Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1888)
- Date
- 1888-05-10
- Page
- Seite 302 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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308 die deutschen jüdischen Israeliten veranlaßt, nominell russische „Dirigenten" anzustellen, während sie mit ihren Angehörigen die Geschäfte weiter betrieben. In Sosnowice, das eine sehr große Zahl von deutschen Israeliten begründeter Fabriken und kaufmännischen Geschäften aufweist, ist nun aber, wie dem „Oberschl. Anz." gemeldet wird, Plötzlich die sofortige Ausweisung aller Israeliten ausländischer Staatsangehörigkeit erfolgt, die nun mit ihren Familien ungesäumt Russisch- Polen zu verlassen haben. Petersburg, im April. Dicht hintereinander sind hier — man möchte fast sagen in unheimlicher Weise — vier der jüdischen Finanzgrößen plötzlich aus dem Leben geschieden. Auf Horwitz folgte Fehleisen, dann Warschawski und zuletzt Poljakow. Machte bereits das plötzliche Hinscheiden Fehleisens während der Beerdigung des Grafen Dudzeele großes Aufsehen, so wiederholte sich das in noch höherem Maße bei dem noch schnelleren Tod Poljakow's, während der Beerdigung des diesem, als Geschäftsfreund wie Verwandten, nahestehenden Warschawski. Der Sarg des Letzteren hatte eben erst das bisherige Heim des Verstorbenen verlassen, als Geheimrath Poljakow, inmitten des Leichengefolges, zusammenbrach. Mehrere der anderen Leidtragenden sprangen hinzu und trugen den Ohnmächtigen in das nächste Haus; ärztliche Hilfe war ebenfalls sofort zur Stelle, aber nur wenige Minuten währte es, und einer der reichsten Männer Rußlands, der so oft beneidete Eisenbahnkönig Poljakow, war eine Leiche, war einem tückischen Herzschlag erlegen. Warschawski, der in seinem Leben unendlich viel Gutes gethan, beschloß, sein eigenes Unglück vergessend, vor seinem Scheiden noch ein letztes Liebeswerk durchzuführen. An ihn, den intimen Freund des Stadthauptmanns General Gresser, hatten sich zwölf Israeliten mit der Bitte gewandt, ihnen die Verlängerung ihrer Pässe zu erwirken. Mit diesen zwölf Pässen fuhr er nun zum General, dem anfänglich die Zahl der Gesuche etwas hoch vorkam, der dann aber den Wünschen des Fürsprechers willfahrte, als dieser ihm versicherte, es würde unbedingt das allerletzte Mal sein, daß er ihn mit solcher Bitte behellige. Den wirklichen Sinn dieses Versprechens nicht ahnend, Unterzeichnete der Stadthauptmann die Aufenthaltsscheine und fügte noch lachend hinzu, eine „allerletzte" Bitte seines Freundes könne er natürlich nicht abschlagen. Kaum 12 Stunden später wurde der Stadthauptmann durch den ganz verstört herbeistürzenden Kammerdiener Warschawski's davon benachrichtigt, daß derselbe seinen Herrn entseelt in dessen Schlafzimmer aufgefunden. Ein merkwürdiger Zufall wollte es, daß auch General Gresser es war, neben dem heute Geheimrath Poljakow zusammensank. Er stützte ihn zu allererst und übergab den Ohnmächtigen dann den anderen Herren mit dem Bemerken, er müsse unbedingt dem Sarg seines alten Freundes Warschawski folgen. Das aufrichtigste Mitleid Vieler folgte ihm ins Grab. Ein Sohn von ihm heirathete eine Tochter Poljakow's, doch starb dieselbe nach kurzer Ehe. Die russischen Blätter widmen diesen Finanzgrößen ehrenvolle Nachrufe. AuS Finnland, im April. Der Minister des Innern hat den Einzelnummernverkauf des „Grashdanin" der Zeitung des Fürsten Meschtscherski, verboten — angeblich wegen Veröffentlichung einer Reihe sehr gehässiger antisemitischer Artikel. — Die Regierung hat befohlen, die in Helsingfors (Finnland) wohnenden Juden auszuweisen, nachdem dieselben Jahrzehnte lang harmlos und unbescholten in Finnland gelebt haben. Von dieser Ausweisung sind ausgenommen Personen, die in russischem Militärdienst gestanden haben, deren minderjährige Kinder und an den jüdischen Gemeinden angestellte Personen. Dazu schreibt man der deutschen „Petersb. Ztg." aus Helsingfors: „Was haben die Juden, die nicht russische Soldaten waren, Schlechteres begangen als diejenigen, die es waren? Die Stände des Landtages 1885, welche in Vorschlag gebracht hätten, in unserem Lande lebenden Juden das Mitbürgerrecht zu geben, haben in Erfahrung gebracht, daß die Juden in Finnland meist einen achtbaren Wandel führen und ihr Brod durch ehrliche Arbeit verdienen und die ihnen gegebenen Freiheiten nicht überschreiten. Beweise über das Gegentheil sind nicht erbracht worden. Und dennoch sollen sie fort, der Beschluß ist im Senat gefaßt und die Bewerkstelligung der Maßregel wird schon vorbereitet. — „Helsingfors Dagblad" tadelt die Maßregel, daß nur die „minderjährigen Kinder" der jüdischen Soldaten, wie es ausdrücklich heißt, von der Ausweisung befreit werden sollen. Dennoch hat jedes dieser Bevorzugten zu erwarten, daß am Tage, wo es sein 21. Lebensjahr vollendet, die Polizei erscheint, um ihm anzukündigen, daß es in so und so viel Monaten das Land zu räumen habe, — das Vaterland! Denn hier sind sie geboren, erzogen. Die Anzahl der in Helsingfors ansässigen Juden beläuft sich auf 471. Von diesen kommen 366 Seelen auf die Familie» verabschiedeter russischer Soldaten. Es sind also 105 Personen, die der Ausweisung unterliegen. „Hels. Dagbl." bemerkt hierzu: Es ist keine Großthat, diese kleine Anzahl armer, schutzloser Menschen, die in der Ueberzeugung lebten, unsere ihnen gebotene Gastfreiheit werde auch weiter bestehen, zu verstoßen. Wir können auch denjenigen, welche die Judenverfolgung seit Jahren und mit einem, einer besseren Sache würdigen Eifer in unserem Lande gepredigt haben, zu dem Siege, den ihre Bestrebungen errungen haben, nicht Glück wünschen." Bonn, 6. Mai. (Notizen.) Man schreibt aus Wolfenbüttel, 25. April: Zum Nachfolger des verstorbenen vr. Rosenstock hat das Kuratorium der hiesigen Sam-