Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1888)
- Date
- 1888-05-17
- Page
- Seite 315 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227738--45316-3264822- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
315 sind, die Forderungen der Glaubenslehre mit den gerechten Ansprüchen eines rationellen Fortschrittes, des geläuterten Geschmackes, der veredelnden Bildung und des allgemeinen Wissens in Einklang zu bringen. Die Hingabe an das Staatsgesetz sei in gleiche Linie mit der Ehrfurcht vor dem Religionsgesetz zu stellen. — An der Debatte betheiligten sich 15 Redner. Frankreich Paris, 1. Mai. (Privatmitth. Für den Zweck verspätet eingelaufen.) Am nächsten 2. Siwan (12. Mai) wird hier einer der hervorragendsten jüdischen Gelehrten, Herr Dr. Israel Michel Rabbinowicz, der bekannte Uebersetzer des Talmuds, seinen 70. Geburtstag feiern. Es ist nicht meine Aufgabe, an dieser Stelle die Verdienste dieses unermüdlichen Gelehrten um die jüdische Wissenschaft zu schildern, welche bereits von vielen Autoritäten nach Gebühr gewürdigt worden sind. Er hat nicht nur durch seine zahlreichen Schriften ein wissenschaftliches Verständniß des Talmuds angebahnt, sondern auch gleichzeitig ein Werk des größten „Kidusch-Haschem" vollbracht, indem er, wie Keiner vor ihm, den so geschmähten und verleumdeten Talmud in ein glänzendes Licht stellte und so dem Judenthum ein herrliches Denkmal auf dem Forum der modernen Civilisation errichtete. Ich möchte hier aber ganz besonders darauf aufmerksam machen, daß vr. Rabbinowicz zu Denjenigen gehört, die mit der größten Aufopferung, mit wahrer K'D’n rrpoo! ihr ideales Ziel verfolgen. Anderseits verdient er in Folge seiner eigenthümlichen Entwickelung als ein wahres Muster energischen Strebens und rastloser Thätigkeit hingestellt zu werden. Ein Blick auf seinen Lebenslauf vermag uns davon zu überzeugen. Geboren zu Horodetz, einer kleinen Stadt in Lithauen (Grodner Gouv.), beschäftigte er sich in seiner Jugend, unter Leitung seines Vaters, der in derselben Stadt Rabbiner war, ausschließlich mit dem Talmud und den Codices und zeichnete sich ebenso durch seine Begabung wie durch seinen Fleiß aus, welch letzterer eine seiner glänzendsten Tugenden bis auf den heutigen Tag bildet. In seinem reifern Jünglingsalter erwachte in ihm die Sehnsucht, sich auch in allgemeinen Wissensfächern anszubilden und zu vervollkommnen, da er aber in seiner Heimath seinen Wissensdurst nicht löschen konnte, verließ er, bereits 25 Jahre alt, dieselbe und begab sich zunächst nach Brody (Galizien), wo sich zu dieser Zeit eine Elite sogenannter jüdischer „Aufgeklärten" befand und erlernte dort die Elemente der deutschen Sprache. Im nächsten Jahre siedelte er nach Breslau über, wo er sich eifrig mit Ghmnasialfächern beschäftigte. Im Alter von 30 Jahren trat er in die Prima des Gymnasiums ein und erlangte nach zwei Jahren die Maturität. Hierauf studirte er einige Jahre klassische Philologie an der dortigen Universität. Im Jahre 1851 veröffentlichte er seine nach einem nenen System bearbeitete „wissenschaftliche hebräische Grammatik", welche er zwei Jahre später in zweiter Auslage zum Gebrauch für Lehranstalten erscheinen ließ. Im Jahre 1853 siedelte er nach Paris über. Hier besuchte er die medicinischeFacultät und erlangte von derselben das Doctordiplom. Wiewohl er nun als praktischer Arzt in Folge seiner Thätigkeit und Popularität die besten Chancen hatte, zog er es dennoch, seinem Wissensdrange und seiner Vorliebe für die jüdische Wissenschaft folgend, vor, in Armuth und Elend zu leben, um ganz der Wissenschaft, besonders der jüdischen, obliegen zu können. Sein größtes Ideal war, seine reichen philologischen und medicinischen Kenntnisse in den Dienst des Judenthums zu stellen und zu dessen Verherrlichung zu verwenden, welche Aufgabe er auch in glänzender Weise erfüllte. Eine bloße Aufzählung seiner Schriften vermag eine klare Vorstellung von seiner mühsamen und zugleich fruchtbaren schriftstellerischen Thätigkeit zu gewähren. Wir wollen von denselben nur die bedeutendsten erwähnen: Legislation criminelle du Talmud. Paris 1876. (20 Fr.) Legislation civile du Talmud, 5 Tornes: I. Nouveau commentaive et traduction critique de traites Berakhoth jusqu’ä Khetouboth, G-hitin, Kidouschin, de tous les passages des 26 traites de trois premieres sections (sedarim), qui coneernent la legislation , les femmes, les palens etc. Paris 1877. (20 Fr.) II. — — — du traite Baba Kama. 1877. (20 Fr.) III. — — — du traite Baba Mezia. 1878. (20 Fr.) IV. — — — du traite Baba Bathra. 1879. (20 Fr.) V. — — — de tous les passages de 30 traites des trois derniferes sections, qui coneernent la legislation, la medecine, les paiens. 1879. (20 Fr.) Legislation civile du Talmud, traduction du traite Khetouboth. 1873. (4 Fr.) La medecine du Talmud. 1880. (10 Fr.) Principes talmudiqes de Scheehitah et de Terefah au point de vue medical. 1877. (3 Fr.) Introduction generale du Talmud (welche nächstens erscheinen wird). Wenn auch Dr. Rabbinowicz gleichzeitig auf andern Gebieten Vieles geleistet und außer der bereits erwähnten hebräischen Grammatik noch eine polnische, eine lateinische und eine französische nach neuen Gesichtspunkten geschrieben hat, wofür er die Anerkennung der größten wissenschaftlichen Capacitäten erlangte, so blieb doch die Uebersetzung des Talmuds immer seine Hauptbeschäftigung, wiewohl ihm die Unterstützung zu seinem Unternehmen von Seiten Derer, für die er arbeitete, in sehr geringem Maße zu Theil wurde . . . Es ist daher eine Ehrenpflicht aller Freunde der jüdischen 20*