Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1888)
- Date
- 1888-05-17
- Page
- Seite 309 (sequence 5)
- Language
- German
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309 Mohamedanern gehören und daß unter den arischen Indern der Islam jetzt mehr als 60 Millionen zählt."- Man sieht, Herr Franz Philippson hat sich des ihm vergönnten Raumes wegen auf das Nothwendigste beschränkt, und ebenso hat er sich aller Angriffe gegen das Neue Testament enthalten und sich begnügt, den Angriff gegen unsere h. Schrift zurückzuweisen. Er that dies, indem er sich auf die Aussprüche des Alten wie des Neuen Testaments stützte. Solcher thatsächlichen Widerlegungen konnten die Behauptungen des Herrn Picard nicht Stand halten, und wenn dieser auch eine Entgegnung in Nr. 18 der „Art moderne“ versuchte, so bewies er auch hier eine völlige Unkenntniß der Schriften, über die er seine leichtfertigen Urtheile zu fällen versucht hatte, und er vermag nichts als leeres Geschwätz beizubringen, auf welches man nicht weiter eingehen mag. Jedenfalls ist das erreicht, daß nur diejenigen nicht belehrt worden sind, welche in gleicher Weise wie Herr Picard gegen jede positive Religion und im Radicalismus befangen sind. Denn es ist nicht zu verkennen, daß der genannte Rechtsanwalt durch seine Fiktionen das Neue Testament, wenn auch unter der Maske des Lobes, ebenso zu erschüttern versucht hat wie er die Autorität und das richtige Verständniß des Alten' Testamentes zu vernichten beabsichtigte. Erfolglos! Der Prozeß Schönerer in Vien. Jede Bewegung charakterisirt sich an den verschiedenen Orten trotz gleichen Zieles durch die Art ihres Auftretens und die Beschaffenheit ihrer Führer. In Berlin fand der Antisemitismus seinen meisten Anklang in gewissen höheren Schichten der Bürgerklaffen, während diese im Allgemeinen und die Arbeitermasse ihm fremd blieben. Es folgte dies schon aus der Eigenart des Führers, der jene durch seine zugleich von ihm verfolgten orthodoxen Ziele abstieß. Anders verhält es sich in Wien. Hier ist es gerade die untere Volksschicht, welche sich für den Judenhaß empfänglich zeigt, analog dem antisemitischen Hetzer Ritter von Schönerer, der in Wort und That gleicher Weise brutal ist. Jeder anständige Mensch bewahrt sich vor der Berührung mit diesem rohen Gesellen. Nur Eines müssen wir bedauernd ausnehmen. In Berlin wie in Wien mischte sich ein Theil der Studentenschaft, namentlich aus der juristischen Fakultät, aber auch Lehrer, in den Anhang der antisemitischen Wortführer. Die Leser erinnern sich der Gewaltthätigkeit, welche sich jener edle Ritter vor Kurzem schuldig gemacht: der Widersetzlichkeit gegen die Polizei bei der Auslösung eines Commerses, der zur Orgie geworden, und bei dem Ueberfall der Redaktion des N. W. T., bei welcher Christen und Juden zugleich beschäftigt sind, unter dem Vorwände, daß das Blatt den Tod des Kaisers Wilhelm früher angezeigt, als er eingetreten war, obschon es diese Nachricht alsbald widerrufen hatte. Welche Auftritte sich hierbei abspielten, ist noch in frischem Gedächtniß. Die Staatsanwaltschaft erhob hierüber die Anklage gegen Schönerer und Genossen, und die Verhandlung fand am 4. und 5. Mai statt. Wir geben hierüber einen Bericht. Das gefüllte Urtheil ist streng und wird wohl auf alle einsichtigen Kreise den Widerwillen gegen jene Antisemiten verstärken, die Masse bleibt davon unberührt. Es zeigt sich eben, daß die politische Reife in Berlin doch weit größere Fortschritte im Volke gemacht hat als in Wien. Jndeß Schönerer wird auf eine Zeit lang unschädlich gemacht und da nach dem alten Spruche Ciceros aura popularis res est caduca, „die Volksgunst sehr veränderlich ist", könnte sich ein Umschwung während dieser Zeit doch vollziehen. Ist es doch Schönerer nicht allein, der sich des brutalen Benehmens schuldig macht. Soeben ist im Abgeordnetenhause der Antisemit Lueger wegen vorgebrachter Anschuldigungen als „Lügner und Verleumder" gebrandmarkt worden, und der Antisemit Türk benimmt sich im selben Abgeordnetenhause nicht selten in empörender Weise. Am 4. Mai begann die Verhandlung. Die Anklage wird verlesen. Der Staatsanwalt selbst, Dr. Soos, vertritt die Anklage. Darin heißt es: „Nach Aussagen der ersteren Zeugen betrat Schönerer mit dem Hute auf dem Kopfe und mit einem eiseubeschlagenen Stocke und Schlagring bewaffnet, an der Spitze mehrerer Personen das Redaktionszimmer und hielt hier eine Ansprache, in welcher die folgenden Worte vorkamen: „Heute ist der Tag der Rache gekommen. Diese Schandblatt-Juden können den Tod des Deutschen Kaisers nicht abwarten. Juden auf die Knie! Abbitte leisten!" Dreimal wiederholte Schönerer seinen Appell, dann rief er mit drohender Stimme: „Schlagt sie nieder!" Diesen Worten folgte nun eine Schlägerei, an der sich der Stenograph Gerstgrasser, die Redakteure Schmal und Winter, sowie andere nicht zu eruirende Personen betheiligten. Die Darstellung des Angeklagten schildert den Vorfall weit unschuldiger. Schönerer habe sich nach seinen eigenen Angaben mit seinen Anhängern nur deswegen in die Redaktion des „Tageblatt" begeben, um beschwichtigend zu wirken. Dem gegenüber steht die Aussage des Zeugen Kietreiber, daß ursprünglich der Beschluß gefaßt wurde, der Entrüstung Ausdruck zu geben. Schönerer will wohl eine Rede gehalten haben, doch sollen in derselben die drohenden Ausdrücke nicht vorgekommen sein; er hätte nichts Anderes bezweckt, als in jene Telegramme Einsicht zu nehmen, die aus Berlin in der fraglichen Nacht gekommen. Er sei jedoch durch höhnisches Benehmen der Redakteure gereizt worden und erblickt in seinem Vorgehen nichts Anderes, als eine ihm gesetzlich gestattete Meinungs-