Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1888)
- Date
- 1888-05-31
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
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344 Publikum gegenüber in unserer „erleuchteten Zeit" die größte Aufmerksamkeit. Vor 100 Jahren, obwohl erst nur ein kleiner Bruchtheil der Berliner Judenheit für Kunst und Wissenschaft Berfländniß bekundete und die Musentempel noch nicht von jüdischem Gelde unterhalten wurden, glaubte man, sich bei den Juden für die Aufführung eines ihre Ehre verletzenden Dramas entschuldigen zu müssen, während heut zu Tage, wo die Theater der Residenz ohne jüdische Besucher entschieden „Pleite" gehen müßten, entblödet man sich nicht, den Juden mit Spott zu überhäufen. Forscht man aber nach der Lösung dieses Problems, so finden wir sie in der Geringschätzung der Juden, in der Geringschätzung jüdischer Kenntnisse und jüdischer großen Geister unter den Juden selbst. Wer sich selbst nicht achtet, hat kein Recht sich zu beklagen, wenn er von Andern verachtet wird. Berlin wird allgemein als die Geburtsstätte des modernen Antisemitismus bezeichnet; ein großer Theil der Berliner Judenheit aber hat in Folge seines verlorenen jüdischen Selbstbewußtseins und durch die in seinen Kreisen zum guten Ton gehörende Verachtung oder spöttischen Bemerkungen gegen Alles, was ihre Abstammung oder ihre Geschichte und Literatur betrifft, dem Antisemitismus Vorschub geleistet. Es ist leider eine eigenthümliche Erscheinung bei unfern Stammesgenossen, daß sie weder in guten noch in trüben Zeiten sich richtig zu verhalten wissen. Schon unseren Weisen fiel diese Erscheinung auf und sie haben dieselbe gekennzeichnet mit den Worten: „rvoyTD nn n^i rau sn xh hzph ubw dfn „Israel kann weder des Guten noch des Bösen viel vertragen." Wir, der jüngeren Generation angehörend, wissen und kennen Gottlob keine aus rrojrnD 3n hervorgegangenen Schwächen unserer Glaubensgenossen, umsomehr aber können wir konstatiren, daß Israel nichts so schwer ist zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen. Nun aber genug.davon; denn es könnte sonst den Anschein gewinnen, als läge es in meiner Absicht, unsere sich vergessenden Glaubensgenossen durch diese Zeilen zur Besinnung ermahnen zu wollen, wovon ich aber schon aus dem Grunde weit entfernt bin, da Diejenigen, auf welche diese Zeilen gemünzt sein könnten, jüdische Zeitungen nicht lesen oder nicht lesen wollen. Albert Katz. Oesterreich-Ungar». Wien, 17. Mai. Die Anhänger des Märtyrers Schönerer machen sich nachgerade so unerträglich, daß ihnen auch die Behörden entgegentreten. Sie durchziehen das Innere der Stadt, singen vor dem Kriegsministerium, ja selbst vor der kaiserlichen Burg die „Wacht am Rhein" und „Deutschland über Alles" und maltraitiren hier und da einen Juden. Man hat deshalb Verhaftungen vorgenommen, so auch vergangene Nacht wegen Anklebens von Zetteln: „Hoch, Schönerer!" Nun, dieser kindische Lärm wird sich bald verliere». Wien, 17. Mai. Der Ausschuß für das Gesetz betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religions-Genossenschaft ist in die Spezialdebatte über den vom Herrenhause genehmigten Entwurf eingegangen. Der Referent Gniewoß wies zunächst darauf hin, daß zahlreiche Petitionen eine Scheidung der Orthodoxen von den sogenannten Neologen fordern, namentlich in Bezug ans den freien Beitritt zu den Gemeinden. — Minister Dr. von Gautsch erklärt, er könne sich für eine Scheidung der Orthodoxen und Neologen nicht aussprechen und hält es nicht für thunlich, sich in diese Schwierigkeiten einzumengen. Er habe seinen Standpunkt gelegentlich der Debatte im Herrenhause dahin präzisirt, daß bei dem Wüste Jahrhunderte alter Gebräuche es sehr schwierig sei, etwas Bestimmtes herauszugestalten. Die Regierung könne nur eine Religionsgenossenschaft der Inden anerkennen, wer nicht szufrieden ist, solle eine besondere Religions-Gesellschaft gründen, wofür Gesetze vorhanden sind. Der Minister bemängelt die unglücklichen Folgen sowohl des ungarischen als auch des Lasker'schen Gesetzes. Der freie Austritt sei gefährlich; speziell in Ungarn habe es sich herausgestellt, daß man zu weit gegangen sei und jetzt sucht man die Uebelstände im Berordnungswege zu beseitigen. — Die ersten fünf Paragraphen des Gesetzes wurden sodann in der Fassung des Herrenhauses angenommen. — Das „N. W. A." meldet folgende Beiträge zu der antisemitischen Agitation in Wien: „Man hat am Vorabende der Enthüllung des Maria-Theresia-Denkmals im k. k. Staatsgymnasium des zweiten Bezirkes eine Broschüre über die große Kaiserin vertheilt, auf deren letztem Blatte sich nicht allein eine Aufforderung zum Eintritte in den Katholischen Schulverein, sondern auch in den Schlußsätzen derselben höchst aufreizende Bemerkungen gegen den Liberalismus und das Judenthum befinden. Als Verfasser dieser Broschüre ist Herr Franz Rurtke, k. k. Professor am Staatsgymnasinm im zweiten Bezirke von Wien genannt. Druck und Verlag von I. Koblischek, Postgasse 2. Die erwähnte Einladung ist nicht etwa ein zufällig hineingerathenes Inserat, sondern ein integrirender Bestandtheil der Broschüre, denn sie füllt die ganze Textseite derselben. — Heute gegen 1 Uhr Nachts passirten die Herren Prinz Benjamin Rohan und Graf Szechenyi, von der Elisabeth-Brücke kommend, die verlängerte Kärtnerstraße. In der Nähe des „Cafa Lothringen" machten die beiden Herren plötzlich Halt und der Eine derselben. Graf Szechenyi, schrie mit lauter Stimme und zu wiederholten Malen „Hoch Schönerer!" Auf den Lärm eilte ein Sicherheitswachmann herbei, welcher die Verhaftung der genannten beiden Kava-