Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1888)
- Date
- 1888-05-31
- Page
- Seite 350 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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350 erwuchsen und die ihnen Gutes gethan, erstanden wieder in ihrer Erinnerung und mahnten sie, Versäumtes nachzuholen, Geschädigtes wieder gut zu machen. Dies ist in Poljakow, dies in so vielen seiner Standesgenossen vor sich gegangen, und dieser Vorgang gehört unsrer Geschichte an. Interessantes ans Marokko. Das jetzt oft genannte Marokko ist ein den Europäern noch wenig bekanntes Land. Leicht zugänglich vom Meere aus, ist es im Innern wegen der Feindseligkeit der Bewohner gegen jeden Europäer so gut wie unzugänglich. Marokko theilt sich in zwei Landschaften: das eine Viertel (Blad-el- Makhzen) ist wirklich dem Sultan von Marokko unterworfen, verschafft ihm Soldaten, bezahlt ihm Abgaben; viermal so groß ist das Blad - es - Siba, das von unabhängigen, nicht unterworfenen Stämmen bewohnt ist, welche die Autorität des Sultans nicht anerkennen und bisweilen selbst seinen Namen nicht wissen. Im ersteren Theile können die Europäer frei reisen, freilich gegen Zahlung vieler Zölle und in der Gefahr, sich gegen Räuber vertheidigen zu müssen. In den übrigen Theil kann Niemand eindringen, denn der Fremde wird mit größtem Mißtrauen angesehen, getödtet oder gegen großes Lösegeld gefangen genommen. Einem französischen Lieutenant, Vicomte Charles de Foucauld, ist es jüngst dennoch gelungen, Marokko seiner Länge nach in 11 Monaten zu durchwandern und wichtige geographisch-astronomische Beobachtungen zu machen, die er in einer Schrift Reconnaissance au Maroc (Paris 1888, 2 vol. Challamel) niedergelegt hat. Das Werk ist uns nicht zugekommen; wir entnehmen das Folgende einem desfallsigen Artikel von G. Valbert in der Revue des deux Mondes vom 1. April. „Um Marokko von Tanger bis zur Sahara zu durchwandern, muß man entweder Muselmann oder Jude sein. Die meisten europäischen Reisenden haben den Turban angenommen. Das ist eine gefährliche Sache, Herr Lenz hat die traurige Erfahrung gemacht. Ein Derwisch, der wissenschaftliche Neugier besitzt, ein Derwisch, der einen Barometer und einen Sextant bei sich führt, der sich Notizen macht und ganze Stunden mit Schreiben verbringt, erregt Verdacht und man erkennt ihn bald als einen falschen Derwisch. Uebrigens, da er immer von Muselmännern umgeben und genöthigt ist, sich in jeder Weise nach den Vorschriften des heiligen Buches zu richten, ist es ihm sehr schwer, sich nie zu verrathen, und wenn er sich dabei ertappen läßt, müßte er seine betrügerische Religionsschänderei mit dem Leben bezahlen. Herr Foucauld entschloß sich, das schwarze Käppchen des Juden auf den Kopf zu setzen und sich mit den langen Haarlocken zu schmücken, welche die israelitischen Marokkaner ihre Schläfen herabwachsen lassen. Gewiß hatte diese Wahl seine Unannehmlichkeiten. Die marokkanischen Israeliten sind strenge Beobachter des Sabbaths, an dem sie nicht weit gehen, nicht schreiben, kein Feuer anmachen, kein Geld zählen, nicht von Geschäften sprechen, ja nicht einmal daran denken. Der junge französische Officier verurtheilte sich also, 52 Tage in einem Jahre zu verlieren. Bon der anderen Seite ist der Zustand des Juden im ganzen Blad-es-Siba herzzerreißend; er ist zur Leibeigenschaft verurtheilt und einem Regime schrecklichen Druckes unterworfen. Er muß sich zu dem Juden eines Muselmannes machen, in dessen Diensten stehen, ihm mit Leib und Seele angehören und bildet einen Theil seines Vermögens. Wenn dieser Muselmann gescheidt ist, schont er seinen Juden, benutzt nur das Einkommen dieses Capitals, betrachtet ihn nur wie eine Pacht, welche, je besser sie verwaltet wird, desto mehr einbringt. Aber meistens hat dieser Gebieter heftige und raubgierige Launen, beutet auf unwürdige Weise seinen Leibeigenen aus und verzehrt ihn mit Haut und Haaren. Wenn der Jude sich dagegen auflehnt, so nimmt man ihm seine Frau, seine Kinder und zuletzt ihn selbst, um ihn dem Meistbietenden zu verkaufen. Wenn der Jude entwischt, bietet sein Herr Alles aus, um ihn wieder einzufangen, und er tödtet ihn dann wie einen Dieb, der ihm sein Gut gestohlen hat. Um solches Elend ertragen zu können, muß man einer Raye angehören, deren Widerstandskraft zu den Wundern der Geschichte gehört. Obgleich Herr de Foucauld, als er das schwarze Käppchen aufsetzte, sich dazu verurtheilte, kränkende Plackereien zu erdulden und kostbare Stunden zu verlieren, hat er seine Wahl doch nicht bereut. Die Muselmänner betreten nie die „Mellahs", die Viertel, in denen die Juden zu wohnen haben. Der heldenmüthige Wanderer fand hier seine Zuflucht; er verbrachte hier ganze Nächte mit Schreiben oder Beobachten der Sterne nach den Principien, welche er in der Kriegsschule gelernt hatte. Auf seinen Wanderungen achtete Niemand auf ihn, Niemand hielt es der Mühe werth, mit dem armen Juden zu reden, welcher abwechselnd seinen Compaß, seine Uhr, seinen Barometer betrachtete und den Weg anmerkte, dem man folgte. Er erhielt „von seinen Vettern" genaue Auskunft über den Landstrich, den er durchstreifte, sowie über dessen Bewohner. Im ganzen nördlichen Afrika kann Niemand anders Auskunft geben als die Juden; sie haben Augen und Ohren, während der Muselmann der gleichgültigste aller Menschen ist. Herr de Foucauld besaß die Vorsicht, einen wirklichen Israeliten mit sich zu führen, den Rabbiner Mardachee-Abi-Seraur, dessen Dienste darin bestanden, daß er schwören wußte, daß dieser französische Officier ein Rabbiner sei, ihm als Dolmetscher diente, ihn mit seiner Person decken mußte, ihm überall einsames und bc-