Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1888)
- Date
- 1888-05-31
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227740--45348-3264856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
345 liere vornehmen wollte. Es bildete sich um dieselben sofort eine Menschenansammlung und da die Kavaliere dem Wachmanne erklärten, daß sie ihn nicht folgen wollen, sah sich derselbe veranlaßt, einen Inspektor herbeizurufen. Der Inspektor nahm den beiden Herren die Visitenkarten ab, um den Vorfall zur Kenntniß der Polizeibehörde zu bringen. Wien, 17. Mai. Der Soldat Schmidt, der Mörder des Infanteristen Aaron, wird nach nunmehr bestätigtem Todesurtheil am Samstag fn'ih hingerichtet werden. — Die Behörde entwickelt die größte Strenge gegen die antisemitischen Hetzer. Jede Demonstration wird auf das schärfste, u. zw. auf kürzestem Wege geahndet, u. zw. nur mit Freiheitsstrafen. Von den aufgegriffenen nächtlicherweile demonstrirenden Antisemiten waren zwei Individuen Preußen; sie werden nach verbüßter Polizeistrafe abgeschafft werden. Wien, 18. Mai. (Privatmitth.) Vor kurzer Zeit meldete ich Ihnen den Tod des Herrn Moritz Ritter v. Goldschmidt und vor einigen Tagen ist ihm sein ältester Sohn, Herr Julius Ritter v. Goldschmidt, im besten Mannesalter ins Grab gefolgt. Derselbe war Bicepräses der israelitischen Cultusgemeinde und hat mit großer Hingebung die Interessen der Gemeinde vertreten. Er war auch Vorsteher mehrerer Wohlthätigkeitsanstalten und betrachtete diese Ehrenämter als Herzensangelegenheiten. Die Wiener Gemeinde hat in den letzten Jahren viele bedeutende Männer verloren. Kuranda, Kompert, Wertheimer, Goldschmidt, Vater und Sohn. Wo ist der Nachwuchs? Wien, 21. Mai. Wir haben immer behauptet, daß es stets von Vortheil für uns sei, wenn unsre Hasser ihre Excesse ins Extrem treiben — dann ist ihr Niedergang nahe. Dies scheint sich auch hier jetzt zu bewähren. Die deutsche Presse hat sich entschieden gegen die antiösterreichische Richtung der vorgeblich „deutsch-nationalen" Antisemiten erklärt. Der „Voss. Ztg." wird nun berichtet: „Es hat sich getroffen, daß unmittelbar darauf andere Berliner Blätter, so das Kanzlerblatt, die Schönerer-Demonstrationen zum Gegenstände abfälliger Urtheile machten. Man weiß hier, und diesmal kann man von allen Kreisen — mit selbstverständlichem Ausschluß der Feudal-Klerikalen — sprechen, der Presse des uns so enge verbündeten deutschen Reiches Dank, daß dieselbe im Namen des deutschen Volkes diese nationale antiösterreichische Propaganda verdammt und ausdrücklich hervorhebt, daß Derartiges in Deutschland keine Sympathie finde. Diese energische Ablehnung war überaus zeitgemäß und nothwendig, denn die Schönerianer dürfen sich nunmehr nicht auf deutsche Sympathien berufen und unter dieser Flagge unreife Jungen anwerben. Es ist gut, daß unsere „Schmerzenskinder" wissen, wie man ihre Aufdringlichkeit „im Reiche" beurtheilt, und es steht zu erwarten, daß die deutscherseits so entschieden zurückgewiesene Propaganda Schönerer's wesentliche Einbuße erleiden wird. Ueüer das Verhalten und die Demonstrationen der Freunde Schönerer's herrscht im dynastischen Wien Empörung. Man macht es auch in Abgeordnetenkreisen der Polizei zum schweren Vorwurf, daß sie diese anti-österreichischen Kundgebungen nicht schon im Keime erstickte und den Zug zum Maria Theresien-Denkmal, sowie zum Kriegsministerium nicht unmöglich machte. Die verspätete Energie kann den schlechten ersten Eindruck nicht mildern. Jetzt werden täglich Demonstranten ermittelt und empfindlich bestraft, und allabendlich werden Antisemiten, die sich Ausschreitungen zu schulden kommen lassen, zur Polizei gebracht und im Sinne der bestehenden Polizeiverordnungen abgeurtheilt. Wieder ein Beweis, daß man mit den bestehenden Gesetzen ganz gut sein Auslangen findet und zu AusnahmeMaßregeln gar nicht zu greifen braucht. Pest, 14. Mai. Die Generalversammlung des hiesigen israelitischen Frauenvereins fand heute Nachmittags unter dem Vorsitze der Präsideytin Frau Johanna Bischitz statt. Dem vom Vereinssecretär Herrn Gabor Forrai verlesenen ausführlichen Jahresberichte entnehmen wir Folgendes: Im abgelaufenen Verwaltungsjahre wurden als ambulante Unterstützungen 11,696 fl. 80 kr., als monatliche Stipendien 5845 fl., als vierteljährliche Zinsbeiträge 3835 fl., zusammen daher 21,376 fl. 80 kr. in Baarem vertheilt. Im Mädchen-Waisenhause dieses Vereins wurden 50 gänzlich verwaiste Kinder, im Waisen-Asyl 32 halbverwaiste Kinder erzogen, und betrugen die Ausgaben für beide Anstalten sowohl als für die außer denselben erhaltenen 18 externen, insgesammt also für 100 Waisen 20,902 fl. 41 kr. Die Verpflegung eines Kindes stellt sich durchschnittlich auf 180 fl. 45 kr. im Waisenhause, auf 155 ft. im Waisen-Asyl und 90—100 fl. für die externen Waisen. Die dritte Wohlthätigkeits-Anstalt des Pester israelitischen Frauenvereins ist dessen Volksküche. In der Zeit vom 1. April 1887 bis 1. April 1888 speisten daselbst 120,868 Personen ohne Unterschied der Confession; davon gänzlich gratis 23,642 Personen zumeist arme Studirende — und in der Zeit von November bis März 14,478 arme Schulkinder zum ermäßigten Preise von 6 kr. per Mittagessen. Die Verwaltungskosten dieser Anstalt betrugen 14,374 fl. 26 kr. Die Gesammtausgaben für sämmtliche Zweige seiner philanthropischen Wirksamkeit inclusive der allgemeinen Berwaltungskosten betrugen 57,454 fl. 84 kr., welchen nur Einnahmen im Betrage von 47,130 fl. 11 kr. gegenüberstehen; das Bedarfsdeficit wurde von den einzelnen Fonds abgeschrieben. — Die Baukosten des neuen Waisen-Asyl- und Volksküchen-Gebäudes, welche nunmehr endgiltig abgeschlossen sind, betrugen 105,873 fl. 33 kr. Zur Deckung dieses Betrages standen inclusive des Erlöses für das verkaufte frühere Vereinsobject in der Valerogasse nur 62,593 fl. 62 kr. zur Verfügung und es resullirte somit ein Baudeficit von 43,279 fl.