Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1888)
- Date
- 1888-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Audcnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115> und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. GspeSition: Leipzig, Woßptcrh 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 31. Mai 1888. Nr. 22. lakült. Leitende Artikel: Schlagwörter unserer Zeit. XV. — Ein Blick nach Oesterreich. — Das neue Gemeindegesetz in Oesterreich. — Notiz. — Zeilriiigsiiachrichten: Deutschland: Berlin. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Prag. — Rubland: Lodz.— Rumänien: Bukarest. — Bonn: Notizen. — Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Samuel Salomonowitsch Poljakow. — Interessantes aus Marokko. — vr. Jakob K. Kern. ibc CUttßef. Bonn, den 27. Mai. Schlagwörter unserer Zeit. XV. „Weg mit dem Capital!" So rufen immerfort die Agrarier, die Antisemiten, einige Kathedersocialislen und die Sozialdemokraten aus. Wenn man die über diese Phrase gehaltenen Reden oder Deklamationen aus dem letzten Jahrzehnt sammeln wollte, so würde eine ganze Bibliothek zusammenkommen, von welcher allerdings nur eine ganz winzige Zahl Bücher der Beachtung werth erschiene; der übrige Theil würde sicher, wohin er gehört, in die Papiermühle zurückwandern. Bon den drei genannten Gruppen ist es die letztere, welche in jenem Rufe eine logische Folgerichtigkeit aus ihren Voraussetzungen bethätigt. Sie wollen alles Privateigenthum aufheben, es zum Eigenthum der Gesammtheit machen, von dieser die Produktion und deshalb von jedem Einzelnen die Leistung und dann was jedem Einzelnen zum Verbrauch überwiesen werde, bestimmen lassen. Für eine solche Fiction kann das Capital nicht bestehen. Seine Beseitigung macht auch der Sozialdemokratie keine Mühe. Mit dem Augenblicke, wo ihr der Umsturz des Staates und der bisherigen Gesellschaft gelänge, würden alle Effekten, Staatsschuldscheine, Eisenbahnobligationen, Aetienscheine, Schuldscheine rc. zu werthlosen Papieren werden, welche nur zu Fidibussen für diejenigen sich verwenden ließen, denen der sozialdemokratische Staat eine Pfeife Tabak zuge-! stehen würde. Alle Werthpapiere würden bedeutungslos, da! Zinsen, Dividenden u. s. w. nicht mehr gezahlt werden. Das j baare Geld aber würde eingezogen werden, wie dies Alles ja schon 1793 von den Helden des französischen Terrorismus geschah. Mit einem solchen Theorem läßt sich nicht streiten; die große! Masse, aus Besitzlosen bestehend, ist natürlich sehr einver-! standen damit, daß alle Welt besitzlos werde; sie hat an ihrem Privateigenthum nichts zu verlieren und schaut lüstern nach dem anderer Menschen aus. Wer ihr dies verspricht, : ist ihr Mann, lieber die Führer enthalten wir uns des Urtheils. — Die Antisemiten nun zeichnen sich in allen Dingen nur durch Unverstand, Vorurtheil und Gehässigkeit aus. Die antisemitischen Agitatoren geben vor, daß alle Juden reich, alle Capitalien der Welt in den Händen der Juden seien, und diese hierdurch einen Einfluß, eine Herrschaft gefährlichster Art ausüben. Hieraus ziehen sie den Schluß, daß man entweder das Capital beseitigen oder aber die Juden vertreiben müsse. Daß sie mit solchen Redensarten nach örtlichen Verhältnissen einigen Anhang finden müssen, ist klar; aber ebenso, daß sie im Staate selbst einen wesentlichen Einfluß nicht zu erlangen vermögen. — Wir haben es also eigentlich nur mit den Agrariern, den Großgrundbesitzern, dem Kerne der conservativen Partei zu thun. Wenn sie „die Noth der Landwirthschaft" zu einem allgemeinen Nothschrei gemacht haben, so legen sie dem Capital die Hauptschuld daran bei und rodomontiren deshalb eifrigst gegen das Capital und dessen Inhaber. Das Ganze klingt wie die Rede des Fuchses über die Säure der Weintrauben. Wenn wir an dieser Stelle über den betr. Gegenstand sprechen, so geschieht