Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1888)
- Date
- 1888-05-24
- Page
- Seite 330 (sequence 10)
- Language
- German
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330 dahin jedes Einschreitens enthalten hatte, dafür sorgen mußte, einen Weg für die Wagen offen zu halten. Gegen J|49 Uhr öffnete sich plötzlich die Thür des Balkons, der zur Wohnung des Herrn v. Schönerer gehört, und er selbst erschien mit seiner Gemahlin auf dem Balkon. Beide wurden von der Menge mit stürmischen Hochrufen begrüßt und gaben durch Geberden ihren Dank für die ihnen dargebrachte Demonstration zu erkennen. Nachdem sie sich wieder zurückgezogen hatten, dauerte das Lärmen und Schreien noch eine Zeit lang fort, plötzlich aber commandirten einige Stimmen: „Abzug!"; die Menge theilte sich und zog, die „Wacht am Rhein" anstimmend, nach verschiedenen Seiten auseinander. An dem Hochrufen und Hüteschwenken mußten sich übrigens auch Leute betheiligen, die der Scene Anfangs nur als neugierige Zuschauer beigewohnt, es aber später nicht gerathen fanden, sich Insulten von Seiten der aufgeregten Demonstranten auszusetzen. — Bon der Bellaria wendete sich der größte Theil der Menge der Ringstraße zu und zog zur Hofburg hin. Nach und nach wuchs die Menge auf Tausende an. Vor dem äußeren Burgthor angelangt, machte ein Theil der Menge, voran Studenten, Miene, auf den Burgplatz einzuschwenken; man unterließ dies jedoch, und Plötzlich ertönte wie auf Commando Angesichts des Maria Theresia- Denkmals die „Wacht am Rhein". Dann vernahm man Hochrufe auf Schönerer, sowie die Ruse: „Nieder mit den Juden!" Unter fortwährendem Singen und Schreien kamen die Studenten und deren Anhang bis zur Hofoper. Erstaunt blickte das Publikum auf die sich heranwälzende Masse, und Biele trachteten eiligst, aus deren Nähe zu kommen. Weit und breit war kein Sicherheitswachmann zu sehen, und ungehindert konnten die demonstrirenden Schreier ihr Unwesen treiben. Die Menge wälzte sich nun der Kärnthncr Straße zu, welche sie mit großem Lärm durchzog. Schon von fern her hörte man das Lärmen und Singen, die Hausbewohner rissen die Fenster auf und stürzten zu den Hausthoren, um zu sehen, was es gebe. Um iji 10 Uhr war der Zug auf dem Stock-im-Eisen-Platze angelangt, er ging dann weiter über den Graben und durch die Bognergaffe auf den Hof. Hier wurde vor dem Kriegsministerium wieder die „Wacht am Rhein" gesungen, dann zogen die Demonstrirenden über die Freiung und durch die Schottengasse auf den Ring, um von Neuem zur Bellaria zurückznkehren, doch waren die Meisten des Schreiens und Umherziehens schon müde und fielen nach und nach ab. Ein Haufe zog wohl bis vor die Wohnung Schönerer's, wo noch fortwährend Menschen angesammelt standen, doch kam es zu keiner Wiederholung der Demonstration, und nach 10 Uhr verlief sich die Menge, da es keinen Spektakel mehr gab, von selbst. Graz, (Steiermark) im Mai. (Privatmitth.) Das Gesetz. welches die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden Oesterreichs zum Gegenstände hat, vom Herrenhause bereits „angenommen" wurde und gegenwärtig dem Abgeordnetenhause vorliegt, wird zweifellos in das jüdische Gemeindewesen Ordnung bringen, wie es hier zu Lande sehr Roth thut. Daß nicht alle Bestimmungen des Gesetzes den Wünschen aller Gemeinden entsprechen, ist dem Umstande zuzuschreiben, daß sich innerhalb der Gemeinden Dank ihrer Autonomie eine Eigenart der Verhältnisse herausgebildet, der gegenüber eine einheitlich gesetzliche Regelung zu der größten Schwierigkeit gehört, kann aber nicht zu dem Borwurfe gegen die Regierung berechtigen, daß sie die Rücksichtnahme auf thatsächliche Verhältnisse oder eingelebte Institutionen mit oder ohne Absicht außer Acht gelassen. Das Gesetz will eben nur die Grundlagen schaffen, auf denen „die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse" auf die innere Entwickelung rückwirke und vor Allem eine gewisse Gleichartigkeit im Organismus der Gemeinden Herstellen. Diese Grundlagen sind breit gelegt, so breit, daß die bisherige Autonomie, wenn sie auch nicht den Beigeschmack der absoluten Autokratie wird annehmen dürfen, dennoch einen weiten Spielraum behalten wird. Ueberdies muß ein Gesetz von so außerordentlicher Tragweite, wie dieses, naturgemäß erst heimisch werden, so zu sagen, in Fleisch und Blut der jüdischen Bevölkerung übergehen, ehe es sich heilbringend zu erweisen und seine Segnungen zu offenbaren geeignet ist. Vielleicht giebt es keine zweite Gemeinde in Oesterreich, jene wenigen galizischen ausgenommen, wo der starre Obscurantismus über den vorgeschriebenen Bildungsgrad der Rabbinen Thränen vergießt, in welcher das neue Gesetz durch eine sebr unschuldig erscheinende Bestimmung, die es enthält, so tiefgehende Ungelegenheiten bereiten wird, wie der Grazer israelitischen Cultusgemeinde. Es ist dies die Bestimmung, daß die Männer des Vorstandes österreichische Staatsbürger sein müssen; allen anderen Gemeinden wird sie selbstverständlich und naheliegend erscheinen, weil die österreichischen jüdischen Gemeinden eben österreichische Staatsbürger zu Mitgliedern haben. Nicht so hier in Graz. Unsere Gemeinde datirt als solche seit kaum 30 Jahren, besteht darum nicht aus „Erbgesessenen", sondern aus lauter „Eingewanderten". Die Allermeisten kamen aus Ungarn, die Wenigsten aus dem übrigen Oesterreich, so daß noch heutzutage 9 Zehntel der Gemeindemitglieder, ungarische und nicht-österreichische Staatsbürger sind. Ob nun das letzte Zehntel aus Männern sich zusammensetzt, welche vermöge ihrer Lebensstellung, ihres Charakters nnd ihrer Intelligenz berufen sein können, die Agenden einer so ansehnlichen Gemeinde, wie es die hiesige ist, in wünschenswerther Weise zu verwalten, ihre religiöse Entwickelung zu fördern, ihre finanziellen Verhältnisse und ihr Ansehen nach Außen zu heben, das ist eine Frage, welche, weil sie die vitalsten Interessen unserer Gemeinde berührt,