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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-31 · Heft 22 (31.5.1888) · p. Seite 348

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 22 (31.5.1888)
Date
1888-05-31
Page
Seite 348 (sequence 12)
Language
German
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348 schrifl genannte russische Jude, der aus dürftigen Umständen sich zum Schöpfer vieler russischen Eisenbahnen und Industrien emporgeschwungen hatte und vor Kurzem plötzlich an einem Herzschlag verschied. Die Verwandten hatten zur Leichenrede den emerit. Odessaer Stadtrabbiner Dr. S. L. Schwabachec berufen, welcher bei der Beerdigung am 10. April d. I. funktionirte. Die „Worte der Erinnerung," die er da gesprochen, sind soeben (Petersburg, Tagow, 1888) im Druck erschienen. Wir haben nicht vor, an dieser Leichenrede Kritik zu üben. Es ist die Eigentümlichkeit des genannten Redners, weniger an die künstlerische Abrundung zu denken, als die Gelegenheit zu benutzen, Vieles die Zeitverhältnisse betreffendes anzuschließen, wenn auch der Zusammenhang ein loser bleibt. Was er aber sagt, ist in der Regel zutreffend und zeitgemäß. Wir verweilen vielmehr bei den Zügen, die er im Bilde des Verewigten abhebt. Es sind eben nur einzelne Züge, denn, um ein vollendetes Bild des dahingegangenen Mannes zu entwerfen, dazu gehört eine besondere, ausgedehnte Arbeit und eine Meisterhand im Biographiren. Wir standen dem Verstorbenen stets durchaus fremd, aber seine Gestalt mit dem festen, wir möchten sagen ehernen Charakter hat stets unsre besondre Aufmerksamkeit erregt, und wir wünschten wohl, daß dem sel. Poljakow das Glück auch nach dem Tode dahin treu bleibe, daß ihm ein würdiger und fähiger Lebensbeschreiber zu Theil werde, der sich jedoch vor Allem jeder Apologie und Glorifieation enthalte. Denn hierdurch kann der Verewigte nur gewinnen. Herrn Dr. Schwabacher wollen wir auch gerechter Weise nachsagen, daß er sich durchaus keiner Lobhudelei schuldig gemacht, zu welcher doch Veranlassung genug gewesen wäre. Wir heben aus der Leichenrede folgende Stelle als wesentlich zur Kennzeichnung des Verstorbenen hervor und erinnern nur daran, daß durch die Zeitungen die Mittheilung geht, Poljakow habe 14 Millionen Rubel zu wohlthätigen Zwecken destinirt, worüber wir wohl später genauere Nachrichten erhalten werden. Schwabacher sagte u. A.: „Unser Geschiedener war, wie gesagt, in erster Linie ein positiver Charakter, von tiefer Beobachtung, von scharfem Urtheil, klar und wahr in seiner Lebensanschauung, liebte er seine innere Erkenntniß zum äußeren Bekenntniß zu machen; er glaubte, daß, wenn der große Weltenschöpfer jeder Creatur die Kraft gegeben „den Kampf des Lebens" zu bestehen, und den Bedarf seines Lebens zu gewinnen, daß dies umsomehr beim Menschen stattfindet — fremde Hilfe läßt die natürliche eigene Kraft erschlaffen, und erniedrigt die notwendige Selbst achtung. Er wollte daher, daß seine armen Glaubensgenossen sich nicht auf fremdes Mitleid, auf fremde Unterstützung verlassen, und dadurch die frische Kraft der Selbstthätigkeit, mit dieser die Selbstachtung, verlören und der Erbkrankheit des Pauperismus verfallen, besonders wollte er der Meinung der Welt, oder vielmehr gewisser Klassen von der „geheimen Solidarität" der Juden mit ihren bedenklichen Consequenzen von seiner Seite nicht noch Nahrung geben. Daher die so wenig verstandene Reserve der ersten Periode seines öffentlichen Lebens, die sich sogar weiter erstreckte, als auf die Hilfe persönlicher Bedürftigkeit — dies war einmal seine Ansicht unter den gegebenen Verhältnissen, und sie hat Manches für sich. Die große Wandlung, die seine Lebensanschauung in dieser Beziehung gewonnen, datirt von der unseligen Wandlung, welche die geschichtliche Strömung in den mächtigsten — und leider, daß wir es sagen müssen, in den ersten Culturstaaten Europas, genommen, d. h. die geisteskräftige Mannhaftigkeit hat in Beziehung auf die Juden einer gewissen Greisenhaftigkeit Platz gemacht. Alte Leute haben zuweilen unnatürliche, unberechtigte Launen, — so hat der Wechselbalg eines falschen Nationalitätsbegriffs mit dem niedrigsten Jnstincte, der unter dem vornehm klingenden Namen „Antisemitismus" auftauchte, ihn mit Schrecken bemerken lassen, daß das Reich der Wahrheit, wo der Mensch gilt, was er als Mensch werth ist, noch weit entfernt ist, daß seine armen Stamnlesgenossen noch unter dem alten, neu aufgefirnißten Vorurtheile zu leiden, der alte Kohl des Judenhasses neu aufgekocht, daß sie wieder in das Mittelalter zurückgeworfen werden sollten. Jetzt erkannte er, daß seine großen Ideen vom Fortschritt der Menschheit, von Menschenwerth und Menschenwürde verfrüht, daß all die treuen Bestrebungen, die redlichen Bemühungen der Juden, der Gesammtbevölkerung sich anzuschließen, vergebens, — und der Umschlag war vollzogen. Mit der ganzen Kraft seines entschiedenen Charakters schloß er sich seinen armen Brüdern an, suchte durch verdoppelte Thatkraft und Energie gut zu machen, was er bisher versäumt, und durch seine reichlichen Spenden, und mehr noch durch seine moralische Kraft, ward der neue Tempelbau (für den schon längst eine große Summe eines edlen Mannes bereit lag) beschlossen und in Angriff genommen, wurden Fonds für die zum Andenken an Se. Majestät des nun in Gott ruhenden, Hochseligen Kaisers Alexander Nikolajewitsch, gestiftete Ackerbau- und Handwerksschule, für den jüdischen Religionsunterricht an den hohen Lehranstalten gesammelt, Rath und Hilfe für alle Bedürfnisse (und deren waren genug vorhanden) gegeben; mit einem Wort, Samuel Salomonowitsch zeigte, daß er die Pflichten seiner öffentlichen Stellung kannte, und ihnen zu genügen bereit war. Er trat in Verbindung mit anderen würdigen Männern an die Spitze der wankenden Gemeinde, die von der anströmenden Brandung der Zeit, und mehr noch von innerer Zersetzung bedroht war. Wenn er von dieser Seite nun glaubte seiner Pflicht

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