Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1888)
- Date
- 1888-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 8 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. Gxpeörtion: Leipzig, Wotzptah 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 24. Mai 1888. Nr. 21. JubaU, Leitende Artikel: Schlagwörter unserer Zeit. XIII. XIV. — Das Gottvertrauen. — Eine Aeußerung der conservativen Partei. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Düsseldorf. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Graz, Pest. — Frankreich: Paris. — Rußland: Bukarest, Von der russ. Grenze, Petersburg. — Spanien: Madrid. — Brasilien: Rio de Janeiro. — Bonn: Notizen. — Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Correspondenz. — Vermischtes. Zeitenvbc dffäfof, Bon n, den 20. Mai. Schlagwörter unserer Zeit. XIll. XIV. Die Erörterung der Schlagwörter einer Zeit hat den zweifachen Zweck, den Nebel, welchen das Wort bei seiner Verbreitung um sich sammelt, zu zerstreuen, den Kern von Wahrheit, der in ihm vorhanden, auszuschälen und das Uebrige als Spreu im Winde verfliegen zu lassen, andererseits durch die Zusammenstellung das charakteristische Bild der Zeit aufs Hellste und Treffendste ins Licht zu stellen. Repräsentiren sie doch die, eine Epoche beherrschenden Ideen. Sind deren in unserer Zeit so viele maßgebend, so zeugt dies von der großen Bewegtheit und von der Vielseitigkeit der Periode, in welcher wir leben. Dies motivirt wohl auch das Interesse, welches unsere Leser an dieser Reihe von Artikeln nehmen und das uns von mehreren Seiten bekundet worden. Fahren wir deshalb darin fort. „Die Oeffentlichkeit!" — „Die öffentliche Meinung!" Wir brauchen es Niemandem zu insinuiren, welche bedeutsame Elemente des modernen Lebens diese beiden sind. Die zweite ist das Product der ersteren, und deshalb doch verschieden von ihr. Oeffentlich heißt, was vor einer größeren oder geringeren Anzahl von Personen geschieht oder gesprochen wird, ohne daß dieser die Verpflichtung des Verschweigens auferlegt ist, so daß die Verbreitung des betreffenden unbeschränkt ist. Im allgemeinen Sinne hat demnach eine Oeffentlichkeit aller Zeit stattgefunden, seitdem Menschen neben einander wohnen und mit einander verkehren. Immer jedoch machte es einen großen Unterschied aus, inwiefern ein Volk despotisch regiert ward oder sich einer gewissen Freiheit erfreute. Unter dem Despotismus gab und giebt es keine eigentliche Oeffentlichkeit oder doch eine äußerst beschränkte. Immer sieht jener diese als einen gefährlichen Feind an und unterdrückt sie auf jede Weise. Schon Moses hingegen erkannte für die Verbreitung seiner Lehre die Wichtigkeit von Volksversammlungen, hielt solche ab und sprach zu ihnen, wie denn das ganze 5. Buch Mosis sich in diese Form kleidet. Er verordnete Versammlungen des ganzen Volkes zum Heiligthume drei Mal im Jahre, und in jedem siebenten Jahre zur Verlesung des ganzen Gesetzes, Männer und Frauen, Greise und Kinder. Auch Josua hielt solche Volksversammlungen und verpflichtete sie zur Treue für Lehre und Gesetz. Eine Versammlung des Volkes verlangte von Samuel das Königthum, und dieser stellte dann einer solchen den erkorenen König vor. Unter der Herrschaft der Könige erfahren wir von solchen Versammlungen wenig, etwa von Seiten des Propheten Elijah in seinem Kampfe gegen die Baalspriester. Jndeß setzen viele Reden der Propheten voraus, daß sie zum versammelten Volke sprachen. Esra und Rehemia übten ihre Wirkung auf das Volk vorzugsweise durch Versammlungen desselben aus. In Athen und in Rom, so lange dieses republikanisch war, war das öffentliche Leben äußerst rege und im Pnyx und auf dem Forum wurde die öffentliche Meinung bearbeitet und bethätigt. Sobald jedoch 21