Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1888)
- Date
- 1888-05-10
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
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292 er „600 Mann mit dem Rinderreitel erschlagen hatte" — wobei ihm wohl einige Freunde geholfen. (3, 3 t.) Unter solchen Umständen war es auch möglich, daß ein Weib das Amt eines Richters erwarb. Das Volk hatte natürlich das Bedürfniß, sich irgendwo Rath und Entscheidung holen zu können. Als nun Deborah sich den Ruf einer „Prophetin" gewonnen hatte, erkannte das Volk ihre Weisheit und Frömmigkeit an, und suchte sie auf, wenn sie unter einer Palme zwischen Ramah und Bet-El im Gebirg Ephraim „zu Gerichte saß". Die Nordkanaaniter fielen siegreich in Israel ein und drückten sie in höchst empfindlicher Weise. Sie besaßen 600 eiserne Streitwagen und gegen sie wagte Niemand den Kampf. Da erhob sich Deborah. Als Frau vermochte sie nicht das Amt des Feldherrn zu übernehmen, denn dazu gehörte nicht bloß, die Schlacht anzuordnen und zu leiten, sondern auch Allen voran auf den Feind einzustürmen und zu kämpfen. Es ist nun bemerkenswerth, daß der von ihr zum Anführer berufene Barak die Bedingung stellte, daß Deborah mit in den Kampf ziehe. Er mußte sich nicht Zutrauen, Ansehen genug zu besitzen und von der Anwesenheit Deborahs die Begeisterung der Krieger erhoffen. Ihrem Rufe folgten besonders die Stämme Raphtali und Sebulun. Glücklicher Weise besitzen wir noch den Siegesgesang der Deborah nach der völligen Niederlage der Nordkanaaniter und dem Tode ihres Heerführers Sisra durch die Hand der Jael. In jener Hymne gießt Deborah ihren Spott über Rüben, Dan, Ascher aus, die zurückgeblieben vom Kampfe, denn Alles beruhte damals auf Freiwilligkeit (5, 9). Vierzig Jahre hatte das Land Ruhe, bis Midjan mit Amalek und anderen östlichen Stämmen in das Land einfielen und es dermaßen verheerten» daß die Einwohner sich in die Berge und Höhlen flüchteten und „keine Lebensmittel übrig blieben in Israel". Jetzt erstand Gideon aus dem Stamme Manasseh, „der Jüngste im Hause seines Vaters". Er hatte sich einen Namen dadurch gemacht, daß er den Altar Baals umstürzte und den Astartenhain umgehauen hatte. Ihm folgten die Mannen aus dem Stamme Manaffeh, Ascher, Sebulun und Raphtali. Sein Sieg war vollständig. Jetzt machten ihm die Männer Ephraims Vorwürfe, warum er sie nicht berufen und Gideon beschwichtigte sie durch die Beute, die er ihnen überließ. Nach mehrfachen glücklichen Heldenthaten sprach „die Mannschaft von Israel zu Gideon: Herrsche über uns, sowohl du als dein Sohn, als auch der Sohn deines Sohnes!" Gideon aber antwortete ihnen: „Nicht will ich und nicht soll mein Sohn über euch herrschen; der Ewige herrsche über euch!" Wir haben hier die erste Spur des Verlangens nach dem Königthum und zwar in Erbfolge. (Kapp. 6—8.) Ein unehelicher Sohn Gideons wurde von den Bürgern Sichems zum „Könige" gewählt; doch nach drei Jahren zerfiel er mit den Bürgern, brannte die Stadt nieder und fiel selbst. Es ist wohl nur eine Phrase, wenn es (9, 22) heißt: „Abimelech herrschte über Israel drei Jahre", da seine Herrschaft schwerlich weit über das Weichbild Sichems hinausging. Bald darauf wurde Thola aus dem Stamme Jssachar Richter, dann Jair, aus Gilead. Kriegerische Thaten werden von ihnen nicht gemeldet, sondern nur wie lange sie Israel „richteten", doch lassen sich dergleichen voraussetzen. Anders verhält es sich mit dem folgenden Richter Jiphtach. Auch er war unehelich geboren und aus Gilead. Er wird sofort (11, 1) ein tapferer Held genannt. Aber seine Brüder verjagten ihn aus dem Hause seines Vaters, daß er nicht mit ihnen erbe. Er flüchtete sich nach Tob, einer dem Lande Gilead benachbarten syrischen Landschaft. Er versammelte eine Schaar besitzloser Männer um sich und führte wohl mit ihnen Kriegszüge gegen Feinde Israels auf eigene Hand aus. Dann, als die Ammoniter in Gilead einfielen, wandten sich die Blicke der Gileaditer auf Jiphtach, und sie sandten die Aeltesten Gileads zu Jiphtach, damit er ihr Anführer gegen die Ammoniter werde. Sie schlossen mit ihm einen Vertrag, daß, wenn er sie siegreich gegen die Feinde geführt, er ihr Oberhaupt (tPfo) werde Zeit seines Lebens. Wir sehen an diesem Borgang so recht klar, auf welche Weise die Richter zu ihrem Amte kamen. Sein Heer rekrutirte sich aus ganz Gilead und Manasse. Auch dies Mal erhoben sich die Ephraimiten gegen den siegreichen Anführer, weil er sie nicht berufen habe. Vergebens erinnerte sie Jiphtach, daß er sie wohl gerufen, sie aber nicht gekommen seien. Dies führte zu einem Bürgerkriege zwischen Jiphtach und dem Stamme Ephraim, in welchem dieser letztere unterlag (12, 1). Wir haben nun noch des Richters Jbzan aus Betlehem und Elon aus Sebulun, sowie Abdon, der Pirathoni in Ephraim, zu erwähnen. Mustern wir so die ganze Reihe der Richter, von denen uns Kunde geblieben, so sehen wir sie aus den verschiedensten Stämmen hervorgehen und hat sich wohl in der Regel ihre Herrschaft nicht viel über den eigenen Stamm hinaus erstreckt. Das Buch der Richter bringt hierauf die höchst anziehende Epopöe vom starken Simson. Was jedoch von ihm erzählt wird, befaßt nur persönlichen Hader mit den Philistern und seine Kämpfe gegen diese, die auch nur als persönliche dargestellt werden. Am Schluffe heißt es zwar (15, 20): „Er richtete Israel in den Tagen der Philister 20 Jahre", aber dies soll wohl nur die Dauer seiner Thätigkeit angeben; als eigentlicher Anführer einer Kriegsschaar, also als Richter, erscheint er nirgends. Hieran reiht sich die traurige Episode des Bürgerkrieges zwischen Benjamin und den übrigen Stämmen. Wiederholt wird hervorgehoben: „In jenen Tagen war kein König in Israel, ein Jeglicher that, was recht war in seinen Augen". Und das letztere geschah denn auch allzu reichlich. Dennoch zeigt uns dieser blutige Bruderkampf auch einige Lichtseiten. In Gi-