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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-06-07 · Heft 23 (7.6.1888) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 23 (7.6.1888)
Date
1888-06-07
Page
Seite 362 (sequence 10)
Language
German
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362 Hanges vor seinem Hause, vor dem eben enthüllten Denkmal der Kaiserin Maria Theresia und dem Kriegsministerium hatte denselben Charakter des antiösterreichischen Deutschthums. Hiermit war aber namentlich den Bewohnern der Altstadt Wien der Fehdehandschuh hingeworfen und man hat ihn ausgenommen. Wiederholt hat seitdem diese Bevölkerung dem Kaiser Franz Joseph und dem österreichischen Staatsgedanken ihre Huldigungen demonstrativ dargebracht, z. B. in den Theatern durch Absingen der Volkshymne stehend, was hier nicht gebräuchlich ist. Andererseits ist die Sicherheitsbehörde aus ihrer Connivenz gegen den Skandal des Pöbels herausgetreten, und verhindert jede weitere Schönerer-Demonstration. Nach dieser Richtung hin werden die Dinge sich noch weiter entwickeln. Wien, 29. Mai. Ein vom deutschen Nationalverein in Krems versendetes und von den antisemitischen Abgeordneten unterzeichnetes Circular fordert zur Unterfertigung einer Petition an den Justizminister Prazak auf, derselbe möge beim Kaiser für die volle Strafnachsicht Schönerer^ eintreten. Pest, im Mai. Der Waitzner Bischof Constantin Schuster hat auf seiner Jnspectionsreise in Neupest sämmtliche öffentlichen Gebäude besichtigt; unter Anderen auch das Waisenhaus, woselbst sich eine ergreifende Scene abspielte. Als nämlich der Jnjpector Jacob Palotai, ein Israelit, einer der Gründer des Instituts, den illustreu Gast in warmen Worten begrüßte, wurde der Bischof derart von Rührung übermannt, daß er den Redner umarmte und küßte. Dieser Kuß des katholischen Kirchenfürsten hat besonders in den Kreisen der Neupester Antisemiten großes Aufsehen erregt. Brünn, 25. Mai. (Privatmitth.) In diesen Tagen fand hier die Generalversammlung des deutschen Schulvereins statt und gestaltete sich zu einer großartigen Feier, an welcher viele Tausende mit wahrhaftem Enthusiasmus theilnahmen. Man erinnert sich, daß dieser Verein die Bestrebungen der Antisemiten, jüdische Mitglieder auszuschließen, kräftig zurückwies und die entschiedenen Antisemiten ansschloß. Schönerer versuchte deshalb mit großem Eclat, einen „deutschnationalen Schulverein" zu gründen. Die Generalversammlung, der ihr abgestattete Jahresbericht, mit den darin verzeichneten großen Erfolgen — der Verein verausgabt für seine Zwecke jährlich beinah 300,000 fl. — die in der Versammlung gehaltenen Reoen und der stürmische Beifall, den sie fanden, beweisen hinlänglich, daß der Versuch jenes Ritters von der traurigen Gestalt völlig gescheitert ist, und daß jener im Geiste der Gerechtigkeit und Humanität arbeitende Verein in voller Blüthe steht, was wir ihm für alle Zukunft wünschen. Frankreich. Paris, 23. Mai. Die Majorität der Deputirtenkammer ist bekanntlich fanatisch gegen alle religiösen Institute. Der Senat theilt diesen radikalen Eifer nicht, und hat soeben mit 130 gegen 86 Stimmen, das neue Militärgesetz betreffend beschlossen, daß die Zöglinge der Theologieschulen (Seminaristen) zum Ambulanz- und Krankenwärterdienste verwendet werden sollen. Dies betrifft auch die Zöglinge der Rabbinerschule, so daß auch diese vom eigentlichen Militärdienste frei sein werden. — Der Plan, ein Asyl für Jünglinge zu gründen, naht sich seiner Ausführung. Der Großrabbiner von Paris, Herr Zadoc Kahn, hat für diesen Zweck die Summe von 400,000 Francs zusammengebracht, ein Comito hat sich gebildet und bereits ein angemessenes Local ausgesucht. — Das Centralconsistorium hat eine Commission gewählt, zu welcher auch einige bewährte Aerzte gehören, um über die Meziza ein Gutachten abzugeben. (Wir erinnern uns, daß schon unter dem Großrabbiner Ulmann das Consistorium einen Beschluß zur Beseitigung der Meziza gefaßt, denselben jedoch nur in die Form eines Rathes gebracht, was selbstverständlich keine Folge hatte. Derselbe Großrabbiner hatte auch eine Versammlung der französischen Rabbiner veranstaltet, welche Cultusfragen behandeln sollte. Sie einigte sich nur darüber, einige Piutim zu streichen, aber auch dieses nur als eine Empfehlung an die Gemeinden. Redact.) — In Frankreich wie in Algerien ist bei den eben stattgefundenen Muuicipalwahlen eine Anzahl Juden gewählt worden. In Algerien, wo in mehreren Städten die jüdische Bevölkerung von Belang ist, hat man auch diesmal dasselbe Schauspiel erlebt. Bor den Wahlen haben die Intransigenten den Juden vielfach geschmeichelt und Verheißungen gegeben; nach den Wahlen werden sie von denselben Leuten unb ihren Preßorganen aufs Aeußerste angegriffen und geschmäht, weil die Juden sich nicht zu willigen Werkzeugen des Radicalismus hergeben. Schweiz. Bern, im Mai. „Paris" meldet aus Bern, daß zahlreiche jüdische Familien aus Rußland in die Schweiz auswandern und in der Nähe von Zürich, am Abhange des Uetliberges eine neue Stadt zu gründen gedenken. (Bestätigung ist abzuwarten, da die Zeitung „Paris" nicht sehr beglaubigt ist.) Rußland. Petersburg, 27. Mai. Nach der „Nowoje Wremja" wird die seit fünf Jahren bestehende Konunission zur Revision der Judengesetze unter dem Vorsitze des Grafen Pahleu ihre Arbeiten noch in diesem Monate abschließen, ohne zu definitiven Ergebnissen gelangt zu sein. Warschau, 22. Mai. Der „Kiewer Ztg." zufolge sind neuerdings 54 Ausländer aus Polen ausgewiesen; davon sind 30 Oesterreicher, 14 Preußen. Unter ihnen befinden

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