Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1888)
- Date
- 1888-05-17
- Page
- Seite 308 (sequence 4)
- Language
- German
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308 kein Jesus in den unermeßlichen Ländern der Arier, zwischen dem Ganges und dem Atlantischen Ozean, sondern nur in dem kleinen Lande Judäa geboren? Alsdann übt der Geburtsort, die Erziehung, der Unterricht gar keinen Einfluß auf den Geist des Menschen? Ferner: Jesus selbst bekennt sich sein ganzes Leben hindurch als Jude. Nach Matth. 5, 17 ff. sagte er: „Glaubet nicht, daß ich gekommen bin, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben" und führt dies weiter aus. Hat er nicht den Sabbath und das Peßach, das eigentliche Geburts- und Bundesfest Israels, begangen? Waren nicht die eigentlichen Schüler Ausleger und Verbreiter der Lehre Jesu Juden? Waren Matthias, Paulus, Petrus, Lucas, Johannes, Jacobus und die anderen Apostel Juden, oder waren sie auch von arischen Vätern zufällig in Judäa! gezeugt? Sie behaupten ferner, daß zwischen dem Alten und dem Neuen Testamente gar keine Beziehungen stattfinden, daß dieses sich nicht auf jenes stütze, und Sie verurtheilen Alle als in einem tiefen Urtheil befangen, unter dem Einfluß eines alten Vorurtheils, welche diese Ihre Meinung nicht theilen. Es ist aber leicht, nachzuweisen, daß die Bücher des Neuen Testamentes sich nicht allein auf die des Alten stützen, sondern oft ohne diese ganz unverständlich werden. Zahllose Ausdrücke im Neuen Testamente sind deni Alten entlehnt und die Verfasser des Neuen Testamentes bedienen sich zahlreicher wörtlicher Citate aus dem Alten Testament. Z. B. in den ersten drei Capiteln des Matthias finden wir citirt Jesaias 7, 14. 40, 3. 5. Mos. 8. 3. 6, 16. 13. Jesaias 8, 23. 9,1. fl. und so in den meisten Büchern des Neuen Testaments. Wie? tönen nicht die christlichen Kirchen täglich von den Psalmen des Alten Testaments wieder? Entlehnen nicht alle christlichen Kanzelredner ebenso oft ihre Texte aus dem Alten Testament wie aus dem Neuen? Stützen nicht alle christlichen Religionslehrbücher ihre meisten Lehrsätze auf Stellen des Alten Testaments? Wie kann man also das Christenthum vom Alten Testament trennen und dieses verwerfen, so lange man einen christlichen Standpunkt einniinmt! — Endlich häufen Sie völlig unbegründete Anschuldigungen gegen die h. Schrift Israels als nur vom semitischen Geiste beseelt, während Sie das Gegentheil im Neuen Testamente finden wollen. „Nicht eine Idee", sagen Sie, „nicht eine Empfindung hat einen entsprechenden Ausdruck im Alten Testament." Aber wir fragen: wo ist denn zum ersten Male der Monotheismus in seiner ganzen Reinheit ausgesprochen? Wo findet sich der Begriff eines einzigen, unsichtbaren, unkörperlichen Gottes, Schöpfers des Weltalls, vereinigend in sich alle Vollkommenheiten? Woher stammen die zehn Gebote? Wer hat zuerst Gesetze des Mitleidens, der Wohlthätigkeit, der Brüderlichkeit gegen alle Menschen, wer die Achtung des Weibes und der Familie, die Güte gegen Alle, selbst gegen die Thiere gelehrt, wer hat die Aussicht in eine messianische Zeit der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens eröffnet? Führen wir nur einige Stellen an: „Gott ist barmherzig, langmüthig, von unendlicher Huld, vergiebt Missethat, Schuld und Sünde" (2. Mos. 34, 6). „Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen" (5. Mos. 6, 5). „Heilige dich durch das Recht und die Liebe, was das 19. Cap. des 3. Buches Mos. auseinandersetzt. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, liebe den Fremdling wie dich selbst" (3. Mos. 19, 18. 34). „Haben wir nicht Alle Einen Vater, hat uns nicht Alle Ein Gott geschaffen, warum sollen wir treulos handeln Einer gegen den Andern?" (Maleachi 2, 10.) Moses sagt: „Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen, du kannst ihm zwar Verweise geben, trage ihm aber keinen Zorn nach, du sollst dich nicht rächen" (3. Mos. 19, 18.) Es giebt keine Gesetzgebung,; wo so viele ganz positive Vorschriften über die Wohlthätigkeit wie in der mosaischen sich finden, und sie gipfeln in der allgemeinen Regel (5. Mos. 15, 7): „Verhärte nicht dein Herz und verschließe nicht deine Hand vor einem Dürftigen, sondern gieb ihm zur Genüge nach seinem Bedarf, und dein Herz bedaure nicht, indem du ihm giebest." Und in die Zukunft schauend, ergehen sich die Propheten des Alten Testaments in einer idealen Zeit der Menschheit: „Ein Tag wird kommen, wo die Anbetung Gottes einzig sein wird wie er einzig ist auf der ganzen Erde." (Sechar. 14, 9.) Auf eine alte Prophetie berufen sich Jesaias (Cap. 2) und Micha (Cap. 4): „Die Völker werden dann ihre Schwerter zu Sicheln, ihre Lanzen zu Winzermessern schmieden, kein Volk wird mehr Waffen gegen ein anderes erheben und nicht mehr den Krieg erlernen." Man lese doch die Capitel 40—66 von Jesaias, welche die erhabensten Worte über die ideale Auffassung der ganzen Menschheit und der^Humanität enthalten, die in einer vollkommenen Harmonie aller Völker durch das Recht und den Frieden besteht. Wie viele herrliche Aussprüche könnten wir noch citiren, welche die Gesetze über das Eigenthum, die Freiheit der Individuen, die Rückkehr des Erbgutes an ihre Eigenthümer u. s. w. aufstellen. Sind das Vorschriften des rohen Egoismus? — Allerdings enthalten dieBücher des Alten Testaments außer den religiösen und sittlichen Lehren die Geschichte des Volkes Israel und in dieser die mehr oder weniger geschichtlichen grausamen Thaten blutiger Kriege, die sicherlich nicht denen zur Ehre gereichen, welche sie begangen. Aber enthalten die Geschichtsbücher aller alten und neueren Völker nicht Seiten, welche man zur Ehre der Menschheit entfernen möchte, und dies bis in unsere Tage? — lieber den Koran und sein Verhältniß zum Alten Testament wollen wir uns hier nicht auslassen. Was aber den von Ihnen behaupteten Widerstand der arischen Völker gegen Annahme des Islam betrifft, so braucht man nur als Beispiel an die arischen Perser zu erinnern, welche zu den fanatischsten