Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1888)
- Date
- 1888-05-10
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
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295 verwirft. Demnach stellt er die Lehre, den Gottesbegriff, die Gotteserkenntniß dem Gesetze doch voran, und nicht dieses, sondern die Lehre ist ihm das Kennzeichen des Judenthums. Dies bewährt er auch in der Feststellung derjenigen Momente, um derentwillen der Israelit lieber den Tod erleiden als sie verletzen soll. Daß der Prophetismus hier nicht als eine Phase, und zwar eine sehr bedeutungsvolle, zwischen dem Mosaismus und dem Talmudismus aufgeführt wird, erscheint uns als ein Fehler. Kein Wort in dem Artikel, daß Christenthum und Islam aus demselben entsprungen oder über die Mission des Judenthums innerhalb der menschengeschlechtlichen Welt. Es fällt dies um so mehr auf, wenn wir diesen Artikel mit dem Artikel „Christenthum" vergleichen. Da der Verfasser dieser Artikel ein jüdischer Theologe ist — die Wahl bezeichnet wiederum die Wohlmeinung der Redaktion — so muß man die Zurückhaltung desselben anerkennen, ohne sich vollständig mit derselben einverstanden erklären zu können. Recht lobenswerth ist der Artikel „Jüdische Literatur"; die Hauptzüge und deren Vertreter sind hier in präziser Weise dargestellt. — Wir begnügen uns heute mit dieser allgemeinen Besprechung und werden bei den weiteren Bänden auf einige Details eingehen. — Einen sehr interessanten Vortrag hat Rabb. vr. N a - than Grün im Vereine „Afike Jehuda“ in Prag: „Sage und Geschichte aus der Vergangenheit der israelitischen Gemeinde in Prag" (Prag, Pascheles, 1886) gehalten. Bekanntlich ist die jüdische Gemeinde zu Prag eine der ältesten und wichtigsten gewesen, so daß man ihr den Ehrennamen „Mutter in Israel" gegeben. Die Frage nach ihrem Alter liegt daher sehr nahe. Eine alte Sage läßt sie durch Flüchtlinge gleich nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer begründet werden, wofür aber jedes historische Zeugniß fehlt. Dann hatte man drei Grabsteine aufgefunden, von denen der eine die Jahreszahl 606 der üblichen Zeitrechnung, der zweite 942 und der dritte 980 trägt. Allein Rappaport hat zur Evidenz bewiesen, daß diese Zahlen um ein Jahrtausend, beziehungsweise 700 Jahre verjüngt wor-! den und daß die Grabsteine dem Anfänge des 17. Jahrhunderts angehören. Dagegen besitzen wir Urkunden, aus welchen horvorgeht, daß in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts die Juden recht zahlreich in Prag wohnten, so daß vorauszusetzen ist, daß deren erste Ansiedelung in Prag etwa gegen Ende des 8. Jahrhunderts zu setzen sei. Seit dem 10. Jahrhundert bilden auch die Juden eine stehende Rubrik in den Mittheilungen der böhmischen Chronisten. Wir begnügen uns hiermit, und da der Schatz der jüdischen Sage aus Prag ein reicher ist, wird jeder Leser den Vortrag mit Vergnügen und Belehrung lesen. — In sehr berechtige! Pietät hat die Wittwe des vor Kurzem verstorbenen Berliner Rabbiners vr. P. F. Frankl „Fest- und Gelegenheits-Predigten" aus der zehnjährigen Wirksamkeit (1877—1887) ihres ihr so früh entrissenen Mannes (Berlin, Simion 1888) herausgegeben. Aber diese Veröffentlichung ist auch durch sich selbst gerechtfertigt, denn diese Predigten sind Ergüsse eines reichen Geistes, der mit Sachkenntniß und klarem Verstände ein tiefes Sittlichkeitsgefüh! und ein warmes Herz verband. Eine ungekünstelte und doch schwungreiche Beredtsamkeit zeichnet sie aus. Wir erhalten hier 3 Predigten für den Neujahrstag, 6 für den Versöhnungstag, 3 für das Hüttenfest, 5 für Peßach und 1 am Wochenfeste. Die Gelegenbeitspredigten befassen theils freudige, theils traurige Ereignisse; 2 betreffen den sel. Lasker, 1 Auerbach. Zum Schluß eine Traurede. Schweigt die Kritik aus Mitgefühl vor einem solchen, von liebender Hand errichteten Denkmal, so hätte sie auch in der That an demselben nichts zu tadeln gefunden. Die Predigten geben ein gutes Zeugniß für die jüdische Kanzelberedtsamkeit auch in der Gegenwart ab. — Auch Jakob W. Pascheles hat seinen ill. Volkskalender für das Jahr 5649 erscheinen lassen. Neben den gewöhnlichen Kalendergaben bringt derselbe ein gutes Portrait des Mathematikers Slonimski, eine Studie von Grünwald über den alten Friedhof in Prag und „Prager Ghettogeschichten" von Bernhard Auerbach. — Deutschland. Berlin, 29. April. (Privatmitth.) Die Leser werden sich aus Nr. 11 dieser Ztg. des unglücklichen Vorbeters und Schächters Ebel erinnern, der, aus Oesterreich eingewandert, von der Provinzialregiernng die Zusage der Naturalisirung erhalten hatte, wenn er die Entlassung aus dem österreichi« j schen Unterthanenverbande nachgewiesen hätte, dann aber, nachdem er die desfallsige Bescheinigung mit großer Mühe erlangt hatte, eine abschlägige Antwort erhielt, so daß ihn die jüdische Gemeinde zu Görlitz entlassen mußte und der arme Mann mit Familie in die größte Dürftigkeit gerieth. Eine an das preußische Abgeordnetenhaus gerichtete Petition kam in der Sitzung vom 27. d. zur Verhandlung. Die