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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-10 · Heft 19 (10.5.1888) · p. Seite 300

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 19 (10.5.1888)
Date
1888-05-10
Page
Seite 300 (sequence 12)
Language
German
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300 schon jetzt eifrig gearbeitet werde. — Abg. Zotta verliest nun eine Stelle aus dem Berichte des Herrenhauses, welche die Besorgniß erweckt, daß eine Art Gewissenszwang eingeführt werde. Redner schließt mit dem Wunsche, es möge bald die Zeit kommen, wo auch an die Regelung der griechisch-orientalischen Kirche geschritten werde, woran die Regierung bisher nicht gedacht habe. — Hierauf wurde Abg. Ritter v. Gniewosz zum Referenten für den Entwurf bestellt. Wien, 1. Mai. In Wien und seinen Bororten hat sich der Antisemitismus in erschreckender Weise ausgebreitet. Die gestrigen Gemeindewahlen in Rudolfsheim boten den Antisemiten Gelegenheit zu Orgien, die verdient hätten, in Rußland sich abzuspielen. Die wüsten Szenen begannen laut dem amtlichen Berichte schon in den Vormittagsstunden. Die Antisemiten aus allen Bezirken, darunter die berüchtigtesten Hauptagitatoren, gaben sich in Rudolfsheim Rendezvous in einem Gasthause, welches mit der Inschrift „Christliches Wahllokal", geschmückt war; sie häuften sich in den Straßen zusammen und trieben mit den jüdischen Geschäftsleuten allerlei Spott; sie führten einzelne derselben an Nase und Ohren durch die Gassen und versetzten den Wehrlosen schließlich rücksichtslose Hiebe. Auch den christlichen Parteigegnern erging es nicht besser. Mittags erhielt das Comite der Liberalen die Nachricht, daß die Antisemiten die Wahllokale stürmen wollen. Die Polizei wurde hiervon in Kenntniß gesetzt und hatte handfeste Leute zur Abwehr gedungen. Trotz Absperrung einiger Gassen gelang es den Antisemiten, in einzelne Lokale einzudringen, und an mehreren Stellen entspann sich Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr ein heißer Kampf, in dem die Skandalmacher den Kürzeren zogen. Die Polizei verhaftete acht Personen, zwei Liberale und sechs der Antisemitenpartei Angehörige. Letztere waren mehr oder weniger verwundet. Die zwei Liberalen wurden sofort entlassen, während die anderen Sechs, die sämmtlich angeheitert waren, in Gewahrsam blieben. Es sind zumeist Professionshetzer, gar nicht wahlberechtigte Individuen. Die Intervention der Polizei konnte den Exzessen auch in späterer Stunde nicht ganz Vorbeugen. Gerade als der Tumult am ärgsten tobte, kam der Kaiser vom Westbahnhofe durch Rudolfsheim gefahren- Wegen des Gedränges mußte der Kutscher die Pferde im Schritt gehen lassen, so daß Franz Josef Zeit hatte, ein genaues Bild von dem Vorgänge mitzunehmen. — Die Antisemiten und die mit ihnen verbundenen Klerikalen und Czechen haben in Rudolfsheim durchaus nicht die Majorität, denn es wurden 6 Liberale endgiltig gewählt und 8 engere Wahlen müssen slattfinden. Pest, 26. April. (Privatmitth.) Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Andor Badnay wurde zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt. Der k. Staatsanwalt hat um die Auslieferung Badnay's behufs Antrittes seiner Strafe beim Präsidium des Abgeordnetenhauses nachgesucht. Der ehemalige Mitarbeiter des antisemitischen Hetzblattes „Függetlenseg", Ladislaus Petrovits, wurde aus Czügled, wohin er als Hilfsredacteur eines dort erscheinenden antisemitischen Blattes übersiedelt war, weil dessen Aufenhalt gemeingefährlich erscheine, ausgewiesen. August Ascher, Mitarbeiter mehrerer in Oesterreich und Ungarn erscheinender antisemitischer Blätter, wurde wegen Erpressungsversuches, den er an dem Journal-Eigenthümer Borsody verübte, in Wien verhaftet. Der bekannte antisemitische Agitator und Herausgeber der Zeitschrift „Der Detailhändler", Franz Bartl in Hernals, wurde wegen constatirten Größenwahns in die Landes-Jrrenanstatt transportirt. Die Wahl des antisemitischen Abgeordneten Bergani wurde auf Antrag des Baron Scharschmid von dem Legitimations-Ausschüsse des österreichischen Abgeordnetenhauses mit 10 gegen 6 Stimmen als nichtig erklärt. Belgien. Brüssel, 23. April. (Privatmitth.) Die Leser erinnern sich noch der schönen Artikel des Herrn d'Haussonville in der Revue des deux Mondes über die Wohlthätigkeitsanstalten der Israeliten in Paris, worüber in dieser Zeitung ausführliche Berichte gegeben wurden. Diesem Beispiele folgend, bringt die Revue del§igue Vom 15. April einen ausführlichen Artikel „die israelitische Wohlthätigkeit zu Brüssel," unterzeichnet Louis Frank. Der Vers, tritt den Antisemiten mit einer Darstellung der Vorschriften und Tendenzen des Pentateuchs und des Talmud über Wohlthätigkeit und wohlthätige Werkthätigkeit entgegen. Die Auswahl und Zusammenstellung der bez. Stellen ist durchaus angemessen. Bei der Unkenntniß des Judenthums, sowohl hinsichtlich der Bibel als des Talmuds, die bei dem sog. gebildeten Publikum vorhanden ist und bei der Hartnäckigkeit der Borurtheile sind solche Kundgebungen immer am Platze. Die vorzüglichste Veranstaltung der Israeliten in Brüssel ist der „Wohlthätigkeits-Verein" (soeiete des bienfaisance) gegründet am 1. Dec. 1833 und reorganisirt 1886. Der Vers, beschreibt die sehr zweckmäßige Organisation und alle Zweige der Wohli thätigkeit, welche dieser Verein sich zur Aufgabe gestellt hat. Wir brauchen hier nicht näher darauf einzugehen, da sich eben eine solche Vereinigung in allen größeren jüdischen Gemeinden besteht, und selbst bis in den kleinsten Gemeinden ähnliche Vereine, wenn auch in kleinerem Maßstabe, sich vorfinden. Ganz besonders hebt er die Fürsorge hervor, welche der Pflege der Kranken und der Bestattung der Todten gewidmet wird. Bemerkenswerth ist, was er aus einer früheren Periode mittheilt und was abermals erweist, daß die con-

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