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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-14 · Heft 24 (14.6.1888) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 24 (14.6.1888)
Date
1888-06-14
Page
Seite 370 (sequence 2)
Language
German
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370 übersteigenden Naturerscheinungen schildern konnte. Für den eigentlichen Inhalt der naturwissenschaftlichen Forschung fand man kein Verständniß, noch weniger wußte man in den Geistern einen Zusammenhang zwischen der Natur und den Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft zu finden. Man verließ diesen Weg und wandte sich der Geschichte zu. Einen Einfluß auf die Naturwissenschaften hatte dieses nicht. Diese hatten unterdeß einen großartigen Gang beschritten und eine Entwickelung genommen, wie sie noch nie dagewesen. Nicht bloß etwa, daß mächtig wirkende Entdeckungen gemacht wurden, es galt vielmehr den Ausbau immer weiter zu führen, die Wissenschaft in ihren Specialfächern immer tiefer zu verfolgen, und das Netz unserer Kenntniß über Himmel und Erde auszubreiten. Da die Erfolge nicht bloß in der Theorie verblieben, sondern gewaltige praktische Resultate erzielten, die Verbindungen aller Länder und Erdtheile in ungeahnter Ausdehnung vermittelten und die Industrie auf einen völlig anderen Boden versetzten, die Fortschritte sich auch von Tag zu Tag mehrten: so stiegen selbstverständlich die Naturwissenschaften in ihrer Bedeutung für das ganze menschliche Leben, aber auch in ihrer Werthschätzung in den Augen der Menschen ungemein. Die Geisteskräfte und die Thätigkeit wandten sich ihnen vorzugsweise zu, und die allgemeine Aufmerksamkeit lenkte sich auf sie. Aber, wie dies in menschlichen Dingen immer geht, man verfällt in das Extrem; es entwickelt sich ein gewisser Fanatismus, mit welchem man das alleinige Heil in den Naturwissenschaften findet, sie für das einzige richtige Bildungsmittel erklärt, für die einzig richtige Quelle der Erkenntniß; kurz ihnen die Alleinherrschaft auf dem Gebiete des geistigen Lebens erobern will. Diese ist es demnach, die wir zu bekämpfen haben. Man wird den umfassenden Bestrebungen der Naturwissenschaften nicht allein kein Hinderniß entgegensetzen dürfen, wohl auch nicht können, sondern auch alle mögliche Förderung angedeihen lassen müssen. Sofern sie aber alle anderen Thätigkeiten und Bildungsmitteln Geltung und Pflege absprechen wollen, muß man sie in die ihnen zukommenden Schranken zurückmeisen. Heben wir hier zwei Momente hervor. — Von eifrigen Jüngern der Naturwissenschaften wird jetzt die Forderung erhoben, die Humaniora, d. i. die klassischen Sprachen und Literaturen, aus dem Gymnasialunterricht ganz und gar oder doch größtentheils zu entfernen und sie durch naturwissenschaftlichen Unterricht und moderne Sprachen zu ersetzen, die Einen empfehlen die französische, die Anderen die englische Sprache zu diesem Zwecke. Diese Frage steht jetzt auf der Tagesordnung. Was uns betrifft, so hegen wir die Ansicht, daß hierin eine große Verirrung und Schädigung liege, und ziehen unsre Gründe aus der Praxis wie aus der Thesis. Die Erfahrung lehrt uns, daß die ganze Blüthe der Cultur aus den Humaniora entsprossen ist, und daß Alles, was wir an großen Geistern bis jetzt gehabt, in ihrer Jugend ihre Bildung durch die Humaniora gewonnen haben. Und diese unsre großen Geister sahen die Studien der Humaniora nicht als einen Jrrthum, als eine Schädigung an, von welcher sie sich erst selbständig loslösen mußten, sondern fortwährend als den fruchtbaren Boden, als das bleibende Correctiv für alle menschliche Cultur. So Lessing, Schiller, Goethe und Herder, welcher letztere das Hebräerthum und das Hellenenthum für die beiden Nahrungsquellen der Civilisation betrachtete. Führen wir als einen Beleg die Worte Kant's an, der bekanntlich unter den Philosophen der neueren Zeit den Naturwissenschaften zuerst einen großen Rang einräumte und z. B. über Physik und physikalische Geographie während seines ganzen akademischen Wirkens sehr gesuchte Vorlesungen hielt. Er sagte: „Bildung der Geisteskräfte, die man Humaniora nennt, sei die Propädeutik zu aller schönen, den höchsten Grad der Vollkommenheit anstrebenden Kunst, und schwerlich werde ein späteres Zeitalter jene Muster entbehrlich machen, welche eine glückliche Vereinigung von gesetzlichem Zwang, höchster Cultur mit der Kraft und Richtigkeit freier, ihren Werth fühlender Natur in einem und demselben Volke geschaffen habe." Nach seiner Meinung erzieht das Studium der alten Klassiker die Geister zum richtigen Denken. Es ist eine praktische Logik und gewöhnt an richtige Auffassung von Ursache, Grund, Folge und Wirkung?) Aber auch die hervorragendsten Staatsmänner, namentlich die englischen, haben ihre Bildung aus eifrigen Studien der Humaniora gezogen und machten von den Früchten derselben häufigen Gebrauch. Liebt doch selbst Fürst Bismarck Reminiscenzen aus denselben anzuführen. Endlich, die größten Naturforscher selbst waren von der Kenntniß der klassischen Sprachen und Literaturen durchdrungen, ein Kepler, Kopernikus, Galilei, Newton, Linus u. A.; auch die neueren, wie Humboldt, Buch, Meckel, Johannes Müller ff. Vergeblich wird man deshalb der Gegenwart eine ganz neue Anlage, ein neues Bedürfniß insinuiren und darum die bisherige Cultur abschneiden und mit einem Male auf einen ganz anderen Boden, auf die Naturwissenschaften und einige neuere Linguistik verpflanzen wollen. Was man dafür anführt? Zuerst spricht man von der Uberbürdung der Schüler durch die Humaniora. Dies ist ein Uebelstand, dem durch richtige Methodik abgeholfen werden könnte, und wer garantirt uns, daß mit dem naturwissenschaftlichen Unterrichte nicht ebenfalls Ueberbürdung Eintreten könnte? Der bloße Wechsel der Lehrgegenstände garantirt nichts. Dann sagt man: die Beobachtungsgabe, die Fähigkeit zur Wahrnehmung bleibt bei den Humaniora ungeübt und wird nur 1) S. „Culturbilder aus Altpreußen von Alexander Horn." (Leipzig. 1886) S. 228 und die früheren biographischen Schriften über Kant.

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