Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1888)
- Date
- 1888-05-10
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
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desto mehr, je höher das Wesen organisirt ist und je höher es auf der Stufe der geistigen Befähigung und Entwickelung steht. Aber auf dieselbe Natur beruft sich der Socialismus. Er sagt: Alles Existirende bildet eine unendliche Gesummtheit, und der Bestand dieser Gesammtheit und aller in derselben bestehenden Kreise ist durch die Eingliederung aller individuellen Wesen in die Kette der Gesammtheiten ermöglicht. Deshalb kümmert sich die Natur nicht um die Individuen; sie überläßt sie ihrem Schicksal, sie opfert sie in unzähligen Mengen eines dem anderen und für die Gesammtheit. Ferner: kein Individuum besteht für sich, sondern ist auf die anderen angewiesen; jedes entsteht schon aus einer Vereinigung, und das menschliche Kind würde ohne die Hilfe Anderer kaum 24 Stunden leben bleiben; seine Eigenschaften entwickelt es nur durch die Vereinigung, die Bedürfnisse aller Individuen werden nur durch die vereinten Arbeiten Aller befriedigt. Ein Robinson auf einer einsamen Insel kann sich nur erhalten, durch das, was er aus einem Culturlande mitgebracht. Schon Seneca nennt den Menschen ein animal sociale, also ein Wesen, das nur in der Gesellschaft bestehen kann. Die wesentlichen Eigenschaften eines Individuums sind nur diejenigen, welche es mit seiner Gattung gemein hat; es besteht kein Unicum, sondern nur Gattung. Das gemeinsame Schicksal der Gattung ist auch in der Natur das des Individuums: es wird unter den Lebensbedingungen, unter welchen die Gattung ersteht, und wo diese sich verändern, geht die Gattung unter und hiermit alle ihr zugehörigen Individuen. Dies bezeugt uns die Natur hinlänglich durch die Reste früherer Gattungen, die uns in den Fossilien aufbewahrt sind. Beide Anschauungen suchen also ihre Begründung, wenn auch in verschiedener Weise, in der Natur. Aber ebenso treffen sie in ihrem Endziel zusammen. Wenn der Individualismus das Individuum zu seinem Selbstzweck macht, wenn er ihm die Selbsterhaltung und Selbstentwickelung als alleinigen Zweck seines Daseins setzt, wenn er ihm nur die Aufgabe stellt, seinen Nutzen zu suchen und seinen Schaden abzuwehren: so ist folgerichtig seine Consequenz die nackte Selbstsucht, der unbedingte Egoismus, der den ganzen Kreis seiner Rechte und Pflichten lediglich in seiner Person findet, und hiermit ist das sittliche Bewußtsein verleugnet, die Sittlichkeit aufgehoben. Nun, wir wissen, wie Philosophen des Individualismus den Egoismus zur Basis ihres sogenannten Moralsystems gemacht haben. Sie verstiegen sich sogar zu der Behauptung, daß auch das, was wir eine gute, eine wohlthätige Handlung, eine Hingebung, ein Opfer für Andere nennen, nur aus dem Verlangen nach dem Gefühle der Befriedigung entspringe, welches wir nach einer solchen That empfinden, also auch nichts weiter als Egoismus sei. Nicht schwer ist es, den Widerspruch zu zeigen, in welchen sie mit sich selbst verfallen. Denn einerseits ist schon die Befriedigung, die wir nach einer Bethätigung des Edelmuthes und der Aufopferung empfinden, ein Beweis gegen den Egoismus, der nur seinen eigenen Bestand und Vortheil im Auge hat. Empfinden wir eine wohlthuende Befriedigung nach einer mit Opfer verbundenen, eigene Schädigung bringenden That, so ist dies ein vollständiger Beweis, daß es unsrer Natur widerspricht, unfern eigenen Nutzen zum Alleinzweck zu haben. Andrerseits ist es nicht wahr, daß dieses erwartete Gefühl einer Befriedigung das wirkliche Motiv hochherziger Aufopferung für Andere sein könne und sei. In unzähligen Fällen muß die gute That so schnell und ohne alle weitere Erwägung geschehen, daß an eine hinterhältige Erwartung, an eine Befriedigung gar nicht zu denken ist. Ebenso treten nicht selten Schmerzen und schmerzliche Verluste nach einer solchen That für uns ein, welche, wenn wir egoistisch dabei verfahren wären, nur Bedauern, nicht aber Befriedigung in uns erwecken würden. Wir bedauern aber unsre Handlung nicht, und das Gefühl der Befriedigung ist eben nur ein Trost und eine Beruhigung. Ganz dasselbe erzielt aber auch der Socialismus. Er, der dem Menschen jede persönliche Freiheit entzieht und ihn nur zum Knechte der Gesellschaft macht, der vom Denken, Sprechen und Thun des Individuums verlangt, daß es lediglich nach dem Willen der Gesammtheit und für die Leistung, die ihm diese auserlegt, geschehe, er, der also das Individuum nur zu einer geistbegabten Maschine, sonst aber zu einem Automaten der Gemeinschaft macht, er leugnet hiermit jedes sittliche Bewußtsein, vernichtet die Sittlichkeit. Gerade aber hierin liegt der Beweis für die Unwahrheit beider Ansichten. Wer dem menschlichen Wesen, wie der Individualismus dem Individuum das sittliche Bewußtsein, wie der Soeialismns der Gesellschaft die sittliche Ordnung entzieht, der geräth in schwere Verirrungen. Das sittliche Gefühl, die Unterscheidung von gut und böse, von recht und unrecht ist der menschlichen Seele tief eingewurzelt, ein integrirendes Element derselben. Mit tiefem Sinne schreibt deshalb dieh. Schrift das Erwachen dieses sittlichen Bewußtseins keiner besonderen Nation oder Religion, sondern dem ersten Menschenpaare zu, d. h. dem Menschengeiste mit der ersten Phase seiner Entwickelung. Wie verschieden auch im Einzelnen die Sittlichkeit und ihre Vorschriften von den einzelnen Nationen und Epochen aufgefaßt wurden, wie sehr sie auch mit den vorherrschenden Zuständen in Conflict geriethen, sie waren immer vorhanden und gaben den Maßstab der Beurtheilung her. Auch im entartetsten Zustande fand sich in allen geschichtlichen Perioden keine Nation vor, in welcher nicht sittliche Vorstellungen und Triebfedern walteten und ihre Stimme gegenüber den Verirrungen der Nationen erhoben. Es ist deshalb das erste Kennzeichen eines falschen Systems, wenn es dem Leben des Einzelnen wie der Gesammtheit das sittliche Fundament entziehen und andere Mo-