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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-24 · Heft 21 (24.5.1888) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 21 (24.5.1888)
Date
1888-05-24
Page
Seite 322 (sequence 2)
Language
German
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322 nach der Völkerwanderung große Völker ausgedehnte Staaten bildeten und sich der Feudalstaat herausgestaltete, waren keine Mittel vorhanden, um eine Oeffentlichkeit darzustellen. Was bei den Griechen und Römern eine solche noch zu vermitteln vermochte, nationale Spiele, Theater und Literatur, letztere allerdings nur durch Handschriften, fehlten dem Mittelalter, in welchem die ungeheure Mehrzahl des Volkes, Adelige und selbst Geistliche eingeschossen, weder lesen noch schreiben konnte. Dies änderte sich mit einem Male durch die Erfindung der Buchdruckerkunst. Daß diese rasch zu einem Erwerbe wurde, dessen Interesse die möglichste Verbreitung der gedruckten Schriften war, mußte schnell eine große Verbreitung der Bücher, Broschüren und Flugblätter, also eine ausgedehnte Oeffentlichkeit hervorbringen. Man weiß, wie sehr dies allein die schnelle Ausbreitung der Reformation ermöglichte. Der jetzt erstehende Absolutismus konnte sich hierbei nicht beruhigen. In seinem Interesse lag es, die neugeschaffene Oeffentlichkeit, die einem überflnthenden Strome glich, möglichst einzudämlnen und sie nur in dem Bette sich bewegen zu lassen, welches ihm zusagte. Neberall erhoben sich die Bastillen, in welchen verwegene Autoren büßen mußten; überall wurden Belohnungen denen ertheilt, welche sich in Schrift und Wort vor dem Herrscher demüthigten. Bor Allem war es die Kirche, welche jeder Aeußerung einer freien Meinung mit Bann, Kerker uub Scheiterhaufen entgegentrat. Aber der Geist läßt sich nicht bezwingen und eröffnet sich immer neue Wege, um sich kund zu geben, eine Oeffentlichkeit zu schaffen, den Drang des Volkes nach solcher zu wecken und zu stärken. Es entstanden Zeitblätter, die zu bestimmter Zeit erschienen, um die neuesten Ereignisse zu allgemeiner Kenntniß zu bringen. Dieses Zeitnngswesen entwickelte sich schnell und vertrat bald das, was im Alterthum die Volks- Versammlung leistete; jeder Leser war ein Theilnehmer einer solchen über ganze Länder verbreiteten Versammlung. Natürlich blieb es von 'cen absoluten Regimenten nicht unbeachtet; die gesammte Presse, die Literatur wie besonders das Zeitungswesen wurde der schärfsten Censur unterzogen, eine Zeitung durste nur mit Privilegium erscheinen, mußte eine bedeutende Caution stellen, unterlag der schärfsten Aufsicht, Verboten und strengen Strafparagraphen. Viel halfen diese Mittel nicht; denn wie Heine einmal sagt: der ist ein schlechter Autor, der trotz der Censur nicht Alles zu sagen versteht, was er sagen will: es kommt nur auf die Form an. Dennoch währte es lange Zeit, bevor diese Schranken fielen. Seitdem nahm das Zeitungswesen, dieses eigentliche Forum der Oeffentlichkeit in unserer Zeit, durch welches selbst jede beschränkte Versammlung durch Berichterstattung alsbald eine allgemeine wird, eine ungeahnte Entwickelung. Jndeß brachte dies auch mancherlei Mißbrauch mit sich, und selbst in freien Staaten konnte ein Preßgesetz mit Strafandrohungen nicht entbehrt werden. Wo ein besonderes Pretzgesetz nicht besteht, muß doch das Strafgesetz für Preßvergehen Bestimmungen enthalten. So kommen wir zur Gegenwart. Was ist in unserer Zeit nichtöffentlich? Alles, was ein allgemeines Interesse berührt, oder zu berühren den Anschein hat, wird veröffentlicht. Mit Recht sind auch die gesetzgeberischen Verhandlungen und namentlich auch die gerichtlichen öffentlich. Es hat diese Oeffentlichkeit sicherlich ihre vortheilhaften, nicht zu entbehrenden Seiten. Der allgemeine Geist, die Theilnahme an allem Menschlichen, die Vermehrung der Kenntnisse und die Verbreitung der Bildung können ohne sie nicht mehr gedacht werden. Andererseits dient sie zur Controle dessen, was geschieht, und selbst für die Individuen bietet sie einentheils einen Sporn zu treuer Pflichterfüllung, anderentheils die Besorgniß, bei Rechtsverletzungen zur Rechenschaft gezogen zu werden und Stellung und Ehre zu verlieren. Jndeß dürfen wir uns nicht verhehlen, daß diese Oeffentlichkeit, bei der ungeheuerlichen Ausdehnung, die sie erreicht hat, große Nachtheile, ja Gefahren mit sich bringt. Selbst in das Heiligthum der Familie dringt sie ein und zieht ans Tageslicht, was nicht dahin gehört. Betrifft es eine irgend bedeutende Persönlichkeit oder scheint, was im Innern eines Hauses vorgeht, interessant zu sein, so bohren sich hundert Angen in die Intimität der Familie ein, um bekannt zu geben, was für die Oeffentlichkeit nicht bestimmt ist und nicht taugt. Eine Berechtigung hierzu wird nicht nachgesucht. Die Literatur ist zu einem Umfange angewachseu, der nur möglich ist, weil auch nicht bloß das Mittelmäßige, sondern das Unbedeutende, Banale und Geschmacklose sich an die Oeffentlichkeit drängt. Aus einem Buche werden ein Dutzend Bücher fabrizirt, das Originale wird durch tausendfältige Nachahmung verwässert. Die Scheu, Unsittliches, Unwahres, Verkehrtes dem Publikum aufzutischen, ist geschwunden. Vor Allem sündigt hierin die Zeitungspreffe. Durch die ungeheure Com kurrenz sah sie sich zur Vergrößerung und Vermehrung ihres Formates veranlaßt. Dieser Umstand zwingt sie aber, alles Mögliche zu sammeln und ihren Lesern vorzulegen, vor Allem aber durch Pikante, ja sensationelle Mittheilungen ihre Abonnenten zu fesseln. Nehmen wir deshalb irgend ein Zeitungsblatt in die Hand, so werden uns nicht bloß Unwahrheiten, Erfundenes, aus der Luft Gegriffenes aufgetischt, da wird nicht nur, was es heute berichtet, morgen berichtigt oder dementirt, sondern es wimmeltauch von allerArtVerbrechen,Selbstmorde,Betrügereien, Defraudationen, Liebcshändel, Ehebruch, und all dergleichen Unsittlichkeiten werden ausführlich erzählt und dem neugierigen Leser preisgegeben. Durch solche tägliche Leclüre wird das Sittlichkeitsgefühl immer mehr abgestumpft, das Urtheil über Gut und Schlecht, über Recht und Unrecht verfälscht und die Gedanken an solche Verbrechen und die Art, wie sie vollbracht werden, in alle Kreise verbreitet. Schon Aristoteles

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