Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1888)
- Date
- 1888-05-10
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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294 Stadt" erwähnt und in der reizenden Idylle Ruth, welche in der Richterzeit spielt, wird ein Gericht aus „zehn Männern von den Aeltesten der Stadt" gebildet, um den Lösungsakt der, der Ruth zukommenden Aecker zu vollziehen (Ruth 4, 2). Dagegen werden weder die Stammesfürsten, noch die Vorsteher erwähnt. Für die ersteren wäre die Gelegenheit, in ihrer Thätigkeit zu erscheinen, nicht selten gewesen. Dahingegen muß die mosaische Rottenabtheilung in 1000, 100, 50 und 10 sich erhalten haben. Als das gesammte Kriegsvolk zum Kampfe gegen Benjamin versammelt war und es galt, für die ungeheure Masse die nöthigen Mittel zum Unterhalt Herbeizusch affen, wählte man (10,10) „zehn Männer von hundert aus allen Stämmen Israels und hundert von tausend und tausend von zehntausend, um Zehrung für das Volk zu holen". Aber noch bedeutsamer ist, daß (1. Sam. 22, 7) Saul seinen Leuten zuruft: „Wird David euch Alle anstellen als Oberste über tausend und als Oberste über hundert?" so daß also diese Einrichtung unter Saul bestanden, also während der Richterzeit erhalten sein muß. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 1. Mai. Die wachsende Ausdehnung unsres Wissens breitet sich über alle Disciplinen aus und arbeitet sie zu Spezialfächern um, so das historische nach allen Richtungen, das naturwissenschaftliche, das literarische und philosophische. Hierzu kommt die sich immer steigernde Ausbreitung höherer Bildung durch immer weitere Kreise des Volkes, wie eine solche in früheren Zeiten noch niemals stattgefunden. Aus beiden Momenten ergiebt sich nicht bloß für den Gebildeten, sondern auch für den Gelehrten das Bedürfniß nach encyklopädischen Werken, um aus ihnen augenblickliche Fragen, die dem Spezialfache des Betreffenden fernliegende Gegenstände berühren, sich beantworten zu lassen. Diesem Bedürfnisse kommen die Conversations-Lexika entgegen, welche bereits im vorigen Jahrhundert erschienen, aber erst im Laufe des gegenwärtigen in Deutschland eine großartige Entwickelung empfingen. Der Gesiichtspunkt, von welchem diese Lexika ausgehen müssen, ist vorzugsweise: die Gegenstände objektiv, parteilos, nach dem jeweiligen Standpunkte der Wissenschaft zu bearbeiten, da nicht der Streit der Parteien, sondern das Resultat, soweit es sich aus wissenschaftlicher Forschung ergeben hat, denjenigen interessirt, welcher ein solches Werk befragt. Hierans erfließt wieder, daß ein Conversationslexikon, welches sich nicht als ein Parteiorgan ankündigt, wie wir auch solche Lexika, besonders sogenannte Staatslexika haben, sondern an das allgemeine Publikum sich wendet, die allgemeine Meinung, gewissermaßen die offizielle Anschauung des gebildeten und gelehrten Publikums repräsentirt. Dies hat für uns Juden in der Gegenwart Bedeutung. Bon so vielen Seiten, auch von deutschen Professoren vielfach angegriffen, durch falsche Darstellung geschmäht und mit alten Vorurtheilen kämpfend, haben Judenthum und Juden ein nicht geringes Interesse daran, auf welche Weise die sie berührenden Artikel in einem Werke abgefaßt sind, das in aller Welt Hände kommt und in so vielen Fällen befragt wird. Wir machen deshalb heute auf ein vorzügliches Werk dieser Art aufmerksam, nämlich auf „Meyers Conversations-Lexikon", von welchem uns in der vierten, gänzlich umgearbeiteten Auflage die ersten 10 Bände (Leipzig, Bibliographisches Institut 1885—1888) vorliegen. Die Ausstattung desselben ist vorzüglich, verhältnißmäßig große und schön geschnittene Typen, kräftiges Papier und ausgezeichnete Illustrationen, so wie eine Menge in den Text eingefügter Abbildungen, Karten und Stadtpläne. Mau kann mit Recht sagen, daß hierin nichts zu wünschen übrig bleibt. Die Aufgabe, welche die Verfasser der darin enthaltenen Artikel auszuführen haben, ist durchaus keine leichte. In bündiger, präzisirter Sprache, haben sie ihre Gegenstände möglichst vollständig und doch nur in den Hauptsachen darzustellen. Es liegt ihnen deshalb ob, sowohl die richtige Auswahl des zu gebenden Stoffes zu treffen, als auch den angemessenen klaren und bezeichnenden Ausdruck zu finden. Alles Ueberflüssige ist zu vermeiden, wer aber bestimmt die Grenze des Nothwendigen? Der Leser wünscht in der Regel noch mehr zu erfahren, aber der für die Details bestimmte Raum muß eingehalten werden, und so kommt es schließlich auf den Takt des Verfassers, der doch Fachmann sein muß, an, das Wichtige und Charakteristische hervorzuheben. In Meyers Conversationslexikon finden wir nun Judenthum und Juden in reichlichem Maße bedacht. Die bezüglichen Artikel sind durchaus parteilos, objektiv, vielleicht hier und da allzu sehr, gehalten; weder Lob noch Tadel ist ausgesprochen; überall ist die geschichtliche Thatsache in einfacher klarer Sprache dargestellt, weder der Tradition huldigend, noch extremer Kritik Raum gebend. So ist in diesem Werke die ruhige und besonnene Betrachtung vorwiegend, was uns natürlich mit Rücksicht auf das allgemeine Publikum von großem Werthe ist. Natürlich bleibt Manches zu wünschen übrig. Sv ist der Artikel „Judenthum" unsrer Meinung nach dürftig behandelt. Vermissen wir doch in ihm irgend welche Mittheilung über die eigentliche Lehre, über den dogmatischen Inhalt desselben. Der Verfasser scheint der Mendelssohn'schen Ansicht, das Judenthum sei nur Gesetz, sich zuzuneigen. Wenn aber der Talmud durchgehends das Gesetz behandelt, so setzt er eben die Lehre als bekannt voraus und ist nicht gewillt, sich in metaphysische Betrachtungen einzulassen; aber er stellt doch den Grundsatz auf, daß Jeder als Jude anzusehen sei, welcher den Götzendienst