Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1888)
- Date
- 1888-06-07
- Page
- Seite 363 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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363 sich 19 Juden. Weitere Ausweisungen stehen bevor. (Man ersieht hieraus abermals, daß die Ausweisung nicht bloß ausländische Juden betrifft, wie deutsche Blätter durch vielfache Mittheilungen glauben machen möchten.) Riga, 22. Mai. (Privatmitth.) Fünfzig Jahre! Zu Anfang des Jahres 1838 wandte sich der damalige Vorstand der hiesigen Gemeinde an die Schulobrigkeit mit dem Gesuche, um die Ertheilung der Concession behufs Eröffnung einer Gemeindeschule. Nachdem die Frage verschiedene Instanzen passirt war, erfolgte am 22. April 1839 die eigenhändige Bestätigung durch den hochseligen Kaiser Nikolaus. Am 15. Januar 1840 wurde darauf die Schule durch den seligen Dr. M. Lilienthal aus München als Oberlehrer und Prediger, der vom geschätzten Redakteur dieser Zeitung der hiesigen israelitischen Gemeinde empfohlen worden war, unter zahlreicher Betheiligung der Behörden und Honoratioren der Stadl eröffnet. Run sind es bald fünfzig Jahre, seit der Begründung dieser Schule, und es ist hocherfreulich, zu beobachten, welchen Aufschwung dieselbe besonders in den letzten Jahren genommen hat. Nur klein und beschränkt waren die Mittel, welche zu ihrem Unterhalte angewiesen waren, und dementsprechend auch die Räumlichkeiten und die Zahl der Schüler. In engen, dumpfen Räumen, eine Plage für Lehrer und Schüler, konnte nur einem geringen Theile der armen jüdischen Jugend Gottes Wort und allgemeine Fächer gelehrt werden. Jetzt aber bietet die Schule einen ganz anderen Anblick. Sie nennt ihr eigen ein imposantes, dreistöckiges Steingebäude, von einem großen freien Platze umgeben, auf welchem augenblicklich schöne Anpflanzungen angelegt werden, mit geräumigen, Hellen Klassen, einer schönen Aula, einem Turnsaale und diversen Lehrerwohnungen, welche in jeder Hinsicht den Anforderungen der Neuzeit entsprechen. Aus den ursprünglichen zwei Klassen für Knaben sind nun vier aufsteigende Klaffen mit mehreren Parallelklassen und einer Borbereitungsklasse entstanden. Daneben ist eine Mädchenschule aus drei Klassen neubegründet worden. Mehr als fünfhundert Kinder, Knaben und Mädchen, armer und ärmster Eltern, genießen hier unentgeltlich die Segnungen des Unterrichts und der Erziehung. Zehn Lehrer und drei Lehrerinnen, an deren Spitze der hochgelehrte, allseits verehrte Herr Rabbiner Dr. Ehrlich steht, walten hier ihres Amtes, pflanzen Gottesfurcht und Lebensregel in die Herzen der armen, jeder häuslichen Erziehung baren Kinder. Wem verdankt nun die Schule diesen großartigen Aufschwung und ihre Blüthe? Wem verdanken es die Hunderte von armen Kindern und schließlich auch die an dieser Anstalt Lehrenden, daß sie während der täglichen 6—7 Unterrichtsstunden freie, reine Luft athmen und übergenug Licht haben? Es sind viele brave Männer, die an dem Gedeihen und Emporblühen der Schule gearbeitet haben. Das herrliche Gebäude aber, die schöne und bequeme innere Ausstattung, die Erhöhung des Etats und die Aufbesserung der Lehrergehälter werden hauptsächlich und in erster Reihe der treuen Fürsorge und der rastlosen Thätigkeit der beiden Oekonomieverwalter, der Herren L. Schloßberg und W. Lunz verdankt, von denen ersterer seit 1871, letzterer seit Ende 1873 ununterbrochen mit warmer Hingebung und dankenswerthem Eifer für das Wohl der Schule sorgen. Das Gebäude ist eine Zierde der Stadt, und die jüdische Gemeinde darf mit Stolz auf die Pflanzstätte der Bildung ihrer Jugend blicken. Der Verwaltung aber und besonders den beiden genannten Männern gebührt volle ehrende Anerkennung. B. Hirschberg. Türkei. Salonichi, im Mai. Die Eröffnung der Eisenbahn bis Salonichi läßt uns folgende Notiz wiedergeben. Mehr als die Hälfte der gesammten Einwohner der Stadt bilden die Nachkommen der aus Spanien vertriebenen Juden; ihre Anzahl wird auf 70,000 geschätzt. Vom Bankier und Kaufherrn bis zum Lastträger herab finden sich alle Stände vertreten in dieser Anzahl, die Bootsleute am Hafen und die Gepäckträger am Bahnhof sind beinahe ausschließlich Juden: ein schöner Menschenschlag, kräftige, hochgewachsene Gestalten mit (leider! würde so mancher Hofprediger sagen) ausgesprochenen semitischen Gesichtszügen. Unter der türkischen Herrschaft hatten sie keinerlei Anfeindung zu erleiden, die freie Uebung der Religion war allen ihren zahlreichen Sekten gewährleistet. Religiöse Streitigkeiten und Reibungen zwischen den fünf in Salonichi hausenden Konfessionen waren bis in die jüngste Zeit unbekannt, der duldsame Sinn der Bewohner aller Sekten ließ keinerlei Zwistigkeit aufkommen. Den Bemühungen der griechischen Geistlichkeit ist es indessen gelungen, im vorigen Jahre eine antisemitische Bewegung zu entfachen, die durch das Einschreiten der türkischen Behörden wohl niedergehalten, aber keineswegs gänzlich verschwinden gemacht wurde. Bonn, 3. Juni. (Notizen.) Man schreibt uns aus Ra witsch vom 25. v. M.: Gestern fand die feierliche Grundsteinlegung zur neuen Synagoge statt. Lange vor Beginn der Feier hatte sich unsere gesammte jüdische Gemeinde und mit ihr eine beträchtliche Anzahl unserer christlichen Mitbürger auf dem Bauplatze eingefunden, auf welchem in der Nähe des Grundsteins eine Kanzel provisorisch hergerichtet war. Kurz nach 10 Uhr erschien Herr Rabbiner Dr. Löb mit dem Vorstande und den von demselben geladenen Ehrengästen, dem Herrn Landrath Steinmann, Herrn Beigeordneten Schmidt, Herrn Stadtverordnetenvorsteher Linz, Herrn Post-Bauinspector Böttcher aus Breslau und mehreren distinguirten Per- 23*