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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-31 · Heft 22 (31.5.1888) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 22 (31.5.1888)
Date
1888-05-31
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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340 wohl irrthümlick als gemüthlich bezeichneten Wien aus. Die Richter haben über das Verbrechen und Vergehen des Schönerer abgeurtheilt und über ihn die vom Gesetze erkannte Strafe verhängt. Was aber erfolgt hierauf? In seltener Unverschämtheit bereiten seine Anhänger ihm öffentliche Ovationen; man spannt ihm den Wagen aus, Tausende stauen sich vor seinem Hause und rufen ihm Hoch! zu; darunter besonders Studenten. Welche Verhöhnung des Gesetzes und der richterlichen Autorität! Aber mehr noch. Man singt vor seinen Fenstern die „Wacht am Rhein" und „Deutschland, Deutschland über Alles!" Man zieht vor das Kriegsministerium und vor die Hofburg und singt und schreit diese selben Lieder. Dies ist mehr als Antisemitismus, mehr als Verachtung der richterlichen Gewalt — dies ist Politik, antiösterreichische Politik, dies ist offenbar Abfall von Oesterreich an Deutschland! Dies hat man endlich in maßgebenden Kreisen begriffen. Die Polizei hat neuerdings Versuche, diese Skandale zu erneuern, unterdrückt. Es fanden einige Verhaftungen statt, namentlich solcher Personen, welche in der Nacht Plakate, Schönerer noch ferner solche Ovationen zu bereiten, anhefteten. In der Budgetkommission des Herren- Hauses wurden mit großer Entrüstung Beschwerden über diese Skandale vorgebracht. Ein Mitglied der Verfassungspattei stellte an den Unterrichtsminister die Anfrage, ob er Schritte gegen die theilnehmenden Studenten eingeleitet habe und dieselben mit Strenge bestrafen wolle. Dr. Gautsch erklärte, die akademischen Behörden bereits angewiesen zu haben, eine Untersuchung einzuleiten und die Schuldigen strenge zu bestrafen. Die Commission war davon befriedigt. Der gestrige Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." über Schönerer hat hier viel Aufsehen gemacht und allgemeine Befriedigung hervorgerufen. Wahrscheinlich beruhigen sich jetzt diese Straßenaufläufe, und man wird das Endurtheil des höchsten Gerichtes abwarten müssen. Unsre Aufmerksamkeit wird aber wieder nach Berlin zurückgefübrt. Die „Nordd. Allg. Ztg." wendet sich in ihrer Rundschau mit auffallender Energie, die sie bei früheren antisemitischen Exzessen in Berlin nie gezeigt hat, gegen die Demonstrationen zu Gunsten des Herrn von Schönerer in Wien. Sie behauptet, dieselben fänden auch hier allgemeine Mißbilligung und Verurtheilung, und es habe sich in der gesammten deutschen Presse auch nicht eine nennenswerthe Stimme erhoben, welche den Versuch gemacht hätte, jene groben Ausschreitungen, namentlich den Mißbrauch, der mit deutschen Emblemen und mit dem Absingen der deutschen Volkshymne getrieben worden ist, entschuldigen, geschweige denn rechtfertigen zu wollen.*) •) Das Organ de- Herrn Reichskanzlers hat, als es dies schrieb, offenbar nicht an die „Kreuzzeitung" gedacht, die Herrn von Schöuerer jeden Tag verteidigt und u. A. Folgendes leistet: Diese Aeußerungen des offiziösen preußischen Blattes veranlassen uns nicht zu der Meinung, daß dieselben seine Antipathien gegen den Antisemitismus kundgeben sollen, vielmehr haben sie einen rein politischen Zweck, in Oesterreich dadurch beruhigend zu wirken, daß gezeigt wird, wie das deutsche Reich auch nicht im Geringsten daran denke, die österreichischen Deutschen zu sich herüberzuziehen. Diesen Zweck hat auch die N. A. Z. erreicht, man hat in Wien ihre Bemerkungen aufs Freundlichste ausgenommen und daraus Beruhigung geschöpft. Alles dies berechtigt uns aber auch, jene Volksströmungen in Wien nicht als bloß antisemitische zn betrachten, sondern vorzugsweise als deutsch-nationale. Die Antisemiten in Wien haben es verstanden, sich mit allen fanatisch Deutsch-Nationalen zu verquicken, und da in der Masse die Opposition gegen die Regierungskreise wegen deren Begünstigung der anderen Nationalitäten sehr stark ist, geben sich die Deutsch-Nationalen den Antisemiten gefangen. Die Antisemiten vermochten dies, da sie sich nicht als confessionelle, sondern als Racenfeinde der Juden darstellten, diese als außerhalb des deutsch-nationalen Elementes stehend bezeichneten, d. h. den Deutsch-Nationalismus gegen die Juden aufriefen. So erscheint Schönerer als Märtyrer nicht bloß der antisemitischen, sondern noch mehr der deutsch-nationalen Sache. Man wird fragen: sind denn die Herren Wiener so beschränkt, daß sie das mit ihnen getriebene Spiel nicht einsehen? Die Leidenschaft hat niemals Einsicht, sondern wendet sich immer dahin, wo sie wenigstens einige Befriedigung zu finden glaubt. Nun irrte man doch auch, wenn man glauben wollte, daß diese Strömung von der Mehrheit der Wiener getheilt werde. Dies ist nicht der Fall, und der Anhang Schönerers beherrscht zumeist einige der Vorstädte. Auf die Neugierigen muß man bei öffentlichen Skandalen zu meist rechnen; sie machen die Menge aus und schreien zuletzt mit, was ihnen vorgeschrieben wird. Also in jenen „Das Semitenthum könnte sich selbst sagen, ob es in seinem „wohlverstandenen Interesse" liegt, Herrn von Schönerer in der Art zu verfolgen, wie es geschehen ist. Natürlich aber wird es keinem Juden einsallen, einen solchen Schluß zu ziehen. So lange er die äußere Macht auf seiner Seite glaubt, beutet er sie rücksichtslos aus, unbekümmert um das, was sich etwa später daraus entwickeln könnte, obwohl furchtbare Erfahrungen der Vergangenheit sich warnend vor ihm erheben. Die Gegner können mit diesem Mangel an vorschauen-! der Weisheit sehr zufrieden sein. Wenn es eine Möglichkeit giebt, : die Welt aus der Umklammerung des semitischen Geldhandes zu be-! freien, so ist sie hier zu suchen."! Es geht doch nichts über die Naivetät, hinter welche sich der! Judenhaß der edlen „Kreuzzeitung" versteckt, und welche sie ihren j Lesern zutraut — ob das Letztere mit Recht, muß sie am besten! wissen. Als ob die Inden Schönerer, der die Leute um Mitternacht j mit einer Bande und mit Waffen überfällt, angeklagt und verurtheilt ' hätten — und nicht Staatsanwalt und Richter! Als ob die Juden etwa durch eine Deputation den Gerichtshof hätten bitten sollen, diesen fürtrefflicheu Ritter ungestraft zu lassen oder vielleicht noch zu belohnen! Der „Kreuzzeitung" wäre es vielleicht recht, wenn solche Zeiten des Fanstrechtes wiederkehrten! Ihr übriges, aller Logik entbehrendes Gewäsch verdient keine Antwort.

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