Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1888)
- Date
- 1888-05-24
- Page
- Seite 333 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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333 carde des Herrn Levy Mayer, natürlich mehr zur Entschuldigung für sich als Schildträger des Exgenerals, denn für Boulanger selbst. Uebrigens sind die angeführten Juden gerade so viel Juden wie sie für Heiden gehalten werden könnten. Der Senator Naquet hat dies selbst ausgesprochen. Jedenfalls erzielen alle diese Auslassungen, daß sich dem Volke eine feindselige Gesinnung gegen die Juden einwurzelt. Denn für die Menge haben „Ausnahmen" keine Bedeutung, für sie ist einer so gut wie der andere, wenn er einen bestimmten Namen trägt. Rußland. Bukarest, im Mai. Die „National-Zeitung" erhält von einem „hochgeschätzten Berliner Gelehrten und Weltreisenden" folgende Mittheilung aus Bukarest: „Auf einer Reise nach den Ländern der Balkanhalbinsel begriffen, entschloß ich mich in Jassy einen Abstecher nach Odessa zu machen. Ich ließ meinen vom königlichen Polizeipräsidium in Berlin ausgestellten Paß von dem deutschen und russischen Konsul in Jassy visiren und passirte ohne Schwierigkeit die russische Grenze. Nachdem mein Paß in Odessa nach russischem Gesetz gleich nach meiner Ankunft an die dortige Polizeibehörde abgeliefert worden war, erhielt ich von derselben die Ordre, mich sofort nach dem Polizeibureau zu verfügen, denn mein Paß sei nicht in Ordnung, weil — meine Religion in demselben nicht angeführt sei. Auf meine Frage, was denn die Herren von der Polizei meine Religion anginge, wurde mir der Bescheid, im Falle ich Jude wäre, müßte ich Odessa bezw. Rußland entweder sofort verlassen, oder mir die Erlaubniß zu einem siebentägigen Aufenthalt erwirken. Da ich nun weder Jude bin, noch länger wie ein bis zwei Tage in Odessa zu verweilen gedachte, so ließ ich den Polizeidirektor grüßen und meinen Paß behufs der Rückreise nach Rumänien wieder abholen. Ich möchte aber jedem Deutschen, zumal jedem Nichtjuden dringend rathen, will er nicht Gefahr laufen, bei einem längeren Aufenthalt in Rußland sich den schlimmsten Unannehmlichkeiten und Plackereien ausgesetzt bezw. an der Grenze kurzweg zurückgewiesen zu sehen, seine Religion oder Konfession von seiner heimathlichen Polizeibehörde in den Paß mit aufnehmen zu lassen. Mittellose Juden werden heute unter keinen Umständen mehr über die russische Grenze gelassen und man erwartet demnächst Ausweisungen armer Juden in großem Maßstabe aus Cherson, Bessarabien u. s. w. Im Interesse der Wahrheit muß aber ganz entschieden hervorgehoben werden, daß diese Bedingung gegen Masseneinwanderung von Juden und gegen jüdisches Proletariat überhaupt, nicht von der russischen Regierung oder von den Griechisch-Orthodoxen, sondern wie ich aus zuverlässigster und vollkommen unparteiischer Quelle weiß, von den im Lande seit Jahren ansässigen und geduldeten Juden ausgeht, die sich auf diese Weise der ihnen drohenden Konkurrenz entledigen oder das Proletariat ihrer Glaubensgenossen vom Halse schaffen wollen. Die Ausbezw. Zurückgewiesenen werden sich dann wahrscheinlich nach Oesterreich, Galizien, Polen u. s. w. wenden. Deutschen, die auf der Rückreise von Rußland die rumänische Grenze überschreiten wollen, kann ferner nicht ernstlich genug gerathen werden, ihre Pässe vorher von der betreffenden rumänischen Behörde visiren zu lassen. Ich hatte dies, weil auf der rumänischösterreichischen Grenze kein solcher Zwang herrscht, in Odessa versäumt und danke es nur dem Zufall, daß ich nach endlosen Verhandlungen wieder über die Grenze gelassen wurde. Das Zeugniß eines mir bekannten Rumänen, der mich legitimiren wollte, wurde mit Achselzucken zurückgewiesen — weil der betreffende ein Jude war. Vielleicht können diese Zeiten dem einen oder anderen Ihrer Leser von Nutzen sein. Scheut er die kleine Mühe, seinen Paß in der Heimath von den angeführten Konsulaten visiren zu lassen, so läuft er später Gefahr, schlimmer wie ein Dieb oder Sträfling behandelt zu werden. Deutschen Israeliten aber kann ich nur rathen, unter den gegenwärtigen Verhältnissen auf den Besuch Rußlands überhaupt zu verzichten." — Ob der Reisende darin das Richtige gehört hat, daß die ansässigen Juden die Ausweisungen veranlaßteu, ist uns sehr zweifelhaft. Man sucht so oft für inhumane Handlungen Entschuldigungen durch Anschuldigungen Anderer. Die Juden pflegen in Rußland nicht so großen Einfluß zu besitzen, und wissen zu gut, daß die hervorgerufenen Mißhandlungen gegen einen Theil der Juden sich sehr leicht auch gegen den andern Theil wendet. Aber schon die Ausdehnung der Maßregeln auf so weite Gebiete, bezeugt, daß sie von oben herab gelangten, nicht in beschränkter Lokalität durch den Einfluß von Juden in Lokalitäten hervorgerufen sein können. Von der russ. Grenze, 10. Mai. Die deutschen Blätter berichten sehr genau, wenn Juden aus Rußland ausgewiesen werden, nehmen es auch mit den Zahlen nicht sehr gewissenhaft. Solche Ausweisungen treffen aber auch christliche Deutsche, z. B. soeben deutsche Forstbeamte der Bergwerksgesellschaft Starachowitz, nämlich einen Direktor, zwei Obei> förster und elf Förster. Wir erwähnen dies nur, um darznthun, daß diesem Vorgehen nicht etwa sittliche Motive zu Grunde liegen. Petersburg, 5. Mai. Die Arbeiten der Judenkommission werden am 13. Mai beendet sein. Die Mehrheit der Theilnehmer der Kommission will den Juden das Recht zum Kauf von Grundbesitz in der ihnen eingeräumten Aufenthaltszone belassen, doch soll der Umfang des Besitzes auf 20 Dessjatynen beschränkt werden. Für Kompagnie- und. Gesellschaftskäufe soll der Bodenumfang entsprechend vergrößert werden.