Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1888)
- Date
- 1888-05-24
- Page
- Seite 334 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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334 Petersburg, 10. Mai. Die Blätter publiziren einen kaiserlichen Ufas, wodurch die russischen Juden mehrere Rechte zurückerhalten, welche ihnen 1882 entzogen wurden. — Das „Jewish Chronicle" versichert auf Grund einer Mittheilung des Herrn H. Guedalla, daß der in Petersburg verstorbene Baron Samuel de Poljakow 14 Millionen Rubel verschiedenen jüdischen und anderen Stiftungen vermacht hat. Spanien. Madrid, 10. Mai. Die marokkanische Confercnz ist abermals und zwar bis zum Herbst aufgeschoben, da Marokko sich zu keinen Handelsbegünstigungen für Spanien herbeilassen will. Desto besser! Brasilien. Rio de Janeiro, im Mai. Die Regierung hat sich endlich entschlossen, die sofortige Aufhebung der Sclaverei ohne alle Bedingungen und Verpflichtungen zu beantragen. Die Deputirtenkammer hat diesen Antrag mit großer Mehrheit angenommen. „Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!" Bonn, 20.Mai. (Notizen.) Zum Rabbiner in Leipzig ist Herr vr. Porges, bisheriger Rabbiner in Karlsbad, gewählt. — Bekanntlich hat der verstorbene Philipp Reis (geb. am 7. Jan. 1834 zu Geüenhausen, gestorben am 14. Jan. 1874 in ärmlichen Verhältnissen) für die praktische Anwendung des Telephon sich bedeutende Verdienste erworben. Wie der Taunusbote berichtet, hat der Generalpostmeister von Stephan am 1. April der gegenwärtig bei Homburg wohnenden Wittwe Reis mitgetheilt, daß ihr ein jährliches Guadengehalt von 1000 M. bewilligt sei. — Aus Warschau wird gemeldet: Das StädtchenLubau in Gouvernement Witubsk ist zumTheil niedergebrannt, die Synagoge ist den Flammen zum Opfer gefallen. — Am 23. April fand die Einführung des neuen Großrabbiners Herrn Schuhl für den Consistorialsprengel Bestoul in feierlicher Weise statt. — In New-Iork verstarb Herr Gerson N. Hermann im Alter von 59 Jahren. Er war aus Bayern, rang sich in Nord-Amerika zu einer geachteten Stellung empor und stieg im Secessionskriege zum Feldwebel des 11. Regiments auf. Nach dem Kriege wurde er Supervisor, Coroner und Polizeirichter. Eifrig für seine Religion, war er der erste Präsident der Uno Lerith und Präsident der Gemeinde Ansclie Chessed. — In Schangai (China) verstarb Benjanlin David Benjamin, einer der größten Unternehmer dieser Stadt. Vor elf Jahren kam er aus Bagdad in sehr dürftigen Verhältnissen, durch Geschäfte mit Ländereien erwarb er sich ein bedeutendes Vermögen. Dabei hielt er streng am Gesetz und besuchte jeden Morgen die Synagoge.— Man schreibt aus Metz, 15. Mai: Louis Morhange, Präsident des israelitischen Konsistoriums, bedeutender Gelehrter in der jüdischen Wissenschaft, starb soeben im 85. Lebensjahre. — Man berichtet aus Frankfurt a. M.: Dem Vorstande der israelitischen Religionsgesellschaft ist zur Annahme der 100,000 M., welche der letzteren Seitens des Kaufmanns Selig Gol.dschmidt und seiner Ehefrau zum Bau eines Schulhauses für die Volksschule dieser Gesellschaft überwiesen worden sind, die landesherrliche Genehmigung ertheilt. Pest, den 6. Mai. (Literarische Notizen.) Herr Frederic D. Mocatta in London hielt neulich vor einem distinguirten Publikum eine Vorlesung über die Lage der Juden in der Gegenwart; dieselbe ist unter dem Titel „The Jews at the present Time in their various Habitations" (als Beilage zum Jewish Chronicle von 27. April) jetzt im Druck erschienen. Hr. Mocatta, durch seine hochherzige Förderung allgemeiner und wissenschaftlicher Zwecke weithin bekannt, hat die Zustände seiner Glaubensbrüder in den meisten Ländern Europas aus Autopsie kennen gelernt; unterzog er sich doch erst vor einigen Monaten einer Reise nach Rumänien, um sich von der trostlosen Lage der dortigen Juden persönlich zu überzeugen. Er beginnt seinen Rundgang mit Palästina, führt seine Hörer und Leser nach der Türkei, nach Persien, China und Japan, berührt Afrika, besonders Marokko, und begiebt sich über Griechenland, Bulgarien und Serbien nach Rumänien; sodann verweilt er in Rußland, Oesterreichj Ungarn und Deutschland, in Italien, Frankreich und England und schließt seinen sehr interessanten Vortrag mit 'Amerika und mit der Aufforderung, in all' den Ländern, in welchen die Juden noch im Drucke leben, durch Errichtung von Schulen, durch Verbreitung von Cultur und Bildung ihre Lage zu verbessern und die Emancipation anzubahnen. Durch die Vorlesung erntete der verehrte Mann reichen Beifall. „Das vierzigste Passahfest unter der Regierung Sr. Majestät Franz Josef I." ist das Thema einer Rede, welche Hr. vr. Ad. Jellinek am 1. Tage des Passahfestes im israelitischen Tempel der innern Stadt Wien hielt und welche gedruckt vorliegt (Wien, Lippe, 1888). Dankend und rühmend hebt der treffliche Redner hervor, daß die Juden Oesterreich- Ungarns unter der Regierung des Kaisers Franz Josef Freiheit und Gleichheit erlangten, und erinnert daran, wie oft sich des Regenten Lippen öffneten, um für Israel das Wort zu ergreifen und seine Völker zu ermahnen, in Frieden und in Eintracht, brüderlich als treue Söhne des Vaterlandes zusammenzuleben. Im 2. Theile fordert der Redner u. A. zu Spenden für das Altersversorgungshaus auf, das die Leiter der Wiener Gemeinde zur Feier der vierzigjährigen Regierung des von Allen geliebten Herrschers zu errichten beschlossen haben. Allen denjenigen, welche das große Nationalfest der 40jährigen Regierungszeit des Kaiser-Königs durch eine gottesdienstliche Feier begehen werden, wird Jellineks Rede als Musterpredigt dienen.