die naturwissenschaftlichen Fanatiker so gern für eine Rumpelkammer der menschlichen Jrrthümer ausgeben, ist allein im Stande, über das Wesen der Völkergeschichte und den großen Entwickelungsgang des menschlichen Geschlechtes, also mithin über das Wesen des Menschen selbst Aufschluß zu geben. Wir halten es mit dem Ausspruche jenes Genius, welcher den Naturwissenschaften eine so große Theilnahme schenkte: „Der Mensch bleibt des Menschen höchstes Studium." (Göthe.) Will doch die Naturwissenschaft selbst die jetzige Lebewelt nur aus den früheren Phasen derselben erklären, wie will sie also uns veranlassen, die Frage: wie ist der Mensch? anders zu beantworten als durch den Nachweis, wie er es geworden. Allerdings, je eifriger sie in der Geschichte der Erde und deren verschiedenen Phasen mit Er- 24*

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