Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1888)
- Date
- 1888-05-24
- Page
- Seite 324 (sequence 4)
- Language
- German
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324 lanzirt man in die Menge die Gewißheit des Sieges und ein Siegestaumel ergreift sie und sie verlangt stürmisch den Krieg. Dann wieder verbreitet man die Furcht vor einem nahen kriegerischen Zusammenstoß, und die Menge fühlt sich bereit, die größten Opfer zu bringen, um die Katastrophe abzuwenden. Bei Bewegungen, die man in die Menge bringen will, oder doch in einen Theil derselben, gehört oft nur eine gute Portion Unverschämtheit und eine brutale Beredtsamkeit. Hierdurch charakterisiren sich ja auch in unserer Zeit viele der Agitatoren, welche eine Zeit lang eine nicht geringe Schaar von Anhängern hinter sich herziehen. So sind die Oeffentlichkeit und die öffentliche Meinung immer sehr wirksame Factoren gewesen, doch in der Gegenwart ganz besonders geworden. Sie sind aber ein zweischneidiges Schwert, das oft mit der einen Schärfe vertheidigt und vor größeren Nebeln schützt, mit der anderen aber schwere Verletzungen zu bewirken im Stande ist. Um so größer wird die Pflicht, daß Jeder, der auf sie zu wirken vermag, dies nur in der reinsten Absicht und mit den lautersten Mitteln zu thun sich bemühe; daß man andererseits im Bewußtsein der Wahrheit und des Rechtes vor ihnen Stand zu halten, ihnen zu widerstehen vermöge, bis sie wieder zur besseren Einsicht gelangt sind. Wie oft hat man den Sieg der Wahrheit über die Lüge, des Rechtes über das Unrecht verkündet, und so schwankend dies auch im Verlaufe der Geschichte erscheint, so haben wir doch unzählige Facta, welche diese Verkündigung bestätigen. Halten wir daher daran fest: Alle Abwege des Menschen führen zuletzt doch immer wieder zum Richtigen, zum Ziele wahrer Erkenntniß und vollen Rechtes! Das Gottvertrauen. Mit der Anerkennung des Kopernikanischen Weltsystems schrumpfte vor dem Geiste der Menschen unsre Erdkugel nicht wenig zusammen. Bis dahin hatte man diese für den Mittelpunkt der ganzen Welt gehalten, um welchen sich Sonne, Mond und Sterne drehten, und da der Mensch auf der Erde das höchst organisirte und mit großen Geistesgaben versehene Wesen ist, betrachtete man ihn auch als den eigentlichen Zweck der Schöpfung. Bei jedem Dinge und Vorgänge fragte man, inwiefern es dem Menschen nütze oder schade und sah dies als dessen Bestimmung an. Allerdings bot die Entdeckung Amerikas und Australiens einigen Ersatz; die Blicke erweiterten sich wieder durch den Fund neuer Welttheile außerhalb der umgrenzten alten Continente. Aber wiederum änderte sich die Anschauung, als Dampfschiff und Dampfroß über die Länder und Meere fuhren; die Entfernungen schrumpften zusammen, und der Erdkreis wurde vor den Augen der Menschen immer kleiner. Eine Weltumsegelung, die im vorigen Jahrhundert noch wie ein Wunder angestaunt ward, gehört jetzt zum Sport. Dabei wurde durch immer mächtigere Fernröhre der Sehkreis des Menschen in die Fernen des Weltraums immerfort erweitert, immer unermeßlicher dehnte sich dieser vor uns aus, immer zahlloser wurden für uns die Weltkörper, deren Lichtstrahlen unser Auge treffen, und wie nun erst darüber hinaus? Und noch mehr: durch die Spectralanalyse wird es uns möglich, die Elemente zu erkennen, die in den Weltkörpern vorhanden sind und die in der Mehrzahl denen unsres Erdkörpers gleich sind. Die Geologie lehrte zugleich, daß in den verschiedenen Phasen der Erdbildung unter den verschiedenen Lebensbedingungen derselben immer organische Wesen lebten, nach demselben organischen Gesetze, aber in sehr verschiendenen Formen. Daraus ist der Schluß folgerichtig, daß auch auf den anderen Weltkörpern je nach den dort vorhandenen Lebensbedingungen Wesen ähnlicher Art bestehen. — Alle diese Erkenntnisse mußten auf den Geist des modernen Menschen wesentlich einwirken und seine bisherigen Anschauungen modificiren. Wenn schon im Allgemeinen der Verstand, je mehr er sich entfaltet, je mehr er das Steuer des Geistes ergreift, Gefühl und Phantasie zurückdrängt und die Empfindungswelt durch die Zersetzung abkühlt: so hatten jene positiven Erkenntnisse gewiß diese Wirkung. Vor Allem mußte auf diese Weise die religiöse Anschauung und Gefühlswelt eine Veränderung erfahren. Um diese kurz zu bezeichnen, sagen wir: während unsre Vorfahren in religiöser Beziehung geistig mehr in dem Verhältnisse Gottes zum Menschen die Befriedigung ihres religiösen Dranges fanden, diese jetzt vielmehr in dem Berhältniß des Menschen zu Gott gesucht wird. Wir werden erklären, was wir hierunter verstehen. — Vor Allem war ihnen ein unbeschränktes Gottvertrauen, eine unerschütterliche Zuversicht, daß Gott die Geschicke aller Menschen, der Völker wie der Einzelnen, nach weisestem und gütigstem Rathschlusse leitet, uns Alles zum Heile führt, so daß auch das Leid uns zum Besten gereicht, dieses Gottvertrauen, welches die Seelen unsrer Väter beherrschte, und sie durch die Wege des Lebens geleitete. Dies war es, was dem Propheten das Wort auf die Lippen legte: „Siehe zum Heile ward mir das Bittere, ja das Bittere!" dem Dulder Hiob: „Der Ewige gab es, der Ewige nahm es, der Name des Ewigen sei gepriesen!" und dem Juden, dem gelehrten wie dem einfältigen: roit^> i; d.'i „auch dieses gereicht mir zum Besten!" ein Wort, das er unter seinem vielfältigen Leide als seine innerste Ueberzeugung mit bebendem Munde spricht. Glühender aber als irgend ein Sterblicher vor, mit und nach ihm sprach aus und feierte der Psalmist jenes Gottvertrauen als den Kern alles religiösen Seelenlebens. Wir wollen hier eine kleine Blumenlese geben, dem kundigen Leser zur Erinnerung, dem unkundigen zur Erweckung und Mahnung. Aber