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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-24 · Heft 21 (24.5.1888) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 21 (24.5.1888)
Date
1888-05-24
Page
Seite 327 (sequence 7)
Language
German
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dem internationalen Latifundienbesitze — siehe die russische Erbschaft der Fürstin Hohenlohe — entgegenzutreten denkt. Im anderen Falle möchten wir wissen, weshalb mail sich dagegen sträubt, daß das angeblich politisch gefährlich mobile Capital durch Erwerbung von Grundbesitz den internationalen Charakter abzustreifen und nationale Gefühle zu gewinnen sucht." Wir unsererseits legen kein Gewicht darauf, daß die „N. A. Ztg." die obigen Sätze ohne alle Bemerkungen wiedergiebt, auch nicht, daß sie dieselben unter der Aufschrift „Parteibewegung" abdruckt, wodurch sie jene als den Ausdruck einer Partei bezeichnet. Die „N. A. Ztg." reprodueirt die Sätze ebenso ohne- Widerlegung, wie ohne Zustimmung, wodurch sie immerhin dieselben der Aufmerksamkeit und Erörterung empfiehlt. Die Feindschaft der Agrarier, also wesentlich der conservativen Partei gegen das Capital, ist längst bekannt und hat sich oft genug ausgesprochen. Wenn sie ihren Haß gegen die Börse mit der sog. „Judenfrage" verquickt, so ist dies einerseits ein willkürliches Vorgehen, denn daß unter den Financiers eine Anzahl Juden sich befindet, hat mit der Gesammtheit der Juden keinerlei Verbindung. Jedenfalls giebt es ja auch christliche Banquiers genug. Würde man morgen die Börse schließen und alle Börsenoperationen verhindern, so würden dadurch eine Anzahl Juden, aber ebenso Christen, ihren bisherigen Beruf abgeschnitten sehen, aber auf die Millionen Juden würde dies ebenso wenig einen Einfluß üben, wie auf die Millionen Christen. Der Einfluß würde sich nur auf die wirthschaftliche Organisation der Gesellschaft erstrecken. Wenn demnach die Conservativen ihre „Judenfrage" auf die „Börsenfrage" beschränken, so haben sie damit die Nichtexistenz einer Judenfrage bewiesen. Als Juden haben wir deshalb an dieser Frage gar kein Interesse, sondern nur als Bürger. Da ist es nun unsere specielle Aufgabe gar nicht, die rechtliche und die wirthschaftliche Bedeutung einer Schließung der Börse zu erörtern. Wir begnügen uns daher mit einigen Bemerkungen. Vor Allem liegt es mit dieser Angelegenheit der Börse ganz so, wie mit der Militärfrage. Eine Abrüstung könnte nicht durch einen einzelnen Staat, sondern nur durch einen genügend garantirten Vertrag aller Großmächte zu Stande gebracht werden. So würde auch die Abschaffung der Börse einem einzigen Staate unmöglich sein, da hierdurch die Capitalien nur nach dem Auslande gezogen würden. Ja, der Staat, der dieselbe für sich beschlösse, würde dadurch in allen Geldangelegenheiten zu einer völligen Abhängigkeit von den anderen Staaten gebracht. Es scheint uns also eine recht taube Nuß, welche sich die conservative Partei hiermit zu knacken auferlegt hat. Deshalb, wenn sie diese hier genannte Frage mit der „Judenfrage" in Verbindung bringt, so glauben wir, daß sie damit nur einer Verlegenheit entgehen will, da sie sieht, daß die bisherigen Schlagwörter für die Judenhetze ihre Wirkung verloren haben. Nun, auf diesem Wege können wir sie ruhig weiter schreiten lassen. Andererseits spielt die conservative Presse hiermit ein für sie selbst gefährliches Spiel. Denn mit Recht deutet der „B. B.»C." auf die andere Cumulirung des Besitzes hin, auf den immer wachsenden Großgrundbesitz, dem wichtige Vortheile zu schaffen das unaufhörliche Bemühen der conservativen Partei ist. Es ist fraglich, ob dieses Wachsthum des Großgrundbesitzes dem Volke wirthschaftlich nicht viel gefährlicher ist, als die Cumulirung des Capitals durch die Börse. Denn das Capital muß dahin streben, seinen Ertragswerth durch Uebergang in die industriellen Wege zu erhalten, es bedarf stets einer Anlegung und Verwendung, sonst wird sein Ertrag immer geringer mit dem fallenden Zinsfuß und hiermit wird das Capital selbst entwerthet. Der Großgrundbesitz hingegen wendet alle seine Mittel darauf an, seinen Besitz immerfort zu erweitern und so Grund und Boden dem Volke zu entziehen, dieses immer mehr in den bloßen Tagelöhnerstand zurückzudrängen. Es kann deshalb keinem Zweifel unterliegen, daß nach der Schließung der Börse die Blicke des Volkes sich auf die Beschränkung des Großgrundbesitzes wenden werden, und da dann das Beispiel einer gewaltsamen Abschaffung einer bisherigen gesellschaftlichen Institution gegeben ist, so würde der Uebergang zu einer anderen nicht zu schwer sein. Die conservative Partei geht hier auf dem Wege der Socialdemokratie, oder vielmehr auf dem schiefen Abhang zu dieser; wer aber einmal auf diesem herunterläuft, kann kein Halt gebieten: er kommt ganz gewiß unten an. Das mosaische Gesetz wollte die Anhäufung des Besitzes, sowohl als Capital wie als Großgrundbesitz, verhindern, des ersteren durch das Verbot des Zinses und durch das Erlaßjahr, des letzteren durch die Bertheilung des Bodens in Familiengüter und deren Unveräußerlichkeit vermittelst des Lösungsrechles und des Jobeljahres. Schon im Beginne seines Prophetenamtes ruft Jesaias (5, 8) aus: „Wehe denen, die reihen Haus an Haus, Feld an Felo fügen, bis kein Raum mehr ist und ihr euch allein wohnend machet im Lande." Das letztere bethätigt sich in der jetzt wieder anwachsenden Auswanderung. — Wir betrachten demnach die programmmäßige Aeußerung der conservativen Parteiorgane durchaus nicht als gegen Juden und Judenthum gerichtet, und wenn diese hierbei die bisher übliche Judenhetze der Antisemiten verurtheilt, thut sie uns einen Gefallen.

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