Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1888)
- Date
- 1888-05-31
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
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dies ohne alles Vorurtheil und ohne alles Interesse, außer dem für eine gesellschaftliche Institution, welche in der Entwickelung der Dinge unentbehrlich geworden und mit den unantastbarsten Institutionen der Gesellschaft, mit dem Eigenthum und dem Rechte verwachsen ist. Das Capital, groß oder klein, ist einfach das angesammelte Tauschmiltel für frühere, vorhandene oder zukünftige Werthe. Der letzteren kann aber kein Industriezweig und kein Handel entbehren. Es ist das unentbehrliche Mittel, zur Herstellung einer Industrie, zum Betriebe eines Handels die nöthigen Werthe herbeizuschaffen. Kein Bauwerk, keine Maschine, keine Rohstoffe, kein Grund und Boden kann erworben und hergestellt werden, ohne die Mithilfe des Capitals. Das nützlichste und sicherste Unternehmen kann ohne das uöthige Capital nicht begonnen werden. So unentbehrlich die Geistesarbeit hierbei ist, so wenig kann diese allein ein Werk Herstellen, ohne die Mithilfe des Capitals. Die Landwirthschaft kann also desselben ebenso wenig entbehren, wie der Industrielle und der Kaufmann; am wenigsten vermag dies der Großgrundbesitzer. Woher nun diese Feindschaft der Großgrundbesitzer, denn diese kommen vorzugsweise zum Wort, gegen das Capital? Die Antwort kann nur lauten, weil sich ihnen dasselbe nicht ihren Wünschen gemäß dienstbar macht. Ist dies die Schuld des Capitals? Gewiß nicht, denn das sucht, wie fließendes Wasser, alle Canäle von selbst auf, in welche es einströmen könnte. Der Großgrundbesitz leidet an zwei Mängeln, zuerst, daß der Kaufpreis des Bodens zu einer unangemessenen Höhe hinaufgetrieben worden, wodurch dann der Reinertrag, also die Rentabilität, sehr schnell absällt; zweitens, weil die Großgrundbesitzer theils nicht selbst ihre Güter verwalten, theils ihre Ausgaben nicht nach ihren Einnahmen regeln. Ein nicht geringer Theil des Großgrundbesitzes ist deshalb allzusehr verschuldet und kann neuen Credit nicht erlangen. Man verlangt deshalb am liebsten vom Staate Herstellung von Creditkassen für den Grundbesitz, damit dieser ohne Beschwerde und unter günstigsten Umständen Capitalien beziehen könne, ein Verlangen, dem der Staat durch die Provinzialpfandkassen längst eine der Sache gemäße Befriedigung gegeben hat, aber in dem vom Grundbesitz verlangten Umfange auf Kosten der Steuerzahler niemals gewähren kann. Aber der eigentliche Grund liegt doch tiefer. Als die agrarische Partei sich bildete, wurde in der constituirenden Versammlung vom 24. Februar 1876 auf dem Programm als erster Zweck die Beseitigung der Grund- und Gebäudesteuer festgesetzt; hieran reihte sich der Getreide- und Holzzoll in steigendem Maße, wogegen man auf die Schutzzölle für die Industrie eingehen wollte, ferner bedeutende Begünstigung in der Großproduktion von Branntwein und Zucker; überhaupt ist das erwünschte Ziel die Wiedererlangung aller der Vorrechte, die der Stand der großen Grundbesitzer früher besessen, also die Befreiung voll Abgaben, die Patrimonial - Gerichtsbarkeit und -Polizei re. Diesem Verlangen stand nun das Capital insofern entgegen, als dieses durch alle Privilegien, Monopole, Vorrechte aller Art an freiem Umlauf behindert und somit in seinen Existenzbedingungen geschädigt wird. Es scheint daher diesen nach früheren Zuständen begehrenden Männern das Capital mit den liberalen Ideen der Zeit verwachsen; sie schreiben das bisherige Mißlingen ihrer Pläne dem Einfluß des Capitals zum Schutze der liberalen Institutionen zu, und wollen deshalb mit aller Macht diese vorgebliche mächtige Einwirkung des Capitals möglichst brechen. Auf welche Weise sie dies durchsetzen wollen, konnten oder wollten sie bis jetzt nicht kundgeben; sie begnügen sich mit Reden und Deklamationen gegen das Capital und finden nun hierin eine Annäherung an die Antisemiten, um so mehr, als der conservativen Partei, wie die Gleichberechtigung der Stände und Classen, so auch die der Confessionen widerwärtig und gegensätzlich ist. — Jndeß kam diese Partei doch nach und nach zum Bewußtsein, daß sie auf diesem Wege nicht vorwärts gelange, und beschränkt deshalb jetzt ihre Feindschaft gegen das freie Capital auf den Sturm gegen die Börse. Wir haben dies in dem Artikel der „Conserv. Corresp.", den die „N. A.Z." reproducirt hat, in der vor. Nr. gesehen. Sie hatte eine Börsensteuer, Couponsteuer, Fakturensteuer u. s. w. geplant und erlangt. Wie man aber vorausgesagt, hat dies der Börse keinen Abbruch gethan, denn nicht die Banquiers, sondern das Publikum bezahlt die Steuer. Sie geht daher jetzt auf die Schließung, auf die Beseitigung der Börse aus. Die Partei hat hierbei noch einen besonderen Gesichtspunkt, denn es besteht auch eine Getreidebörse, welche den Welthandel im Getreide vermittelt, und diesen wollen die Agrarier aus der Welt schaffen. Nun, die Börse zu vertheidigen, ist weder unsere Aufgabe, noch unser Verlangen. Wie vielen Schaden die Börse nach ihrer jetzigen Beschaffenheit mit sich führt, wie viel unsittlicher Unfug auf ihr getrieben wird, und daß deshalb eine Reinigung, eine Umgestaltung, wenn sie möglich wäre, sehr wohlthätig sein würde, ist allgemein anerkannt. Ob sie aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen beseitigt werden könnte, ob hieraus nicht eine unabsehbare Schädigung herbeigeführt würde, ist eine andere Frage. Wenn man sieht, welche ungeheuren Summen von den Staaten, und zwar auch zu den positivsten Schöpfungen, ausgenommen werden, wie sie ferner bedeutende Convertirungen, welche Milliarden betreffen, durchführen, so muß man fragen, ob dies ohne die Börse, ohne eine Anzahl gewaltiger Capitalisten, sogen.! Financiers, möglich wäre? Wir kommen hiermit zum eigent-! lichen Kernpunkte des heute von uns besprochenen Schlagwortes, nämlich zur Cumulirung des Capitals in den Hän-! den einer Anzahl Financiers. Denn dies ist der Angriffspunkt,