Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-24 · Heft 21 (24.5.1888) · p. Seite 323

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 21 (24.5.1888)
Date
1888-05-24
Page
Seite 323 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227739--45325-3264832
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

323 sagt, der Mensch ist ein nachahmendes Wesen (Ccoov juiuriTixov), und so liegt es nahe, daß nicht wenige das Verbrechen ans den Zeitungsberichten lernen, und daß die Gedanken sich an gewisse Verbrechen gewöhnen. So ist es auch ein Theil der Presse, welche, meist unter dem Vorwände, die Hierarchie zu bekämpfen, dem Atheismus und dem Materialismus offen oder versteckt das Wort reden, den Gottglauben und die diesem sich anschließende Sittlichkeit verspotten und so das religiös-sittliche Bewußtsein und Gefühl auch in denen abschwächen, welche hierin das Fundament ihres geistigen Bestandes und ihres Handelns bis jetzt hatten. Man hat die öffentlichen Criminalverhandlungen als eine Schule für die Verbrecher bezeichnet; noch viel mehr kann man dies von der heutigen Zeitungspresse aussagen. Aber eben so wenig wird man deshalb der Oeffentlichkeit bei jenen, wie diese entbehren wollen und dürfen. Ein Heilmittel weiß ich nicht. Nur muß man die Eltern ermahnen, solche Zeitungen den Blicken der Jugend möglichst zu entziehen; sie haben die heilige Pflicht, darüber zu wachen, welche Schriften und Zeitblätter ihre Kinder in die Hände bekommen und lesen! Mit der Oeffentlichkeit ist „die öffentliche Meinung" eng verbunden, d. i. eine weit verbreitete Meinung, Ansicht, Urtheil über irgend eine Sache, ein Ereigniß, eine weitere oder engere Frage. Sie wird durch die Organe der Oeffentlichkeit einerseits ausgesprochen, andererseits hervorgerufen. Zuweilen allerdings bildet sich eine solche öffentliche Meinung, man weiß nicht woher und verbreitet sich schnell, man! weiß nicht wie. Zu Zeiten, wenn es an öffentlichen Orgaj nen fehlt, oder diese nicht unbeschränkt sprechen dürfen, kann! man eher von einer allgemeinen als einer öffentlichen reden.! Denn es gab lange Zeiten, wo eben die Oeffentlichkeit gar; nicht vorhanden war. Man hat die öffentliche Meinung mit! ihren Organen eine „sechste Großmacht" genannt. Und mit| Recht, denn es giebt viele Fälle, wo sowohl der Einzelne als auch die Regierung mit ihr rechnen muß. Freilich in! großen Zeiträumen übte diese allgemeine Meinung feinen, Einfluß, und die absoluten Machthaber berücksichtigten sie gari nicht. Das Volk mochte grollen und seufzen unter der Last, > welche ihm durch leichtsinnige oder aus persönlichem Ehrgeiz! unternommene Kriege oder durch dieschrankenloseVerschwendung! der Herrscher oder durch die, großen Elasten zugestandenen! Vorrechte auferlegt wurde — alle Beschwerden blieben un-! gehört, und hatte wirklich Jemand den Muth, Vorstellungen: zu machen, so hatte er es schwer zu büßen. Ohne Folgen! blieben jedoch derartige Vorgänge nicht. Wie vulkanische! Massen in den Höhlen der Erde sich sammeln und lange! Zeiten daselbst verharren, bis sie sich endlich einen Weg! sprengen und zu verheerenden Ausbrüchen an die Oberfläche j drängen: so auch die allgemeine Meinung eines niedergedrück-! ten Volkes. Von dergleichen Processen hat die Geschichte! mannigfache Beispiele zu erzählen. Je mehr aber ein Volk freie Institutionen besitzt oder erwirbt, desto größeres Gewicht, desto stärkeren Einfluß übt die öffentliche Meinung aus. So schon durch Wahlen für Staat, Provinz, Stadt. Besonders aber auch, wo es gilt, Opfer auf dem Altäre des Vaterlandes zu bringen, eine thatkräftige Hingebung für eine allgemeine Sache zu bethätigen. Dies bewahrheitet sich aber auch in kleineren Kreisen, und wo irgend die Mithilfe einer größeren Anzahl Menschen nothwendig ist, kommt es auf die allgemeine Meinung und Stimmung an, auf die Ansicht, die sich über den Gegenstand verbreitet hat. — Welchen Werth hat aber nun diese allgemeine oder öffentliche Meinung? Das alte'Sprüchwort: „Vox populi, vox Dei, Volkesstimme ist Gottesstimme" legt ihr einen Werth bei, der doch recht zweifelhaft erscheint. In Rechtssachen z. B. wird schon 2. Mos. 23, 2 gewarnt, nicht „der Menge sich nachznneigen, das Recht beugend." Nicht selten werden in einem Criminalfalle die Geschworenen ausdrücklich ermahnt, sich von der verbreiteten Ansicht über That und Thäter nicht berühren zu lassen, sondern gewissenhaft prüfend, sich selbst eine Ueberzeugung zu verschaffen. Gewiß liegen der öffentlichen Meinung in unserer Zeit die Grundsätze des Rechts und der Humanität zu Grunde, und ihr innerstes Element drängt sie, Recht und Menschlichkeit zu fordern. Aber sicher ist es auch, daß nicht immer die richtige Kenntniß und Einsicht auf Seiten der urtheilenden Menge ist. In Zeiten, wo die Leidenschaften erregt sind, wo sich eine heftige Aufregung der Menge bemächtigt hat, verfällt die öffentliche Meinung allzu oft in Jrrthum und begeht schweres Unrecht. Die Geschichte lehrt uns, wie oft die Majorität die Minorität verfolgt, und kaum ist eine längere Zeit vergangen, so ist die Minorität zur Majorität geworden und Pflegt dann leider derselben Verfolgungssucht zu fröhnen, welche letztere früher gegen die erstere bethätigt hatte. Meinungen, welche zuerst in einzelnen Geistern erstanden, und zunächst von der allgemeinen Meinung verketzert wurden, breiten sich allmählich aus und werden, weil die Wahrheit in ihnen wohnt, die allgemein herrschenden. — Und ferner: die öffentliche Meinung beruht nicht selten auf Vorurtheilen, auf alten, tief eingewurzelten Vorurtheilen, welche zwar zeitweise vor dem Lichte der Aufklärung in die dunkleren Winkel der Geister verscheucht werden, bei irgend welcher Anreizung jedoch wieder zum Vorschein kommen und die allgemeinen Ansichten in recht großem Maße färben. Solche Vorurtheile, solcher Aberglauben beherrschten ganze Jahrhunderte und brachten zahllosen Individuen Verderben. Eine Illustration hierzu ist die ganze Geschichte der Inden bis auf den heutigen Tag. — Endlich kann die öffentliche Meinung nicht allzu schwer getäuscht werden, wenn sie auch, in dem schnellen Wechsel, zu welchem sie befähigt ist, nach üblen Folgen das Richtige erkennt. Da 21*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.