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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-31 · Heft 22 (31.5.1888) · p. Seite 349

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 22 (31.5.1888)
Date
1888-05-31
Page
Seite 349 (sequence 13)
Language
German
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349 als „Jude der Vergangenheit" zu genügen, so bot sich ihm ein anderes Feld, wo er als „Jude der Zukunft" sich zeigte, indem er mit seiner vollen gediegenen Persönlichkeit, mit seinem Scharfblick, mit seiner Unternehmungslust, seiner Dispositionskraft, seiner Energie auftrat, um zu beweisen, wie treu der wahre Jude seinem Vaterlande dienen, wie er die Liebe zu seinem Baterlande mit der Treue zu seinem Stamme verbinden kann, um damit einen besseren Tag für seine armen Brüder vorzubereiten, indem er das Wort des Propheten, welches lautet: „Strebet nach dem Wohle des Landes, wohin ich euch versetze und betet für dasselbe, denn in seiner Wohlfahrt wird euch Friede werden", Jeremiah, Cap. 29, v. 7, nicht nur mit Herz und Kopf, nicht nur mit Beten und Streben, sondern mit That und Handlung erfüllt, sein Motto war, ganz seinem positiven Charakter entsprechend: „Arbeite — und man wird dich bemerken, mache dich nützlich — und man wird dich anerkennen"; und er bewährte es direct für sein Vaterland, indirect für sei» Volk. Früher war es nämlich Sitte, oder vielmehr Gewohnheit für die Gründung staatlicher Unternehmungen industriellen Charakters, Ausländer: Deutsche, Engländer oder Franzosen als leitende Kräfte, zuweilen sogar als Arbeitskräfte zu berufen, weil — nun weil man zu den eigenen Kräften kein Vertrauen hatte; Samuel Salomonowitsch erkannte, daß Kraft und Stoff nationaler Arbeiten aus der Nation selbst geschöpft werden müßten, wenn sie nationalen Charakter und nationalen Geist tragen sollen. Er brach den Bann, der auf Rußlands Unternehmungskraft lag, er hatt^ Vertrauen zu den schlummernden Kräften seines Vaterlands, die er freilich erst wecken, die er erst bilden, und was das Wichtigste, denen er Vertrauen zu sich selbst erst einflößen mußte, — und er ging an's Werk mit der ihm eignen Schöpfungskraft, Verständniß und Energie, und heute — jagt das Dampfroß mit funkensprühenden Nüstern über die Steppen Rußlands, webt die Riesenspinne der Industrie ihre eisernen Netze über seine Ebenen, ziehen eherne Pulsadern von Pol zu Pol durch das Vaterland, und tragen den Herzschlag der Hauptstadt nach den fernen Grenzen von Ost und West. Und dies ist das Werk Samuel Salomonowitsch's, er stellte Rußlands Industrie auf ihre eigenen Füße, er schöpfte aus der russischen Nationalität die Kraft, aus der russischen Nation den Stoff, er rief eine neue Aera auf in der russischen Jndustriegeschichte; Wohl kann er Nachfolger haben, aber diese werden immer nur Copien seines Schöpfergeistes sein — das Orginal bleibt unerreicht! Meine Versammelten! Wenn es Sie befremdet, daß ich mich eines so weitem über den industriellen Geist, über die Werke und die Wirkung des Geschiedenen auf deni Gebiete der Industrie ausspreche, so geschieht dies, weil ich damit nicht nur seine Hingebung an den Dienst des Vaterlandes charakterisiren, sondern ihn auch als Beispiel und Vorläufer der Zeit aufstellen will, in welcher sowohl das Pflichtgefühl und die Thätigkeit des Juden mit dem Pflichtgefühl und der Thätigkeit des Bürgers zusammenfließen, als auch in Folge dessen alle Feindseligkeit, ja alles Mißtrauen schwinden, und Alles einig sein werden wird, wie es werden soll. Ja, ich kann mich der Hoffnung nicht verschließen, daß solche Fähigkeit, solche Hingebung, solche Treue nicht verloren gehen, und wie sie auf materiellem Boden — Früchte, so auf moralischem Gebiete — Blüthen bringen wird. Samuel Salomonowitsch's Leistungen haben mächtig an den Thoren des Vorurtheils gerüttelt. —" Unser Redner zeichnet hiermit mit aiierkeiinuiigswerthem Offenmuth zwei verschiedene Perioden im Leben Poljakows, die eben eine culturhistorische Bedeulung für uns habenweil sie sich nicht bloß in dieser Persönlichkeit, sondern auch recht weit verbreitet kundgaben. Wir meinen jene Zeit, in welcher viele und zwar hervorragende Juden der Meinung waren, daß sie im weltlichen und besonders im geschäftlichen Leben von aller Religionsparteilichkeit absehen und sich lediglich als Bürger, als Mitglieder des Volkes erweisen müßten. Diese Männer gingen noch weiter und vermieden ängstlich, was an ihr religiöses Bekenntniß, was an ihre Abstammung erinnern könnte. Ohne feindliche Gesinnung gegen ihre Glaubens- und Stammesgenossen zu hegen, erwiesen sie sich seindlich gegen die Juden. So erinnern wir uns lebhaft, welche Klagen aus Rußland über Poljakow in Correspondenzen zu uns drangen, daß er jüdische Werkmeister und Arbeiter von all seinen Etablissements fern hielt. Um gerecht zu sein, darf man in solche» Kundgebungen, die zur Charakteristik der Zeit gehören, nicht eine Antipathie, nicht ein Vorurtheil gegen ihre eigenen Stammesgenossen erblicken, sondern nur das in ihnen vorherrschende Streben, der christlichen Welt zu zeigen, daß sie ihre Mittel für die Gesammtheit, nicht für ihre Mitjuden zu verwenden die Absicht hätten. Diese Männer nun, leider gerade die einfluß- und an Mittel reichste», wurden aus ihrem Jrrthum durch die judengehässige Bewegung gerissen, die plötzlich durch die Welt fluthete, und von welcher sie persönlich zwar verschont, aber nicht ausgeschlossen wurden. Sie erkannten mit einem Male, daß der Unterschied, den sie der Welt gegenüber nicht machten, von der Welt dennoch gemacht werde. Bei der Ungerechtigkeit, bei der Barbarei, die gegen die Juden geübt ward, erwachte in ihnen das Pflichtgefühl, den Verfolgten beizuspringen, die Mißhandelten zu trösten, aufzurichten und zu unterstützen. Die Welt drängte ihnen noch einmal das Bewußtsein auf, das sie fern von sich zu halten gesucht, nämlich, daß sie Juden seien. Die väterliche Hütte, aus welcher sie hervorgegangen, die Glaubensgenossenschaft, in welcher sie

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