Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1888)
- Date
- 1888-05-17
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227738--45308-3264814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
307 auseinandergespalten, die sich wie Fossilien für immer unähnlich bleiben, niemals sich nähern und durch gemeinschaftliche Culturentwickelung niemals zu gemeinsamen Zielen kommen können! Von hier aus greift man das Alte Testament an, weil es semitisch sei — ist aber das Neue Testament nicht semitisch? Der Fanatismus spottet jeder Logik und aller Geschichte — wenn man die Jesuiten wegen Mangels fester Moral schmäht, dann sind die Herren Freidenker auch Jesuiten! Die Wissenschaft hat längst über dieses willkürliche Vorgehen den Stab gebrochen und selbst d e r Schriftsteller, welcher die Rayentheorie am ersten vertrat, Ernst Renan, hat sie aufgegeben. Worauf stützt sich diese denn? Allein auf die verschiedene Entwickelung, welche in urältester vorgeschichtlicher Zeit die Sprachen einiger Stämme von denen anderer genommen, und doch sind Sprachforscher, gestützt auf die zahlreichen gleichen Wurzeln, der Ueberzeugung, daß diese Sprachfamilien aus einer Ursprache hervorgegangen. Die Geschichte weiß von diesen Rayenunterschieden nichts, denn die Völkerschaften der verschiedenen Sprachfamilien sind unter einander gerüttelt, und viele stehen trotz ihrer besonderen Sprache auf der gleichen Culturstufe mit denen anderer Sprachen. So ist z. B. der in der islamitischen Welt jetzt herrschende Bolksstamm nicht semitischen Ursprungs. Der Ethnograph findet den Unterschied zwischen Ariern und Semiten nicht, und zählt noch heute viele semitische Völkerschaften der sog. kaukasischen Raye zu. Aber was kümmert dies den fanatischen „Freidenker"? Was ihm nicht paßt, das leugnet er kurzweg. Von einem solchen Vorgänge wollen wir sprechen, nicht weil ihm eine größere Bedeutung beizulegen, sondern weil er charakteristisch ist und zeigt, wie weit eine feindlich gesinnte Hypothesensucht gehen könne. In Brüssel erscheint eine dort gelesene Wochenschrift „l’Art moderne“. Einer der Redacteure, Rechtsanwalt Picard, hat eine Reise in Marokko gemacht. Die Marokkaner haben ihm nicht gefallen, was wohl allen europäischen Reisenden geschieht. Die marokkanischen Juden, die er aus demselben Gesichtspunkte betrachtet, gefielen ihm auch nicht, was bei oberflächlichen Beobachtern auch der Fall sein wird. Alsbald sind ihm jene marokkanischen Barbaren der Typus aller Semiten aller Zeiten, und die Juden wirft er in denselben Topf und zwar alle. Allerdings sind aufmerksamere und gründlichere Reisende im eigentlichen Oriente anderer Meinung; wir wollen nur den Prof. vr. Brugsch-Pascha erwähnen, welcher jüngst die Verschiedenheit der Sitten der Orientalen und der Europäer schilderte, ohne jene in sittlicher Beziehung den letzteren nachzusetzen. Picard gefällt sich nun in der Theorie, Arier und Semiten in geraden geistigen Gegensatz zu setzen, oder vielmehr den ersteren alle Vorzüge des Geistes und des Herzens, diesen eine tiefe Inferiorität zuzuschreiben, in der Theorie, daß die geistige Veranlagung beider Stämme, d. h. doch eigentlich nur beider Sprachfamilien', für ewige Zeiten eine unveränderliche sei und keine Entwickelung, keine geschichtlichen Verhältnisse irgend eine Modification herbeiführen könne. Die gegenwärtigen Geschlechter sind ihm nur identisch mit prähistorischen Fossilien aus der Urzeit. Wir hätten nun keine Veranlassung, den Brüsseler Rechtsanwalt in seiner Theorie zu stören. Aber er hat dieselbe sofort nach seiner Rückkehr in Nr. 15 der genannten Zeitschrift zu schärfstem Ausdruck gebracht und zwar indem er sie auf die Bibel anwandte, mit der Ueberschrift „La Bible et le Coran“. Jedermann wird nun voraussetzen, daß er, der Christ, das Neue Testament, ebenso wie das Alte, als semitischen Ursprungs betrachten wird. Aber dies würde seiner gehässigen Unterscheidung zwischen Ariern und Semiten keinen Anhalt geben und seiner antisemitischen Gesinnung keinen Stoff bieten. Er verfährt daher anders, und stellt die Behauptung auf: 1) Jesus ist nur zufällig in Judäa geboren und hat zuverlässig einen arischen Vater gehabt; 2) Das Neue Testament müsse gänzlich vom Alten Testament getrennt werden, da 3) das Neue Testament durchaus arischen Geistes sei und die Grundsätze der Liebe, Barmherzigkeit und des Friedens verkünde, das Alte Testament hingegen semitisch, einseitig, beschränkt und grausam sei ff. Selbstverständlich weiß der Mann für diese Behauptungen auch nicht den geringsten Beweis anzuführen. Er spricht, und das ist genug, Man kennt die Neigung, die bei den Nichtjuden leider so sehr verbreitet ist, demjenigen zu glauben, der aufs Keckste und Unverfrorenste auf die Juden losfährt und das ihnen von Kindesbeinen an eingeflößte Borurtheil recht angelegentlich pflegt. Es war deshalb durchaus nothwendig, daß, nicht für Herrn Picard, wohl aber für das größere Publikum, die falschen Behauptungen des genannten Mannes einen Widerspruch erhielten. Herr Franz Philippson in Brüssel unternahm diese Widerlegung, und wir müssen es der Redaction Dank wissen, daß sie dieselbe bereits in Nr. 17 aufnahm, allerdings mit einigen einleitenden Worten, in welchen sich ihre judenfeindliche Gesinnung entpuppte. Diese Widerlegung mußte, um in jener Wochenschrift Platz zu erhalten, so bündig wie möglich sein und aus dem ungeheuren Material nur das Wichtigste auswählen. Wir heben hier aus derselben Folgendes hervor. In Bezug auf die erste These heißt es darin: „Dieselbe ist absolut dem entgegen, was das Neue Testament aussagt, für welches Sie doch eine unbegrenzte Bewunderung zu hegen vorgeben. Wir fragen: warum ist denn 1) Wir haben schon wiederholt nachgewiesen, daß in keinem Buche der Friede mehr gerühmt, ersehnt, erbeten und verkündet wird, als in unserer h. Schrift. Jesus aber sagt Matth. 10,34: „Wähnet nicht, daß ich gekommen, Frieden zu bringen auf die Erde; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter, und die Schnur mit ihrer Schwieger und Feind werden einem Menschen seine Hausgenossen sein." Red. 20*