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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-31 · Heft 22 (31.5.1888) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 22 (31.5.1888)
Date
1888-05-31
Page
Seite 351 (sequence 15)
Language
German
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351 quemes Unterkommen aussuchte und im Nothfall die abenteuerlichsten Geschichten erdenken mußte, um die lästigen Fragesteller auf falsche Fährte zu bringen. Indessen, überall wo Herr de Foucauld einige Zeit sich aufhielt, halfen ihm weder sein Käppchen, noch seine Locken, noch die Schwüre von Mardachee; wenn auch die Muselmänner ihn nie beargwöhnten, so hielten ihn doch die Juden mehr als einmal für einen falschen Bruder; aber sie bewahrten streng das Geheimniß, und weit entfernt, ihm irgendwelche Antipathie zu bezeugen, wurden sie im Gcgentheil noch gefälliger, noch zuvorkommender, noch eifriger, ihm die gewünschte Auskunft zu geben. In einem Anhang seines Buches spricht Herr Foucauld über die Israeliten von Marokko sehr viel Uebles. Hat er das Recht dazu? Bei welcher anderen Ra?e der Erde hätte er diese Verschwiegenheit gefunden, die ihm das Leben rettete? Ec ist auch gegen die Jüdinnen sehr streng, denen er ihr unaufhörliches Geschwätz und die Heftigkeit ihrer Zänkereien vorwirft. Im Gcgentheil behauptet ein spanischer Arzt, der lange Zeit hindurch zum Gesundheitsrathe von Marokko gehörte, daß, wenn die Schönheit der marokkanischen Jüdin auch übertrieben worden, man hingegen ihre Intelligenz, ihr Verständniß der Geschäfte, ihre Hingabe an die häuslichen Pflichten, die Anmuth, mit der sie die Gastfreundschaft ausübt, nicht genug loben könnet). Um die Wahrheit zu sagen, dieser Arzt hat niemals die Blad-es-Siba besucht, noch sich der Sahara genähert, nnd man muß zugeben, daß Afrika, das wahre Afrika, allen Religionen, die dorthin verpflanzt werden, seltsame Entstellungen aufgedrückt hat. Wir wissen aus den Erzählungen der Reisenden, was aus dem Christenthum in Abyssinien, was Mohamed im Sudan geworden. Die ursprüngliche Religion in Afrika ist der Fetischismus, und es läßt sich zu einem fremden Gotte nur unter der Bedingung bekehren, daß dieser selbst sich zu einem großen Fetisch bekehren läßt." vr. Zakob K. Kern. Bor einigen Wochen, den 15. April, starb in der Vorstadt Zürichs im hohen Alter ein Diplomat, dessen Name auch in den Annalen der Juden, ganz besonders der schweizerischen Juden, verzeichnet zu werden verdient. Es ist dies der schweizerische Gesandte vr. Kern. Er war seiner Geburt nach ein Thurgauer. Mit dem Prinzen Louis Napoleon, der nach Absolvirung des Augsburger Gymnasiums mit seiner Mutter, der Königin Hortense, das in der Nähe Emmerdingens, dem Geburtsorte Kerns, gelegene Schloß Arenenberg bewohnte, verkehrte der junge Gutsbesitzerssohn freundschaftlich als Nachbarn, Alters- und politische Gesinnungsgenossen. Kern, durch dessen Intervention bei seinem Jugendfreunde, dem sich zum Kaiser emporgeschwungcnen Louis Napoleon, die Neuenburger Frage auf friedlichem Wege gelöst worden war, wurde in gerechter Anerkennung seiner Thätigkeit im Jahre 1856 der Gesandtschaftsposten in Paris verliehen. In den sechziger Jahren unterhandelte er wegen Abschlusses eines Handelsvertrages. In diesem Tractat, welcher einen innigen volkswirthschaftlichen Anschluß zwischen Frankreich und der Schweiz bedeutete, gewährte eine Klausel den Angehörigen beider contrahirenden Staaten vollständige Freizügigkeit und Freiheit der Niederlassung, sowie des Erwerbs von Grund und Boden. Dieser Artikel hatte für die Schweiz oder wenigstens für die meisten Cantone eine Bedeutung von ungeheurer Tragweite. Sie wurden geuöthigt, den Juden die bis dahin vorenthaltenen bürgerlichen und politischen Rechte zu bewilligen. Durch den Vertrag durfte der französische Israelit, und deren gab es damals, namentlich in den an Elsaß grenzenden Cantonen, ziemlich viele, sich in jeder schweizerischen Ortschaft etabliren, Güter kaufen, jedes Geschäft betreiben, während der eingeborene schweizerische Israelit außerhalb des Gesetzes stand. Um dieses abnorme Verhältniß zu corrigiren, mußte die schweizerische Bundesverfassung die Ausübung der politischen und bürgerlichen Rechte von dem religiösen Bekenntnisse unabhängig erklären. Es gab einen langen Kampf: Aargau, Basel, die Urkantone, selbst Thurgau, die Heimath Kerns, widersetzten sich. Louis Napoleon aber verharrte auf seinem Willen, den Handelsvertrag nicht früher abzuschließen, bis die schweizerischen Juden ihre Rechte erlangt hatten und sein Emmerdinger Jugendfreund stand ihm darin treu zur Seite. Trotz der lebhaften Opposition der schweizerischen Judenfeinde, wurde die betreffende Bestimmung von der Bundesversammlung angenommen und vom schweizerischen Volke in öffentlicher Abstimmung ratificirt. Der sel. vr. Albert Cohn in Paris, der in der Zeit des Emancipationskampfes in der Schweiz häufig mit Kern conferirte, versicherte uns mehr als einmal, wie liberal dieser schweizerische Gesandte denke. Zu den schweizerischen Staatsmännern, welche die Emanzipation der schweizerischen Juden wesentlich förderten, wird die Geschichte in dankbarer Anerkennung auch vr. Kern zählen. Kg. 1) La Mujer marroqui, estudio social, par v. Felipe Olivo y Canales. Madrid, 1881.

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